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Der mit den Böcken reist


von Hartmut Voelkel


Den ersten Julbock habe ich Mitte der siebziger Jahre in einem christlichen Haushalt, dem unseres damaligen Diakons, zu Gesicht bekommen. Er war ganz traditionell aus Stroh gebunden und mit roten Schleifen versehen. Was es mit ihm auf sich hatte, konnte mir allerdings niemand erklären. Er war ein Andenken aus einem Skandinavienurlaub und rangierte im Grunde wie das Dalarna-Pferd unter Weihnachtsdekoration nordischen Stils.

 

 

 

Tatsächlich ist der Julbock bis heute in Dänemark, Schweden und Norwegen besonders verbreitet. Hier oder da gibt es noch eine Erinnerung, daß man den Kindern früher erzählte, er bringe die Geschenke. In ländlichen Gegenden hatten sich lange Zeit noch „Heischegänge“ erhalten, bei denen Kinder in Gruppen von Hof zu Hof zogen, sangen und dafür eine Gabe erhielten. Eines von ihnen war dabei wie ein Ziegenbock verkleidet. Davor allerdings hatte das Ganze eher den Charakter eines groben Schabernacks, und der Auftritt des Bocks war ähnlich furchterregend wie der des Krampus in Süddeutschland und Österreich, dessen Kostüm auch Merkmale eines Bocks aufweist.

 

 

 

An diesem Punkt ist schon erkennbar, daß der Julbock wie vieles andere in unseren Weihnachtsbräuchen einen heidnischen Ursprung hat. Die Religionsgeschichte nimmt an, daß er auf alte indoeuropäische Vorstellungen zurückgeht, die mit Ziege oder Widder die Idee der wiederkehrenden Fruchtbarkeit verbanden. Der griechische Pan hatte Bocksfüße und Gehörn, die römische Göttin Juno wurde regelmäßig von einer Ziege begleitet, dasselbe gilt wahrscheinlich für die keltischen matrones. Von dem germanischen Thor wird sogar angenommen, daß er ursprünglich die Gestalt eines Ziegenbocks hatte. Später wurde er als „Herr der Böcke“ bezeichnet, was sich darauf bezog, daß seinen Wagen zwei Ziegenböcke – „Zähnefletscher“ und „Zähneknirscher“ - zogen, mit denen er über den Himmel fuhr. Selbstverständlich handelte es sich nicht um gewöhnliche Böcke, was schon daran zu erkennen war, daß man sie zur Mahlzeit schlachtete und Thor sie dann wieder zum Leben erweckte.

 

 

 

Darüber hinaus wurden ihre Hörner wohl als Symbole des Blitzes verstanden, für den Thor wie für die reiche Ernte der Felder zuständig war. Unter allen Asen – dem Hauptgeschlecht der germanischen Götter – war er der facettenreichste. In manchen der von ihm überlieferten Geschichten wirkt er plump, fast ein bißchen dumm, gelegentlich auch aufbrausend, rachsüchtig und unbeherrscht. Aber seine Popularität verdankte er sicher der Tatsache, daß ihn die Bauern verehrten, daß man mit ihm sogar eine Art „Freundschaft“ schließen konnte, und daß an seinem Mut kein Zweifel war. Den bewies er vor allem im Kampf gegen die Midgardschlange, jenes Monstrum, das sich nach germanischer Überzeugung um die ganze Erde wand und auf dem Boden des Meeres lag. In der Geschichte von „Thors Fischzug“ wurde geschildert, wie Thor sie mit einem gigantischen Ochsenkopf köderte und schon fast gefangen hatte, bevor die Angelschnur riß und die Schlange wieder in der Tiefe verschwand. Erst in der „Götterdämmerung“ – Ragnarök – sollte es zwischen dem Gott und seiner Widersacherin zum Endkampf kommen. Dann würde Thor die Midgardschlange mit seinem Hammer mjölnir erschlagen, aber selbst an den vergifteten Wunden sterben, die sie ihm zugefügt hat.

 

 

 

Lange wurde für denkbar gehalten, daß die Erzählung von der „Götterdämmerung“ auf christlichen Einfluß zurückgehe. Aber mittlerweile dürfte hinreichend klar sein, daß es sich um eine heidnische Apokalypse handelte. Immerhin spielte die Ähnlichkeit der Grundvorstellungen vom Weltende eine Rolle bei der Mission des Nordens. Ein Sachverhalt, der sich eindrucksvoll an einem vollständig erhaltenen und einem nur noch als Fragment vorhandenen angelsächsischen Steinkreuz aus dem 10. Jahrhundert zeigt. Beide stehen heute vor der Kirche im englischen Gosforth. Während ein Teil der Darstellungen der Heilsgeschichte vorbehalten sind, zeigen andere Szenen aus den alten Mythen. Darunter auch „Thors Fischzug“. Die Analogie zum Kampf gegen den Drachen, der in der Offenbarung des Johannes geschildert wird, muß den Germanen unmittelbar vor Augen gestanden haben.

 

 

 

Es handelt sich um einen Aspekt der Aneignung des Christentums durch die europäischen Völker, der eine späte Nachwirkung im Bildprogramm der Masthuggskyrkan Göteborgs gefunden hat. Das Gotteshaus wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Geiste der schwedischen Nationalromantik errichtet, zu deren Leitideen gehörte, daß die Glaubenswelt der heidnischen Vorfahren nicht einfach als Irrtum betrachtet werden sollte, sondern als eine Art „natürlicher Theologie“, eine Vorbereitung auf das Evangelium. An der Fassade sieht man deshalb Thor im Kampf gegen die Midgardschlange, im Inneren dagegen St. Michael, der über den Drachen triumphiert hat, weil ihm gelang, was Thor nicht gelungen war: der Sieg über das Böse.

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