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Sankt Georg als Edelmann


von Redaktion


Das Oratorium des Heiligen Georg könnte man neben der imposanten Basilika des Heiligen Antonius in Padua leicht übersehen. Was aber bedauerlich wäre, denn es bietet nicht nur einige ausgesucht schöne Fresken, mit denen der ganze Raum ausgemalt ist, sondern auch eine Ikonographie Georgs, die von der üblichen abweicht. So kommen zwar Herkunft, Drachenkampf, Taufe des heidnischen Königs und Martyrium vor. Aber die eigentliche Schlüsselszene, die sich über einen großen Teil der Längsseite erstreckt, zeigt, wie Georg den Stifter der Kirche, den Markgrafen Soragna Raimondino de’ Lupi (erkennbar am zurückgesetzten Helm mit dem Wolfskopf; der Wolf war das Motiv des „redenden“ Wappens der Lupi) zusammen mit dessen wichtigsten Angehörigen der Himmelskönigin Maria vorstellt, so wie man einen Vornehmen und seine Familie der Herrin bei Hof vorstellte.

 

 

Die Fresken entstanden zwischen 1378 und 1384. Sie sind vor allem das Werk Altichiero da Zevios, der zu den bedeutendsten Meistern der Zeit gehörte. Sein Auftraggeber und Bauherr des Oratoriums war der erwähnte Raimondino de‘ Lupi, der die Kirche als Begräbnisstätte für seine Familie vorgesehen hatte. Das Adelsgeschlecht der Lupi ist bis in das 12. Jahrhundert zurückzuverfolgen, hielt sich zur ghibellinischen Partei und erlangte unter Kaiser Karl IV. die Markgrafenwürde. Vielfach stellte man in Oberitalien, so auch in Padua, den Stadtherrn.

 

Daß Raimondino die Grablege seines Hauses Georg geweiht hat, war so wenig Zufall wie der besondere Akzent in der Auffassung der Gestalt des Heiligen. Mit den Kreuzzügen hatte sich in Europa eine zweite Welle der Begeisterung für St. Georg ausgebreitet. Galt die erste dem Glaubenszeugen, dann die zweite dem Kämpfer. Damit verbunden war die Aufgabe eines Vorbehalts der westlichen Kirche gegenüber den Kriegerheiligen, die im Osten schon lange verehrt wurden. Georg verlor dabei viel von seiner Volkstümlichkeit und wandelte sich zum Patron des Adels. Man weihte ihm Burgberge und -kapellen, Vereinigungen – wie den „Jörgenschild“ im Reich – oder nahm ihn als persönlichen Schutzheiligen an, wie etwa Eduard III., König von England, oder Karl der Kühne, Herzog von Burgund.

 

 

Gleichzeitig verschränkte sich die Georgslegende mit den in der Aristokratie beliebten Ritterromanen. Die Ausgestaltung nahm immer phantastischere Formen an. Georgs Leben wurde mit dem der Heiligen Familie verknüpft, er stieg zum König auf, die Befreiung der Prinzessin führte zur Heirat und Geburt zahlreicher Söhne. Der Drachenkampf erschien als „aventure“, aber auch als exemplarische Tat, Georg selbst als das ritterliche Vorbild schlechthin. Und je mehr sich die Idee des Rittertums verfeinerte, desto stärker ging die Idee von Georg als Retter einer Dame und Beschützer Mariens zu der eines Mannes über, der auch die Regeln des höfischen Dienstes beherrschte.

 

Ausdruck fand diese neue Vorstellung in der Kunst am Übergang zur Renaissance, so im Fall des jugendlichen Georg, den Donatello, geschaffen hat, und der mit seiner gleichzeitig lässigen und gespannten Haltung eher an eine antike als an eine mittelalterliche Darstellung denken läßt, oder in dem von Antonio Pisanello zwei Generationen nach den Bildern Altichiero da Zevios gemalten Fresko in Sant‘ Anastasia, Verona, das den Abschied Georgs von der Prinzessin so in Szene setzte, daß man an ein ganz profanes, wenngleich von Pracht und zeremonieller Strenge bestimmtes Geschehen denkt.

 

Mit der Reformation hat die Vorstellung von St. Georg als Edelmann ihre Bedeutung weitgehend verloren. In den katholisch gebliebenen oder wieder katholisch gewordenen Ländern trat er fast nur noch als Nothelfer in Erscheinung. Lediglich England beschritt einen Sonderweg, insofern als man auch nach dem Übergang zum Protestantismus an Georg als Nationalheiligem festhielt. Das begründete seine bleibende Popularität, und die Verbreitung von Richard Johnsons 1596 erschienenem Buch Most Famous History of the Seven Champions führte zu der fixen Vorstellung, daß Georg ein „englischer Ritter“ war, der nicht nur den Drachen – in seiner englischen Heimat – tötete, sondern auch in Liebe zu einer Prinzessin entbrannte, deren Namen Johnson zu nennen wußte. Bis heute heißt sie in der englischsprechenden Welt ganz selbstverständlich „Sabra“.

 

 

Die Beziehung zwischen Georg und Sabra hat bis in die Gegenwart romantische Vorstellungen inspiriert. Berühmt ist das Gemälde „Die Hochzeit St. Georgs und der Prinzessin Sabra“ aus dem Jahr 1857 von dem Präraffaeliten Dante Gabriel-Rossetti, das das Paar in einer Umarmung versunken zeigt. Es ist in der Tate zu bewundern, findet sich aber auch in zahlreichen Reproduktionen auf allen möglichen Gegenständen des touristischen Bedarfs.

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