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Christus Victor


von Redaktion


Im südschwedischen Lund steht die älteste Kathedrale Skandinaviens. Im 12. Jahrhundert errichtet, sollte die große steinerne Kirche machtvoll die Bedeutung des christlichen Glaubens zeigen. Manches von dem, was aus der Entstehungszeit erhalten ist, hat noch gewisse barbarische Züge an sich, zeugt aber immer von der Kunstfertigkeit und dem Gestaltungswillen jener, die hier gearbeitet haben. Das gilt auch für ein Portal mit reichem Figurenschmuck und Tympanon an der Südseite des Doms. Der Halbbogen über dem Durchgang zeigt einen Mann mit sehr langem Haar, auf dem Rücken eines Raubtiers, dessen Kopf er zurückreißt. Erst wenn man genauer hinsieht, bemerkt man noch zwei weitere Elemente: den Drachen, der aus dem Schwanz des Raubtiers hervorwächst und offenbar nach dem Mann zu schnappen sucht, und ein Schaf, eigentlich ein Widder, der wohl vor dem Rachen der Bestie flieht.

 

 

Das Thema selbst findet sich in der christlichen Kunst des Mittelalters häufig: Der Dargestellte ist Simson, einer der Richter (das heißt Volks- und Heerführer) des Alten Testaments. Er gehörte zu den Nazoräern, einer Gruppe des Volkes Israel, die ihre Glaubensstrenge unter anderem dadurch zum Ausdruck brachte, daß ihre Mitglieder die Haare ungeschoren ließen. Die langen Haare waren auch das Geheimnis von Simsons übermenschlicher Körperkraft. Die erlaubte es ihm, als er allein im Gebirge unterwegs war, unbewaffnet einen Kampf gegen einen Löwen zu bestehen: „Da kam der Geist des Herrn über Simson, und Simson zerriss den Löwen mit bloßen Händen, als würde er ein Böckchen zerreißen.“ (Richter 14.6)

 

Diese Szene, die in ihrem ursprünglichen Kontext nur ein Detail der Lebensgeschichte Simsons war, erhielt für die Kirche besondere Bedeutung, weil sie symbolisch gedeutet wurde: Der Löwe galt als Zeichen des Todes und des Teufels, Simson als Präfiguration Christi, sein Sieg als Vorwegnahme des Ostergeschehens. Wenn man das Innere des Doms in Lund betritt, wird diese Analogie noch sinnfälliger. Denn dort befindet sich eine Skulptur an einer Ecke der Vierung, die darauf hinweist, welches Schicksal dem gewöhnlichen Menschen droht. Sein Kopf steckt schon im Maul des Löwen, der ihn mit seinen mächtigen Kiefern zermalmen kann.

 

 

Erklärungsbedürftig bleiben allerdings die Figuren des Tympanons, die in dem biblischen Text nicht vorkommen. Was das Schaf angeht, darf man es wohl als Symbol des Christen verstehen, der von seinem Herrn beschützt wird. Was den Drachen betrifft, könnte man an einen Satz des Heiligen Augustinus denken: „Der Satan ist ein Löwe im Angriff und ein Drache im Hinterhaltlegen.“ Aber entscheidender wird die Verknüpfung mit Psalm 91 sein, dessen Inhalt oft auch auf Christus und das Ostergeschehen bezogen wurde. Denn da heißt es von dem, der unter Gottes Schutz steht: „Über Löwen und Ottern wirst du gehen / und junge Löwen und Drachen niedertreten.“ (Psalm 91.13)

 

Ihre eindrucksvollste Umsetzung hat dieses Motiv in den Darstellungen des „Christus Victor“ – „Christus als Sieger“ gefunden. Von denen dürfte das Mosaik in der kleinen Kapelle des Erzbischofspalastes von Ravenna besonders bekannt sein. Es entstand an der Wende vom 5. zum 6. Jahrhundert und zeigt Christus als Krieger: ein junger Mann, bartlos, mit offenem Haar, in byzantinischer Rüstung. Die Linke hält das Evangelium, die Rechte das Kreuz, das er wie eine Waffe über der Schulter trägt. Unter seinen Füßen winden sich Löwe und Schlange. Zeitlich und thematisch nahe steht diesem Mosaik ein zweites, wesentlich größeres. Es stammt aus einer abgebrochenen Kirche Ravennas – San Michele in Africisco –, das heute im Bode-Museum zu Berlin bewundert werden kann. Wieder erkennt man den jugendlichen Christus, dieses Mal in prächtigem rotem und blauem Gewand. Er reckt das Kreuz stolz mit seiner Rechten empor, in seiner – unter dem Oberkleid

verborgenen – Linken hält er einen Kodex mit zwei Zitaten aus der lateinischen Fassung des Johannes-Evangeliums, die seine Gottheit bezeugen. Flankiert wird Christus von den Erzengeln Michael und Gabriel.

 

 

Die Deutung von Kreuzestod und Auferstehung als – vorläufiger – Abschluß eines seit dem Sündenfall andauernden Kampfes zwischen Gott und Teufel gehörte zu den Kernvorstellungen der christlichen Lehre. Die relativ kleine Zahl der Christus-Victor-Darstellungen sollte deshalb nicht auf einen Mangel an Popularität schließen lassen. Als bemerkenswertes Beispiel für die Bedeutung in der Volksfrömmigkeit hat sich eine kleine Metallplakette aus merowingischer Zeit erhalten, die wahrscheinlich als Amulett getragen werden konnte und einen mit Schwert, Schild und Lanze bewaffneten Christus zeigt, der gegen eine Schlange kämpft. Die Ausführung erinnert in manchem an das sogenannte Kreuz Thorwalds, das im 10. Jahrhundert auf der Isle of Man gefertigt wurde und eine sehr eigenwillige Spiegelung des neuen christlichen im alten heidnischen Glauben vorstellt. Während auf einer Seite des Kreuzes eine Szene der germanischen Götterdämmerung zu sehen ist – Odin unterliegt gegen Fenriswolf und Midgardschlange –, sieht man auf der anderen eine bärtige Figur mit Buch und Kreuz gewappnet im – siegreichen – Kampf gegen zwei Schlangen.

 

 

Die Deutung des Kämpfers als Christus liegt nahe, wenngleich sie nicht so eindeutig ist wie im Fall späterer Darstellungen des siegreichen Christus. Zu deren eindrucksvollsten gehört ein Stich des Flamen Martin de Vos vom Ende des 16. Jahrhunderts. Dem Geist der Gegenreformation ist sicher geschuldet, daß der Satan in menschähnlicher Gestalt erscheint. Aber bemerkenswert ist doch vor allem die Dramatik, mit der Martin de Vos das Geschehen aufgefaßt hat. Die steht in deutlichem Kontrast zu der fast lässigen Atmosphäre, die oft die Bilder prägt, die sich auf die Höllenfahrt Christi und die Befreiung der Toten aus der Macht Satans zeigen. Vielfach wird das Reich der Unterwelt durch einen Drachen repräsentiert, den Christus gezwungen hat, sein Maul zu öffnen und die nun Erlösten freizulassen. Man kann das auch als Illustration der Huldigung an den triumphierenden Christus in einem der ältesten Teile der Osterliturgie betrachten: „Pro tanti Regis victoria tuba insonet salutaris“ – „Lasset die Posaune erschallen, preiset den Sieger, den erhabenen König“.

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