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Drachenzähmen leicht gemacht, Jordan Peterson und die Verwirrung unserer Mythen


von Benjamin Hasselhorn


Morgen kommt der Film „Drachenzähmen leicht gemacht 3“ in die Kinos. Ich habe die „Drachenzähmen“-Filmreihe bislang aus ideologischen Gründen boykottiert, denn ich bin der Meinung, daß Drachen in erster Linie getötet werden sollten. Nun gibt es zwar beispielsweise in der christlichen Tradition durchaus auch Drachenzähmer (meist handelt sich um Drachenzähmerinnen), aber ich befürchtete, daß der Film nicht unbedingt an diese Tradition anknüpfen, sondern eher in eine ganz andere Richtung gehen würde. Der englische Originaltitel verstärkt die Befürchtung noch: „How to train your dragon“ – „Wie man seinen Drachen trainiert“. Das klingt nicht mal mehr nach Zähmen und läßt jedenfalls nichts Gutes hoffen. Dennoch sollte man kennen, was man ablehnt, also habe ich mir den ersten Teil der Filmreihe angesehen. Und sehe mich sowohl in meinen Befürchtungen bestätigt als auch positiv überrascht.

 

 

Denn zugegeben: Der Film ist ganz süß. Er handelt von dem jungen Wikinger Hicks, Sohn des Häuptlings Haudrauf. Ihr Dorf wird regelmäßig von Drachen attackiert, deshalb ist der vornehmste Beruf im Dorf der des Drachentöters. Hicks allerdings ist schmächtig und ungeschickt und daher für die Verteidigung des Dorfes ungeeignet. Er versucht daher, sein Defizit durch Intelligenz auszugleichen. Er baut eine Schleuder, mit der er einen der besonders gefürchteten Nachtschatten-Drachen vom Himmel holt. Als Hicks die Absturzstelle sucht, stößt er auf den verwundeten Drachen, doch bringt es nicht übers Herz, ihn zu töten. Stattdessen freundet er sich mit dem Drachen an und stellt fest, daß dieser gar kein böses Wesen ist. Sein neuerworbenes Wissen über den rechten Umgang mit Drachen führt am Ende zu einer großen Verbrüderung von Mensch und Drache, bringt Hicks den Status eines Helden ein und seinem Dorf den Frieden.

 

Die Geschichte ist gut erzählt, die Figuren sind sympathisch, der Film ist sehr unterhaltsam – das ist alles nicht das Problem. Das Problem ist, daß dem Film nicht gelingt, was zum Beispiel den meisten Zeichentrickfilmen von Disney gelingt, nämlich eine stimmige archetypische Grundstruktur zu schaffen. „Balancing out the archetypes“ nennt das Jordan Peterson. Peterson ist kanadischer Psychologe und der interessanteste Intellektuelle der Gegenwart. Sein Buch „12 Rules for Life“ hat sich bereits mehr als 3 Millionen mal verkauft. Noch stärker frequentiert ist sein YouTube-Kanal, auf dem er Video-Vorträge unter anderem zu biblischen Geschichten anbietet, aber eben auch zu Disney-Filmen. „Die Schöne und das Biest“ oder „König der Löwen“ hält Peterson für genial. Für den Disney-Erfolgs-Hit „Frozen“ dagegen hat er kein gutes Wort übrig: „Disney is normally good at mythology, but Frozen was pure ideology“. Denn „Frozen“ sei in Wahrheit der Versuch, im Gewand einer unterhaltsamen Geschichte eine bestimmte moralische Botschaft zu verbreiten. Peterson hat inzwischen einige Indizien dafür zusammengetragen, daß dies tatsächlich die Absicht der Produzenten des Films gewesen ist.

 

 

Als Schüler C. G. Jungs lotet Peterson in seinen Vorträgen und Publikationen die Archetypen unseres kollektiven Unterbewußtseins aus. Auch über Drachen äußert er sich in diesem Zusammenhang. Für diejenigen, die Drachen für fiktional halten, hat Peterson kein Verständnis. Drachen seien vielmehr „hyperreal“, in demselben Sinne, in dem eine mathematische Abstraktion „realer“ sei als das ihr zugrundeliegende Phänomen. Es handle sich bei Drachen wahrscheinlich um ein Kondensat beziehungsweise eine Kombination sämtlicher für den Menschen gefährlicher Raubtiere. Drachen symbolisierten das schlechthin Unbekannte und damit das schlechthin Gefährliche. Selbstverständlich seien sie schrecklich und tödlich. Sie seien aber auch nicht einfach nur böse, sondern zugleich faszinierend. So verhalte es sich nun einmal mit dem Unbekannten: Es kann einen umbringen, aber es ist zugleich auch die einzige Quelle neuer Informationen. Das, was einen am meisten ängstigt, so Peterson, ist genau das, dem man sich unbedingt stellen muss; das, was man am meisten braucht, liegt genau dort verborgen, wo man am wenigsten suchen will. Deshalb horten Drachen im Mythos einen Schatz oder halten eine Jungfrau gefangen. Nochmal Peterson: „Der Drache ist ein Symbol für das, was jenseits der Sicherheit auf uns wartet.“

 

 

Ein großer Teil des Films „Drachenzähmen leicht gemacht“ wirkt tatsächlich wie eine Ausformulierung dieser Idee. Hicks stellt sich dem Drachen und wird dadurch transformiert; er lernt etwas, das für das Überleben des Dorfes unabdingbar ist und das ihn zum Helden macht. Das Problem ist nur, daß in diese Struktur der Geschichte eine moralisch-ideologische Botschaft wie ein störender Fremdkörper eingebaut ist. Sie lautet: Drachen sind auch nur Menschen. Das erinnert ein wenig an den Wildhüter Hagrid in „Harry Potter“, der noch das bösartigste und aggressivste Untier als „zutiefst mißverstandenes Wesen“ verteidigt. Drachen töten? Nicht nötig, sie sind doch in Wirklichkeit ganz lieb und wollen nur spielen. Mit dieser absurden Idee bringt der Film erhebliche Verwirrung in unser mythologisch-kulturelles Koordinatensystem. Der Drache als mythisches Symbol für die Schrecklichkeit des Unbekannten wird hier fundamental in Frage gestellt, und das nur, um die gut gemeinte Botschaft zu verkaufen: „Das Unbekannte und Fremde ist nicht das Böse! Folge nicht deinen Vorurteilen, sondern lerne das Fremde erst einmal kennen, dann wirst du feststellen, daß es genauso ist wie du.“

 

Allerdings: Selbst „Drachenzähmen leicht gemacht“ kommt nicht ohne das Böse aus, das sich im Film in Gestalt eines – ebenfalls drachenartigen – Supermonsters zeigt, gegen das Menschen und „gute“ Drachen gemeinsam kämpfen. Das liegt zwar mythologisch gesehen genauso haarscharf neben der vor allem in China verbreiteten Tradition, daß es sowohl gute als auch böse Drachen gibt, wie das Drachenzähmen des Films haarscharf am europäisch-christlichen Drachenzähmen vorbeigeht, zeigt aber immerhin, daß die Filmemacher doch nicht ganz um die Realität des Schrecklichen herumgekommen sind. Selbst „Drachenzähmen leicht gemacht“ muß sich der Erkenntnis stellen, daß die Behauptung, Drachen seien in Wirklichkeit gar nicht gefährlich, Unsinn ist. Drachen sind schrecklich, man muß ihnen aber trotzdem standhalten – und kann es auch: Das wäre die Botschaft, die im Einklang mit unserer mythologischen Tradition gelegen hätte. Und, nebenbei gesagt, auch im Einklang mit unserer Lebenserfahrung.

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Kommentare: 1
  • #1

    EbrithilBowser (Freitag, 05 April 2019 16:14)

    Der Drache mag in den alten Mythen meist etwas böses sein, das getötet werden muss. Aber daraus die Abneigung für einen Film zu begründen, der sich in eine lange Reihe von Werken mit guten Drachen stellt (man denke an Tabaluga, Spyro, Eragon, usw.), halte ich für die falsche Einstellung. Zumal selbst der mythologische Drache nicht grundsätzlich böse ist, und Mythen mit wohlgesonnenen Drachen nicht auf Ostasien beschränkt sind, sondern auch in Europa zum Teil vorkommen. Innerhalb des Kontextes des Drachenzähmen leicht gemacht Universums sind Drachen normale Tiere, und einem Wesen das Recht zu Leben abzusprechen, nur weil es nicht in das eigene Weltbild passt, ist eine sehr gefährliche und verwerfliche Idee.