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Drachen und Adler


von Hartmut Voelkel


Die Kombination von Adler und Drachen beziehungsweise Adler und Schlange ist archetypisch. Die Figur oder eine ihrer Varianten drückt in vielen Kulturen die Beziehung männlich-weiblich, himmlisch erdhaft, auch gut-böse, aus. Zu unterscheiden ist dabei ein Miteinander von einem Gegeneinander. Bezeichnend für das Miteinander ist etwa die Kombination des Geiers für Ober- und der Schlange für Unterägypten in der Herrschaftssymbolik des antiken Ägypten nach der Reichseinigung, das Auftreten von Greif und Schlange als Motiv in Mesopotamien und schließlich die Verknüpfung von Adler und Drachen in der kaiserlichen Emblematik.

 

 

Die Ursache für entsprechende Vorstellungen des Mittelalters ist wohl darin zu suchen, daß man den Drachen als das Machtzeichen des Heidentums verstand. Unter den vielen Belegen für diesen Gedanken sei nur auf das Wappen des heidnischen Königs Terramer in Wolframs Willehalm hingewiesen und auf die Kombination von Adler und Drachen im Phantasiewappen Cäsars, das im Wappenbuch des Konrad Grünenberg aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts verzeichnet ist. Man kann in dieser Überlieferung den Grund für den Entschluß Kaiser Maximilians I. sehen, den Drachen zusammen mit dem Adler als Insignie zu verwenden. Möglicherweise spielte aber auch die Zurückführung seiner Ahnenreihe auf König Artus eine Rolle, der einen Drachen im Wappen geführt haben sollte.

 

 

Auffällig ist in jedem Fall, daß das Sinnbild nach dem Tod Maximilians wieder aus dem Repertoire kaiserlicher Embleme verschwand. Wenn es dann für die Symbolik Papst Pauls V. wichtig werden sollte, hing das zuerst mit dem Wappen seiner Familie, der Borghese, zusammen, die im geteilten Schild oben einen schwarzen Adler auf goldenem Feld, unten einen goldenen Drachen im blauen Feld führten. Der baufreudige Pontifex ließ in seiner Amtszeit zahlreiche Gebäude in Rom und im päpstlichen Besitz Avignon mit Drachen und Adler dekorieren. Ob es sich dabei auch um einen Versuch der Usurpation kaiserlicher Abzeichen handelte, ist nicht auszuschließen. Zuletzt bleibt aber zu betonen, daß die Verknüpfung von Adler und Drachen beziehungsweise Schlange im Abendland nur eine untergeordnete Rolle spielte. Adler und Schlange als Begleiter Zarathustras waren jedenfalls von Nietzsche auch wegen der Ungewöhnlichkeit und Anstößigkeit dieser Symbolik gewählt worden: „Ein Adler zog in weiten Kreisen durch die Luft, und an ihm hing eine Schlange, nicht einer Beute gleich, sondern einer Freundin: denn sie hielt sich um seinen Hals geringelt.“

 

 

Im Normalfall sind Adler und Drachen Ausdruck der „Polarität des Daseins“ (Manfred Lurker). Die Vorstellung hat ihren ersten Anhalt an der naturhaften Wirklichkeit, insofern, als manche Greifvögel – etwa der zu den Habichtartigen gehörende Schlangenadler – bevorzugt Echsen und Schlangen fressen. Wichtiger ist aber die Übertragung sehr alter mythischer Vorstellungen vom Antagonismus der uranischen himmlischen) und der chthonischen (erdgebundenen) Kräfte. Ein frühes Beispiel dieser Konzeption sind die „Schlange Endlos“ Shesha und Garuda, ein vogelartiges Mischwesen, als Repräsentanten des Hindugottes Vishnu. Garuda verbindet in seinem Äußeren die Attribute von Mensch und Adler, er wird als „Schlangentöter“ oder „Schlangenverzehrer“ angerufen und spielt in der indischen Volksfrömmigkeit eine wichtige Rolle. In der hellenistisch beeinflußten Kunst des nordindischen Gandhara wurde die Sage vom Raub des Ganymed durch Zeus in Adlergestalt auch abgebildet durch einen Adler, der eine Schlange ergriffen hat. Der Garuda wurde zudem früh als Hoheitszeichen aufgefaßt und hat diesen Status im Wappen Thailands – dessen König als Inkarnation Vishnus gilt – bis heute behauptet.

 

 

Ähnliche allegorische Konzepte gab es auch im Abendland. Angedeutet findet sich der Zusammenhang schon bei Homer, der schilderte, daß ein Adler, der über dem belagerten Troja aufflog und eine blutende Schlange in seinen Fängen hielt, den Griechen als Omen ihres Sieges erschien. Die Rekonstruktion der Bemalung der Figuren am Giebel des Aphaia-Tempels ergab, daß einer der Krieger einen Schild trug, der auf blauem Feld die weiße Silhouette eines fliegenden Adlers zeigt, der eine Schlange in seinem Schnabel hält. Weiter ist die Edda zu nennen, die vom ewigen Streit berichtet, der zwischen dem Adler Hräsvelg, der im Wipfel, und dem Drachen Nidhögg, der am Wurzelwerk der Weltenesche Yggdrasil sitzt. Die im Altertum verbreitete Vorstellung von der Urfeindschaft zwischen Adler und Schlange wurde nach dem Sieg des Christentums dahingehend gedeutet, daß man den Adler oder Greifen im Kampf gegen Schlange oder Drachen auch als Sinnbild Christi verstand, der den Tod oder das Böse besiegt hatte. Bei dem Kirchenvater Ambrosius hieß es: „Unter dem Adler ist Christus zu verstehen, der sich im Flug zur Hölle niederließ ... Mit erschütterndem Schrei hat er in gewaltigem Flug die Hölle erstürmt und ist – mit den Heiligen als Beute – zum Himmel zurückgekehrt.“ Das Motiv des schlangenvertilgenden Adlers setzte sich in der Kirche des Morgen- wie des Abendlandes durch; seit dem 9. Jahrhundert verknüpfte es sich auch mit der Darstellung des Johannes-Adlers, der etwa auf den Adler-Pulten eine Schlange in den Fängen faßte.

 

 

Die dualistische Deutung als Sinnbild für den Kampf von Gut und Böse, Licht und Finsternis, Himmel und Hölle, legte eine politische Übertragung nahe. Die fand spätestens beim Kampf zwischen Ghibellinen – kaiserfreundlichen – und Guelfen – kaiserfeindlichen - Parteigängern in Italien statt. Die Guelfen nahmen (überraschenderweise, denn das Wappenbild der namengebenden Welfen war ein Löwe) einen roten Adler als Abzeichen und stellten ihn mit einer Schlange oder einem Drachen in den Fängen dar, um den zukünftigen Sieg über die gegnerischen Ghibellinen zu symbolisieren.

 

 

Das Bild ist aus der politischen Propaganda später nie wieder ganz verschwunden. In der Neuzeit scheint man vor allem in Preußen Gefallen daran gefunden zu haben, was sich unschwer aus der Bedeutung des Adlers, des preußíschen Hoheitszeichens, erklärt. Jedenfalls kann man eine kontinuierliche Verwendung seit dem 18. Jahrhundert nachweisen. Noch 1913 ließ Wilhelm II. eine Münze zur Erinnerung an den 100. Jahrestag des Beginns der Befreiungskriege prägen, die einen herabstürzenden Adler zeigte, der eine Schlange am Boden attackierte. Das Motiv spielte auch später eine Rolle; 1944 wurde etwa eine fast identische Darstellung auf der Briefmarke zur Erinnerung an den Hitler-Putsch vom 9. November 1923 gedruckt.

 

 

Zuletzt sei an den Ursprung des in der Gegenwart bekanntesten Beispiels für die Kombination von Adler und Schlange erinnert. Es handelt sich dabei um eine mexikanische Legende, derzufolge der Gott Huitzilopochtli die Azteken auf der Suche nach einem neuen Siedlungsraum geführt haben soll, bis es in die Gegend des heutigen Mexiko City kam. In Gestalt eines Adlers erschien er seinem Volk und bezeichnete den Platz, wo die neue Hauptstadt des Reiches liegen sollte, indem er eine Schlange schlug und auf einem Feigenkaktus verzehrte. Die neue Stadt erhielt den Namen Tenochtitlan – „Im Nabel des Mondes – Ort des Feigenkaktus“. Der Amerikanist Walter Krickeberg gab der Verknüpfung von Adler und Schlange allerdings eine über die Gründungssage hinausreichende Deutung, wenn er feststellte, daß sie den Gedanken ausdrückte, „daß sich das gesamte Weltgeschehen aus dem Kampf polarer Gegensätze ergibt, denn der Adler bezeichnet die Sonne und den Tageshimmel, die Schlange den Sternengürtel des mexikanischen Tierkreises und den Nachthimmel“.

 

Das Bild des Adlers mit der Schlange muß sich in der Erinnerung der indigenen Bevölkerung trotz der jahrhundertelangen spanischen Kolonisation erhalten haben, so daß nach der Erlangung der Unabhängigkeit ein entsprechendes Symbol 1815 beziehungsweise 1821 in das Wappen Mexikos gesetzt wurde und ohne Veränderung bis heute bewahrt blieb.

 

Literatur: Lurker, Manfred: Adler und Schlange. Tiersymbolik im Glauben und Weltbild der Völker, Tübingen 1983; Schmidt; Heinrich und Margarethe: Die vergessene Bildersprache christlicher Kunst. Ein Führer zum Verständnis der Tier-, Engel- und Mariensymbolik, München ²1982; Schwarzenberg, Karl Fürst: Adler und Drache. Der Weltherrschaftsgedanke, Wien 1958; Thomas, Helga: Beispiele der Wandlung. Adler und Schlange als Natursymbole, in: Antaios 12 (1971), S. 48-57; Zimmer, Heinrich: Mythen und Symbole in indischer Kunst und Kultur, Gesammelte Werke, Bd 1, Zürich 1951.

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