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Joseph Sattler: Ein feste Burg ist unser Gott


von Hartmut Voelkel


Sein Name ist heute in Frankreich bekannter als in Deutschland. Denn Joseph oder Josef Sattler wird oft als elsässischer Künstler bezeichnet, und die von ihm entworfenen Exlibris handelt man bei unseren Nachbarn zu hohen Preisen. Allerdings wird bei dieser Zuordnung nicht nur verkannt, daß Sattler in Deutschland geboren wurde – am 26. Juli 1867 in Schrobenhausen / Oberbayern – , sondern hier auch den größten Teil seines Lebens verbrachte, vor allem in Landshut und in München, wo er zuletzt am 12. Mai 1931 starb, und daß er zu jenen „Altdeutschen“ gehörte, die nach dem Kriegsende 1918 das Elsaß gezwungenermaßen verlassen haben.

 

Vignette aus der Zeitschrift Pan, 1904
Vignette aus der Zeitschrift Pan, 1904

 

Mit diesen dürren Feststellungen ist schon fast alles Wesentliche mitgeteilt, das heute von Sattlers Biographie bekannt ist. Tatsächlich wissen wir wenig über die äußeren Umstände seines Lebens. Immerhin steht fest, daß sein Vater einer jener selfmade men war, die es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, aus kleinen Verhältnissen kommend, zu einigem Wohlstand brachten. Das erlaubte dem jungen Sattler nach einer kurzen Lehre als Dekorateur die Laufbahn des Malers einzuschlagen. Er studierte vorübergehend an der Münchener Kunstakademie, aber stärker als die Lehrer dort beeinflußten ihn die Museumsbesuche in der Stadt.1890 zog er mit einem Freund nach Straßburg und wurde dort als Lehrer an die Kunstgewerbeschule berufen. Aber das Unterrichten lag ihm nicht, und er gab die Stelle rasch wieder auf. In dieser Zeit trat er in Kontakt zu vielen anderen elsässischen Künstlern, darunter der junge Leo Schnug, dem später Kaiser Wilhelm II. die malerische Ausgestaltung der Hohkönigsburg übertrug.

 

Hagen und Volker, Illustration zu "Die Nibelunge", 1898 / 1904
Hagen und Volker, Illustration zu "Die Nibelunge", 1898 / 1904

 

Beide waren durchaus offen für die modernen Strömungen in Malerei und Graphik, und ein von Sattler entworfenes Plakat für die Zeitschrift Pan wird oft als wichtiges Dokument für den Durchbruch des Jugendstils bezeichnet. Entsprechende Gestaltungsformen verwandte Sattler auch bei der Umsetzung des großen Auftrags, den er von der Reichsdruckerei erhielt, die eine Prachtausgabe des Nibelungenliedes durch ihn illustrieren ließ, die dann als Leistungsbeweis des deutschen Druckergewerbes auf der Pariser Weltausstellung von 1900 gezeigt wurde. Aber Sattler scheint sich mit dieser Richtung doch nicht dauerhaft verbunden zu haben, obwohl er für Pan wie für die Jugend zahlreiche Arbeiten lieferte.

 

"Flugblatt Nr. 1", 1929
"Flugblatt Nr. 1", 1929

 

Typischer war Sattlers Neigung zum „dürern“, die Orientierung an den großen Meistern des 15. und 16. Jahrhunderts, von Hans Holbein und Lucas Cranach bis zu Albrecht Dürer. In diesen Zusammenhang gehört auch eine Serie, die er für das Reformationsjubiläum 1917 geschaffen hat, und dann ein erst 1929 entstandenes „Flugblatt Nr. 1“, das das Lutherlied Ein feste Burg ist unser Gott allegorisch umsetzte. Es zeigt die Strophen in einem Kasten vor einer Art steilem Felsmassiv, das von einem siebenköpfigen Drachen wie belagert erscheint, der drohend nach oben starrt. Auf der Spitze des Felsens liegt ein Buch – sicher die Bibel –, darauf die Dornenkrone, die wie eine Art Verhau die himmlischen Heerscharen deckt, an deren Spitze ein Engel deutlich sichtbar ein Schwert erhoben hält. Über dem Ganzen erscheint das Bild des Schmerzensmannes auf einem Band, ähnlich den Darstellungen des Schweißtuchs der Veronika.

 

Illustration aus "Das Nibelungenlied", 1927
Illustration aus "Das Nibelungenlied", 1927

 

Das Motiv ist ungewöhnlich, macht die Aussagen des Liedes aber sinnfällig, in denen es um Gott als Festung geht, errichtet gegen Satan, den „alt‘ bösen Feind“, verteidigt durch den Herrn selbst, der ausdrücklich als „Herr Zebaoth“, also als „Herr der himmlischen Heerscharen“ angesprochen wird. Die „Welt voll Teufel“ bietet nur diese Zuflucht, denn Satan ist der „Fürst dieser Welt“, gegen den die mächtigste Waffe aber die Heilige Schrift – „das Wort“ – ist; und so hart der Kampf auch werden mag –„Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr‘, Kind und Weib“ –, zuletzt werden Gott und die Seinen siegen: „Das Reich muß uns doch bleiben“, der apokalyptische Drache liegt hinabgestoßen.

 

Plakat für "Das Goldene Buch des deutschen Volkes zur Jahrhundertwende", 1900
Plakat für "Das Goldene Buch des deutschen Volkes zur Jahrhundertwende", 1900

 

Das Drachen- wie das Drachenkampfmotiv spielte auch sonst im Werk Sattlers eine gewisse Rolle. Zwar merkwürdiger Weise nicht in dem großen Band mit dem Nibelungenlied, aber in einer Volksausgabe ließ er Siegfried den aufgerichteten, waranartigen Drachen wie im Duell durch einen Schwertstoß töten. Eine eindrucksvolle Darstellung St. Michaels Sattlers fand sich auf einem Plakat für ein anderes Prestigeprojekt der wilhelminischen Zeit – Das goldene Buch des deutschen Volkes an der Jahrhundertwende , das ihn als Brustbild mit ernstem Gesichtsausdruck auf sein Schwert gestützt zeigt, und man geht sicher nicht fehl, wenn man den bewaffneten Anführer der Engel in der Dornenkronenfestung mit dem Erzengel identifiziert.

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