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Der Orden des Heiligen Michael


von Hartmut Voelkel


Vor 550 Jahren, am 1. August 1469, stiftete Ludwig XI. als König von Frankreich den Orden des Heiligen Michael. Die feierliche Zeremonie fand in der Kapelle des Erzengels statt, die zum Schloß von Amboise gehörte. Mit dem Datum wurde auch eine erste Urkunde versehen, die die Regeln des Ordens festlegte. Deren Inhalt war, daß in Zukunft einunddreißig (kurz darauf: sechsunddreißig) Adlige zur „compagnie“ des Königs gehören würden, der das Amt des Hochmeisters versah. Sie mußten ihre vornehme Abstammung nachweisen können, sich im Dienst der Krone ausgezeichnet haben, dem König unbedingte Treue geloben und die Kirche verteidigen. Das Kollier des Ordens bestand aus einem geprägten Bild St. Michaels, der den Drachen tötet, angebracht an einer goldenen Kette mit regelmäßig aufgesetzten Jakobsmuscheln. Es haben sich aus der Anfangszeit praktisch keine Stücke erhalten, aber die Gewohnheit der Ordensritter, die Auszeichnung um ihr Wappen gelegt zu zeigen, vermittelt eine Vorstellung von deren Aussehen.

 

 

Als Begründung für die Wahl des Namens gab Ludwig an, daß Michael der „erste Ritter“ sei. Er habe den Teufel, „den Feind der menschlichen Natur“, besiegt und aus dem Himmel gestürzt. Bedeutung hatte aber sicher auch Michaels Stellung in der Volksfrömmigkeit und seine Funktion als „Wächter“ Frankreichs. Schließlich hatte er Jeanne d‘ Arc den Auftrag zur Befreiung des Landes von den Engländern gegeben, seit der Zeit Karls VII. wurde sein Bild auf den französischen Fahnen angebracht und nicht zuletzt ging es darum, Anspruch auf das Erbe des Frankenreichs zu erheben, dessen Schutzpatron St. Michael seit der Zeit Karls des Großen gewesen war.

 

 

Zu Michaelis am 29. September sollten sich die Ritter um ihren „Herrn und Souverän“ versammeln, ein großes Bankett veranstalten, der Verstorbenen gedenken und deren Nachfolger wählen und schließlich eine Art Ratsversammlung abhalten. Ursprünglich wollte Ludwig die drei Tage andauernde Festlichkeit auf dem Mont Saint-Michel abhalten lassen – ein entsprechender Saal mit Thron und einer Art Chorgestühl für die Angehörigen des Ordens war schon vorbereitet ­–, aber dazu kam es wegen der Abgelegenheit des Klosterberges nicht. Formell beließ man den Sitz dort, aber die Zusammenkünfte des Ordens fanden an verschiedenen Orten statt. 1496 machte Ludwigs Nachfolger Karl VIII. die kleine Michaelskapelle in der Pariser Residenz zum Sitz des Ordens, 1555 verlegte man sie in die Sainte Chapelle des Schlosses von Vincennes, schließlich unter Ludwig XIV. in den Konvent der Cordelieren von Paris.

 

 

Ohne Zweifel spielte bei der Gründung des Ordens die persönliche Verehrung Ludwigs XI. für St. Michael eine Rolle. Aber man sollte sich keine zu romantische Vorstellung von seinen Motiven machen. Dieser Herrscher, „die Spinne“ genannt, war berüchtigt für seine Intriganz und Skrupellosigkeit. Ein Mensch des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit, prägte ihn einerseits abergläubische Frömmigkeit, andererseits eine an Machiavellis Lehren erinnernde Kälte des politischen Kalküls. Die Gründung des Ordens war jedenfalls in hohem Maß eine Frage politischer Berechnung: Er sollte das Pendant zum englischen Hosenbandorden (gegründet 1348) und zum burgundischen Orden vom Goldenen Vlies (gegründet 1430) werden. Dafür kam der von Ludwigs Vorgänger Johann dem Guten ins Leben gerufene Orden vom Stern (gegründet 1351) nicht in Frage, da er immer mit der Erinnerung an das unglückliche Ende dieses Königs in Gefangenschaft verbunden war. Anders die neue Auszeichnung, die helfen konnte, das Prestige der französischen Krone im Dauerkonflikt mit England und Burgund zu erhöhen. Der Orden des Heiligen Michael sollte deshalb wie der Hosenbandorden und das Goldene Vlies als Auszeichnung derjenigen dienen, die der König besonders eng an sich zu binden dachte. Mit einem „Orden“ im mittelalterlichen Sinn – als Gemeinschaft von Mönchen, Nonnen oder Mönchskriegern – hatte er jedenfalls nur den Namen gemeinsam. Zwar wurden die Mitglieder selbstverständlich auf die christliche Lehre verpflichtet, und im Hintergrund mochte auch die Kreuzzugsidee noch mitspielen, aber sonst ging es in erster Linie um den Aspekt der Auszeichnung, – eine Vorstellung, wie sie für uns heute ganz automatisch mit dem Begriff des „Ordens“ verknüpft ist.

 

 

Diese Aufgabe hat der Orden des Heiligen Michael relativ lange erfüllt. Die Nachfolger Ludwigs XI., vor allem Karl VIII., Ludwig XII. und Franz I., betrachteten ihn als vornehmste Dekoration ihres Königreichs; Franz wurde auf dem berühmten Gemälde von Jean Clouet (heute im Louvre) mit dem Kleinod des Ordens dargestellt, außerdem ist ein kostbarer Brustpanzer mit dem plastisch herausgearbeiteten Ordenszeichen (heute im Armeemuseum des Invalidendoms) erhalten. Dasselbe galt auch noch für Heinrich II. Aber dann verlor er in der Zeit der Religionskriege radikal an Bedeutung. Die Zahl der Verleihungen an Unwürdige nahm unter Katharina von Medici so überhand, daß man vom „Orden für die Idioten“ (Pierre de Brantôme) sprach. Anfang des 16. Jahrhunderts soll es mehr als eintausend Ritter gegeben haben. Dem neuen Geist der Gegenreformation entsprach auch eher der 1578 von Heinrich III. gestiftete Orden des Heiligen Geistes, der rigoros auf einhundert Mitglieder aus dem Hochadel beschränkt wurde. Sie gehörten automatisch auch dem Orden des Heiligen Michael an, der nun auf den zweiten Rang absank. 1693 rief Ludwig XIV. dann noch den Orden des Heiligen Ludwig für seine Offiziere ins Leben, so daß der Michaelsorden auf die dritte Stelle zurückfiel. In Zukunft verlieh man ihn nur noch an Zivilisten und an eine wachsende Zahl von Männern bürgerlicher Herkunft. Die Kette verschwand. An ihre Stelle entstand im Stil der Zeit ein achtspitziges, weiß und golden emailliertes Kreuz, in den Winkeln die Bourbonenlilie, das an einem schwarzen Band getragen wurde, weshalb man den Orden bald nur noch als „Das schwarze Band“ bezeichnete. Bei den Mitgliedern handelte es sich ohne Zweifel um verdiente Unternehmer, Architekten, Juristen oder Künstler, aber dem Ansehen der Auszeichnung kam das nicht zustatten. Daran änderten weder Revolution noch Restauration etwas. 1791 wie alle Orden des Ancien Régime aufgehoben und 1816 wiederhergestellt, gewann der Orden niemals etwas von seinem alten Glanz zurück. Mit der Juli-Revolution von 1830 verschwand er endgültig aus der Geschichte.

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