· 

Game of Thrones und andere alternative Männerwelten


von Benjamin Hasselhorn


Die achte und letzte Staffel von Game of Thrones wird seit heute ausgestrahlt. Das Lied von Eis und Feuer, wie die Romanvorlage von George R. R. Martin heißt, wird in diesem Frühjahr definitiv zu Ende gehen. Die Leser der Bücher allerdings müssen einige Geduld aufbringen: Der notorische Langsamschreiber Martin wird für die noch ausstehenden Bücher wohl noch eine sehr lange Zeit brauchen. Die filmische Adaption hat die literarische Vorlagelängst überholt, was die Forterzählung der Geschichte betrifft.

 

Der Erfolg der Fernsehserie ist beispiellos. Die am häufigsten illegal im Internetheruntergeladene Serie zu sein, ist zwar eine zweifelhafte Ehre, aber auch die legalen Einschaltquoten übertreffen fast alles, die Serie wird mit Preisen überhäuft und ist in aller Munde. Wer sich öffentlich zu Game of Thrones äußert, muss aber unbedingt vorsichtig sein: Nirgendwo reagiert das Publikum allergischer auf Spoiler, die die Freude verderben, weil sie die wichtigen Handlungsverläufe vorab verraten. Nirgendwo ist allerdings zugleich die Dichte an teilweise ellenlangen YouTube-Videos und Forenbeiträgen höher, die sich in Theorien darüber ergehen, wie der Handlungsverlauf wohl weitergehen könnte. Die Begeisterung über Game of Thrones geht so weit, daß im Internet Videos veröffentlicht werden, auf denen nichts weiter zu sehen ist als Fans, die bestimmte Folgen der Serie zum ersten Mal anschauen, und deren Reaktion auf überraschende Wendungen der Handlung man miterleben kann.

 

Fast noch überraschender als der Handlungsverlauf von Game of Thrones allerdings ist die Tatsache, daß die Serie gleichermaßen von Männern wie von Frauen angeschaut wird. Denn eigentlich handelt es sich um ein klassisches Männersujet, wie überhaupt die alternativen Männerwelten in Film und Fernsehen in den letzten Jahren eine Konjunktur erleben, möglicherweise als eine Kompensation der verschwindenden Männerwelten in der Realität. Von der Wikingerserie Vikings, deren Versuch, die Konfrontation der heidnischen Welt des Nordens mit dem Christentum auf eine Weise zu präsentieren, daß vor allem die Fremdheit desersten nachchristlichen Jahrtausends deutlich wird (ähnliches hatte zuvor die Serie Rome mit dem antiken Rom erfolgreich vorgemacht) und von der bereits vier Staffeln produziert wurden, über die Uthred-Saga des britischen Erfolgsschriftstellers Bernard Cornwell, die mit The Last Kingdom ebenfalls fürs Fernsehen verfilmt wurde, bis eben zu Game of Thrones üben die männlich dominierten Welten der Vergangenheit eine große Faszination auf das moderne Publikum aus.

 

Die Mutter der Drachen: Daenerys Targaryan (Vathanna, Daenerys Targaryan from Game of Thrones, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en)
Die Mutter der Drachen: Daenerys Targaryan (Vathanna, Daenerys Targaryan from Game of Thrones, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en)

 

Die Vergangenheit von Game of Thrones ist allerdings eine ganz und gar imaginierte, ein alternativer Geschichtsentwurf sozusagen. Das verbindet die Bücher George R. R. Martins mit denen eines anderen großen Schriftstellers, J. R. R. Tolkien, der vor allem durch seinen Herrn der Ringe bekannt ist. Beide Werke sollte man nicht auf den Fantasy-Aspekt reduzieren. Sie nutzen zwar den Verfremdungseffekt durch Orks, Elben, Drachen oder Weiße Wanderer, um die Eigengesetzlichkeit ihrer jeweiligen Alternativwelt herauszustellen, verbinden aber viel weiterreichende Ansprüche mit ihren Werken. Tolkien schuf so etwas wie eine alternative europäische Vorgeschichte, Martin ein alternatives Mittelalter. Tolkien steht am Anfang dieser Literaturgattung, Martin an ihrem – vorläufigen – Ende.

 

Tolkiens Ziel war es, eine englisch-germanische Mythologie zu schaffen und die heidnische Tradition des europäischen Nordens einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Tolkien war überzeugt, daß Europa überhaupt erst durch eine produktive Spannung und dann eine Synthese zwischen Christentum und Heidentum entstanden sei. Die dadurch geschaffene abendländische Kultur, so glaubte Tolkien gemeinsam mit einem ganzen Kreis britischer Schriftsteller in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, war allerdings durch einen massiven Bruch von der Gegenwart getrennt, und zwar infolge von Aufklärung, Französischer Revolution und Industrialisierung. Der Glaube an die Gleichheit aller Menschen in jeder Hinsicht, der Glaube an die Rationalität als oberstes (und tendentiell einziges) Lebensprinzip und die damit verbundene technische Nutzbarmachung der Welt – all das hatte Tolkiens Meinung nach dazu geführt, daß Europa von seinen geistigen Traditionen abgeschnitten worden war.

 

Das literarische Schaffen Tolkiens ist so etwas wie eine Gegenmaßnahme gegen diesen Trend. Mit dem erst postum erschienenen Silmarillion entwarf Tolkien eine imaginäre, zum Teil mythologische nordische Urgeschichte. Auf deren Hintergrund agieren die Protagonisten des Hobbit und des Herrn der Ringe, die damit in einem als geschichtlich gedachten Zeitalter angesiedelt sind. Im Grunde handelt es sich dabei um den Entwurf einer Geschichte Europas vor dem Christentum, wie es dem gläubigen Katholiken Tolkien vorschwebte. Die Religion spielt im Herrn der Ringe kaum je einmal explizit eine Rolle, sondern immer nur untergründig. Die Hobbits, Elben, Zwerge und Menschen, die auf der Seite des Guten gegen das Böse in den Kampfziehen, sind Vertreter eines edlen Heidentums, das die christliche Offenbarung noch nicht kennt, aber im Sinne einer Ausrichtung auf das Gute, auf Tapferkeit und Tugend jenem idealen Heidentum entspricht, das der Kirchenvater Augustinus als „natürliche“, das Christentum vorbereitende Offenbarung akzeptierte.

 

Während die von Tolkien eigens erschaffenen (Hobbits) oder der europäischen Mythologie entnommenen (Zwerge) Kreaturen den mythischen Charakter der erzählten Geschichte betonen, so verkörpern die Menschen bei Tolkien innerhalb des Werkes das „historische“ Element. Tolkien präsentiert zwei Völker und Königreiche der Menschen, die cum grano salis jeweils verschiedene geographische und historische Aspekte europäischer Identität repräsentieren: Rohan, das Reich im Norden Mittelerdes, steht für den nordischen Teil der europäischen Menschheit, wobei sich bei den Rohirim skandinavische, angelsächsische und keltogermanische Motive miteinander verbinden. Das südliche Königreich, Gondor, dagegen mit der imposanten steinernen weißen Hauptstadt – die in der Verfilmung übrigens der Hohkönigsburg im Elsaß nachempfunden ist – steht für das zivilisatorische Element Mittel- und Westeuropas.

 

Man hüte sich aber davor, solche Vergleiche mit historischen Realvorbildern auf die Spitze zu treiben oder überhaupt Bücher wie den Herrn der Ringe nach aktualisierbaren Einzelheiten zu durchforsten. Man würde dann denselben Fehler begehen wie die 68er-Generation, die Tolkien als einen der ihren betrachtete, weil in Tolkiens Kosmos auch der Naturschutz eine Rolle spielt. Die in den 1960er Jahren verbreiteten Anstecker und Transparente, auf denen „Frodo lives“ oder „Gandalf for President“ geschrieben stand, waren und sind nicht weniger befremdlich als der Enthusiasmus der zahlreichen Fantasy-Fanatiker, die sich am liebsten wie ihre literarischen Vorbilder kleiden und die Namen ihrer Kinder entsprechend wählen.

 

 

Letzteres gibt es auch in bezug auf George R. R. Martins Lied von Eis und Feuer bzw. Game of Thrones, und schon behaupten die ganz Schlauen allen Ernstes, Martin habe ein Epos über den Klimawandel geschrieben, weil in der Geschichte ein jahrelanger Winter bevorsteht. Immerhin aber käme bislang wohl nur eine Minderheit auf die Idee, einer der Hauptfiguren irgendeine moderne Präsidentschaft anzudienen. Die Protagonisten von Game of Thrones sind zum großen Teil eher abstoßend als anziehend, die Fangemeinde ist in ihrem Haß auf Figuren wie König Joffrey mindestens genauso stark vereint wie in der Sympathie für Arya Stark oder Jon Snow, und falls doch einmal ein zur positiven Identifikation geeigneter Charakter auftritt, kann man davon ausgehen, daß Martin ihn schon bald etwas Furchtbares tun oder einen grausamen Tod sterben lässt.

 

Die Grausamkeit der Welt von Game of Thrones ist überhaupt ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal zum Herrn der Ringe und macht den Martinschen Kosmos noch stärker zur männlichen Angelegenheit als den Tolkienschen. Das gilt, obwohl dort im Gegensatz zum Herrn der Ringe eine ganze Fülle weiblicher Hauptfiguren auftritt. Diese müssen sich aber in einer ganz eindeutig von Männern dominierten Welt zurechtfinden und behaupten. Die Welt, das ist bei Martin in erster Linie der Kontinent Westeros, auf dem fast alle wesentlichen Teile der Handlung spielen und um dessen Beherrschung sich die ganze Geschichte dreht. Sieben Königslande, ein durch eine gigantische Mauer getrennter Norden und schließlich noch weitere Kontinente – das ganze verbindet sich zu einem schier unübersehbaren und unkalkulierbaren Gewirr von Figuren und Konstellationen.

 

Es gibt inzwischen ganze Bücher von Mediävisten, die die Bezüge von Game of Thrones zum historischen Mittelalter erörtern. Tatsächlich kopiert Game of Thrones im wesentlichen sogar die mittelalterliche Sozialordnung mit ihrer Dreiteilung in Klerus, Adel und Drittem Stand, man kennt ein Rittertum und steht technologisch und zivilisatorisch eindeutig in der Welt des Mittelalters. Auch die kulturelle Teilung in den eher kargen Norden und den üppigeren Süden taucht hier wieder auf, am Rande der Zivilisation lauern die Barbaren, im Norden durch einen überdimensionalen Hadrianswall abgeschirmt, und alle erwarten zwar nicht unbedingt das Weltende, aber doch den unweigerlich heraufziehenden Winter.

 

Es gibt allerdings einen wesentlichen Unterschied zum realen Mittelalter, und der besteht keineswegs in den auftretenden mythischen Wesen wie Drachen, Riesen oder Weißen Wanderern. Sondern er besteht im Fehlen des Christentums. Martin schildert ein alternatives Mittelalter, das das Christentum nicht kennt, höchstens eine Art katholischen Polytheismus, den „Kult der Sieben“. Ritterlichkeit ist nicht unbekannt, so etwas wie christliche Nächstenliebe aber spielt keinerlei Rolle. Der Kult des „Herrn des Lichts“, der als neue Religion gegen die „Sieben“ sowie gegen die „alten Götter“ des Nordens auftritt, ist ein grausamer, und selbst die sklavenbefreiende Daenerys Targaryen hat – etwas anachronistisch – für ihr Handeln überhaupt keine religiöse Motivation, sondern glaubt nur „an sich selbst“. Von einem edlen Heidentum im Sinne Tolkiens, das für ein heraufkommendes Christentum den Boden bereiten könnte, ist bei Game of Thrones nicht einmal ein Hauch zu spüren. Andererseits: Religion – und das wiederum dürfte dem historischen Mittelalter zumindest teilweise durchaus nahekommen – ist in Game of Thrones in erster Linie ein Machtmittel zur Durchsetzung der eigenen Interessen. Westeros ist daher ein äußerst brutaler und sehr gefährlicher Ort, an dem der Gradmesser der Loyalität einzig und allein das persönliche Interesse des Einzelnen ist. Es paßt zu dieser Welt, daß es keine einzige im klassischen Sinne „gute“ Figur im ganzen Werk gibt, sondern nur mehr oder weniger sympathische Charaktere mit mehr oder weniger nachvollziehbaren Handlungsmotiven.

 

Man hat daher auch stellenweise den Eindruck, eher einem machiavellistischen Renaissance-Stück oder einer sozialdarwinistischen Fiktion zuzusehen. Das wiederum macht Game of Thrones sehr aktuell und erklärt vielleicht auch einen Teil seines Erfolgs: Ähnlich wie in der zynischen Politserie House of Cards hat man hier endlich einmal den Eindruck, das Wesen des Politischen vorgeführt zubekommen, ohne daß es durch die üblichen politisch-korrekten und moralisch-idealistischen Masken verdeckt würde. So wie Heinrich von Treitschke Ende des 19. Jahrhunderts bei seinen studentischen Hörern Aufatmen auslöste, wenn er in aller Deutlichkeit bekannte, das Wesen des Staates sei „zum Ersten Macht, zum Zweiten Macht und zum Dritten nochmals Macht“, so spürt man das Aufatmen heutiger Leser und Zuschauer, wenn ihnen in anderer Form dieselbe Botschaft vermittelt wird.

 

Erst in den letzten Staffeln wird noch ein überschießendes, idealistisches Moment deutlich: Daenerys Targaryen, die „Mutter der Drachen“, will nach eigenem Bekunden auf den Eisernen Thron nicht nur deshalb, weil er ihr zusteht, sondern auch, weil sie die ewigen Machtkämpfe der Adelshäuser beenden und eine „neue Welt“ aufbauen will. Liegt hier vielleicht die politische Agenda von George R. R. Martin? Zu zeigen, daß es eine starke Frau braucht, um die Grausamkeit zu beenden und Frieden zu schaffen? Andererseits hat auch die Drachenmutter keine Wahl, als militärische Stärke zu beweisen, und mit Cercei Lannister ist ihr grausamster Gegenspieler ebenfalls eine Frau. Eher hat man den Eindruck, daß für Martin der Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Herrscherdarin besteht, daß der schlechte sich nur um seinen Machterhalt kümmert, während der gute daneben auch das Wohl seines Volkes im Auge hat – und wer wollte dem widersprechen?

 

Game of Thrones ist aber sicher nicht deshalb beliebt, weil sich seine Grundsätze eins zu eins auf die politische Gegenwart anwenden ließen. Sondern weil es sich um gute, komplexe, den Zuschauer und Leser ernstnehmende Unterhaltung handelt. Aber vielleicht auch, weil es daran erinnert, daß politische Verhältnisse, so stabil sie auch wirken mögen, niemals in Stein gemeißelt sind.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0