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Der Verein Sanct Michael


von Redaktion


Der „Sanct Michael – Verein Deutscher Edelleute zur Pflege der Geschichte und Wahrung historisch berechtigter Standesinteressen“ wurde im Jahr 1905 gegründet. Es handelte sich, wie der Name schon sagte, um eine Adelsgenossenschaft, die ideellen wie praktischen Absichten dienen sollte. Dabei spielten heraldische und genealogische „Adelsfragen“ naturgemäß eine wichtige Rolle; das Vereinsorgan erschien in den ersten Jahren bezeichnenderweise als Beilage der Heraldisch-genealogischen Blätter für adelige und bürgerliche Geschlechter.

 

Der Sanct Michael beruhte auf ökumenischer Basis, vorausgesetzt war lediglich das christliche Bekenntnis, gleichgültig welcher Konfession. In drei „Aufrufen an den deutschen Adel“ – vom Januar sowie Dezember 1911 und vom Dezember 1913 – warb der Verein für seine Anliegen. Die Bemühungen hatten allerdings nur begrenzten Erfolg, die Zahl der Mitglieder überstieg niemals einige hundert.

 

 

Aus den Statuten des Vereins geht hervor, daß man die Namenswahl bewußt getroffen hatte, um auf den „deutschen Schutzpatron“ zurückzugreifen. Ein Anliegen, das in die Zeit paßte; Kaiser Wilhelm

II. war als Verehrer Sankt Michaels bekannt. Dessen Auffassung von Sankt Michael als Nationalheiligem einerseits und Sinnbild des deutschen Wesens andererseits entsprach offenbar ganz der der Gründer des Vereins, die ausdrücklich am Michaelistag 1905 zusammentraten und sich mit dem Namen ihres Zusammenschlusses dem „Bannerträger und Schutzpatron des deutschen Volkes“ unterstellten. Auf dem Umschlag des ersten „Aufrufs“ hatte man zwei Strophen des populären Liedes Der deutsche Michel von Ottokar Kernstock abgedruckt:

 

„Sankt Michel, der vor Gottes Thron

Hält mit den Engeln Wache,

Du bist der Deutschen Schutzpatron;

Entscheide unsre Sache!

 

Tu um dein Schwert,

zäum' auf dein Roß

Und zeuch voran dem Heere!

Es gilt die deutsche Ehre!

Sankt Michel, salva nos!“

 

 

Es existierte dementsprechend als „Vereinszeichen“ eine Allegorie, die die Wappenbilder der Mitglieder des Kapitels (links: von Aufseß, von Froben, von Guttenberg, von Künsberg, von Minnigerode, von Münster; rechts: von Berchem, von Gaisberg, von Kohlhagen, von Lindenfels, von Müllenheim, von Tautphoeus) als Rahmen einer Darstellung des triumphierenden Erzengels zeigt. Der steht mit erhobenem Schwert in ritterlicher Rüstung, den deutschen Adler als Wappenzeichen, über dem zusammengekrümmten Teufel.

 

Das Motiv ging auf den „Vereinsschildner“, den Maler Gustav Adolf Closs, zurück, der für den „Sanct Michael“ das entwarf, was man heute corporate design nennen würde. Closs war in der wilhelminischen Zeit wegen seiner Geschichtsbilder und Buchillustrationen bekannt, hatte aber außerdem einen Ruf als Heraldiker und Exlibris-Künstler. Die Arbeit für den Verein Sanct Michael kam durch seine enge Freundschaft mit Friedrich Freiherr von Gaisberg-Schöckingen, den Ersten Vorsitzenden, zustande. Beide hatten auch schon dem „Verein Sankt Georgen – Vereinigung des württembergischen ritterschaftlichen Adels“ angehört, für den

Closs ein Emblem konzipierte, das Sankt Georg zu Pferd über dem Drachen in einer siegelartigen Darstellung zeigte. Ein ganz ähnliches Muster zeichnete er für den Verein Sanct Michael: der Erzengel hinter einem Schild mit rotem Kreuz stehend, das sich auf den besiegten Drachen stützt, dazu ein Schriftband umlaufend.

 

 

Außerdem gab es noch ein weiteres Motiv, das Michael im Kampf gegen den Drachen präsentierte. Dessen Dynamik – und die beinahe impressionistische Fassung der farbigen Variante – waren für Closs allerdings ungewöhnlich. Er bevorzugte sonst einen flächigen, gotisierenden Stil, der auch schon bei seiner ersten Beschäftigung mit dem Thema Sankt Michael zur Geltung gekommen war. Für eine Sammelbilderserie „Deutsche Wappen“, die er 1900 im Auftrag der Firma Stollwerck Chocolade erstellte, hatte Closs den Erzengel über dem Drachen in spätmittelalterlicher Rüstung (mit dem Wappen des Kaiserreiches auf dem Schild) gezeichnet. Das entsprach sehr weitgehend der Auffassung, die auch der erwähnten Allegorie zu Grunde lag. Sie wurde bevorzugt für Werbezwecke genutzt. Sonst ist nur noch eine Variante mit Sankt Michael in Kettenhemd und Waffenrock des 11. oder 12. Jahrhunderts samt Kreuzfahne bekannt. Sie findet sich zum Beispiel auf einer offenbar während des Ersten Weltkriegs hergestellten Postkarte, die zudem – wohl wegen einiger Wechsel im Kapitel des Vereins – andere Wappenbilder als die oben erwähnte Allegorie

zeigte (obere Reihe: von Arnswaldt, von Berohelm, von Dobeneck, von Gaisberg; mittlere Reihe: von Künsberg, von Lindenfels, von Münster, von Minnigerode; untere Reihe: von Schaumberg, von Senckendorff, von Tautphoeus, von Waldenfels).

 

 

Hervorzuheben ist, daß im Hinblick auf die Gestaltung der Vereinsembleme nichts dem Zufall überlassen wurde. In einer umfangreichen Abhandlung hat von Gaisberg-Schöckingen die einzelnen Elemente erläutert, auch solche, die dem Betrachter kaum auffallen würden. Dazu gehört etwa die Darstellung des Kreuzes auf dem Schild als „Ankerkreuz“, um es hinreichend vom Georgskreuz zu unterscheiden, oder die Wahl von Blau und Weiß für Wappen und Fahne Michaels. Sie brachte von Gaisberg-Schöckingen mit den Symbolfarben Wodans in Verbindung, dessen Kult er als Ursprung der germanischen Michaelsverehrung betrachtete. Verknüpft war diese Deutung mit Spekulationen, die der „Ariosoph“ Guido [von] List in Umlauf gebracht hatte, der behauptete, daß alle traditionellen Wappen auf „urgermanische“ oder „urarische“ Sinnbilder zurückgeführt werden könnten und eine verborgene – „verkalte“ – Bedeutung enthielten.

 

Über die Tätigkeit des Vereins Sanct Michael ist ansonsten wenig bekannt. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie 1918 verlor er wie viele ähnliche Organisationen seine gesellschaftliche Basis. Die Mitteilungen des St. Michael erschienen immerhin noch bis 1936. Danach wurden sie eingestellt, und wahrscheinlich erlosch parallel auch der Verein.

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