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Löwe gegen Drache


von Hartmut Voelkel


Wer in den 1960er Jahren eingeschult wurde, hatte noch das Privileg, im Fach „Heimatkunde“ unterrichtet zu werden. Ganz selbstverständlich gehörten zum Stoff auch die Sagen der eigenen Region. Was im Fall Niedersachsens bedeutete, daß irgendwann die Geschichten über Heinrich den Löwen auf dem Lehrplan standen. Daß es sich bei Heinrich um eine historische Person des 12. Jahrhunderts, den Herzog von Sachsen und Bayern, den Gegenspieler Friedrich Barbarossas, handelte, trat dabei in den Hintergrund. Ganz im Zentrum stand die spannende Geschichte, die angeblich seinen Beinamen erklärte. Deren Hauptinhalt waren die Irrfahrten Heinrichs im Orient. Nachdem er sich durch eine List – eingenäht in eine Ochsenhaut trug ihn ein Greif in sein Nest, annehmend, daß er mit dem fetten Happen seine Jungen nähren könne – aus Seenot gerettet hatte, entdeckte er in einem Wald einen Löwen, der verzweifelt gegen einen Drachen kämpfte. Heinrich trat selbstverständlich auf die Seite des Löwen, was die Gebrüder Grimm in ihrer Fassung der Sage damit begründeten, daß „der Löwe insgemein für ein edles und treues Tier gehalten wird und der Wurm für ein böses, giftiges“. Mit dem Löwen kehrte der Herzog nach sieben Jahren in seine Heimat zurück, wo sie in Zukunft gemeinsam lebten, weshalb Heinrich nur mehr „Heinrich der Löwe“ hieß. Als erstarb, legte sich das Tier auf sein Grab, bis es seinerseits verschied.

 

 

Bevor diese Erzählung zum Volksgut absank, muß sie im germanischen Kulturraum ausgesprochen bekannt gewesen sein. Darauf hat der Archäologe Peter Paulsen in einer Untersuchung hingewiesen (Drachenkämpfer, Löwenritter und die Heinrichssage. Eine Studie über die Kirchentür von Valthjofsstad, Köln 1966), die ihren Ausgang von der prächtig geschnitzten Tür der Kirche von Valthjofsstad (Valþjófsstað) auf Island nahm. Sie entstand um 1200 und zeigte oben ein kreisrundes Bild, waagerecht in zwei Hälften geteilt. In der unteren ist ein Ritter im Kampf mit einem Drachen dargestellt, dessen Schwanzspitze einen Löwen gefangen hält, in der oberen sieht man denselben Ritter zu Pferde, dem der Löwe folgt. Die Gruppe reitet auf ein Gebäude zu, vor dem ein Löwe wohl sterbend auf einem Grabstein liegt.

 

 

Paulsen weist allerdings darauf hin, daß es in diesem Fall nicht nur Bezüge zur Heinrichssage, sondern auch zu anderen Drachenkämpfermotiven gegeben haben kann, etwa in den Erzählungen von Sigurd- oder Dietrich beziehungsweise Thidrek, und selbstverständlich gibt es eine ausgesprochene Ähnlichkeit mit der Geschichte von Iwein dem „Löwenritter“, die in den Zusammenhang der hochmittelalterlichen Dichtung gehört und in Deutschland durch Hartmann von Aue bekannt wurde. Hartmanns Vorlage stammte von Chrétien de Troyes, der um 1185 gestorben sein dürfte. Eine Beeinflußung der Heinrich- durch die Iweinsage ist nicht auszuschließen. Aber deren Verankerung war eine deutlich andere. Denn Iwein gehörte zu den Rittern des König Artus. Wie alle Mitglieder der Tafelrunde zog auch er auf aventiure und rettete einen von einem Drachen bedrängten Löwen, mit dem gemeinsam er dann das Untier bezwang. Auch in diesem Fall folgte der Löwe nun seinem Herrn in treuer Ergebenheit und half ihm noch, über einen Riesen zu siegen, der eigentlich unbezwingbar schien. Die Überlieferung von Iwein gehörte ohne Zweifel zu den populärsten des Mittelalters und war auch auf Island verbreitet.

 

 

Allerdings regt die Entgegensetzung von Löwe und Drache doch zu der Frage an, ob die Konfrontation der beiden nur um des dramatischen Effektes willen gewählt wurde. Mehr spricht für ein symbolisches Verständnis, auf das auch die zitierte Erläuterung der Gebrüder Grimm hinweist. Zwar wurden der Löwe wie der Drache in der Vorstellungswelt des Mittelalters durchaus als ambivalent betrachtet. Aber im Fall des Löwen überwog ohne Zweifel das positive Element, im Fall des Drachen ohne Zweifel das negative. Man kann das schon am Vorrang des Löwen als Wappentier erkennen, der für die ritterlichen oder königlichen Eigenschaften des Kriegers stand, während der Drache nur ausnahmsweise in den Schild gesetzt wurde. Noch aussagekräftiger wirkt aber die Darstellung des Löwen, der über einen Drachen triumphiert, in der kirchlichen Kunst. Die dahinter stehende Idee mußte nicht zwingend den Löwen mit Christus, den Drachen mit Satan identifizieren, aber entsprechende Vorstellungen lagen zumindest nahe und konnten sich später zu dem Gedanken verfestigen, daß der Löwe für das Gute, der Drache für das Böse stehe.

 

 

Ein Konzept, das sich auch nach dem Bedeutungsrückgang der Kirche in der Malerei und Bildhauerei erhielt und vielfach abgewandelt wurde, vor allem zum Kampf des Löwen gegen die Schlange. Ganz verloren gingen die ursprünglichen Vorstellungen dabei aber nicht. Was erklärt, warum am Ende des Zweiten Weltkriegs auf das Motiv zurückgegriffen werden konnte. So gab die niederländische Post 1945 eine Briefmarke aus, die den Löwen des Landeswappens über einem Drachen zeigte, und in Großbritannien wurde allen Soldaten und Angehörigen der Handelsmarine die War Medal als Dank für ihren Dienst verliehen. Die zeigte auf der einen Seite den Kopf König Georgs VI., auf der anderen Seite den britischen Löwen über einem niedergeworfenen Drachen, der wegen seines Adlerkopfs unschwer als Sinnbild Deutschlands zu erkennen war.

 

 

Seitdem geriet die Entgegenstellung von Löwe und Drache aber immer weiter in Vergessenheit,  will man vom Konflikt der Häuser Lannister – mit einem Löwen im Schild – und Targaryen – mit einem Drachen im Schild – der Romanserie Game of Thrones absehen. Hierbei allerdings wären die Sympathien wieder weniger eindeutig verteilt.

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