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Das Georgskreuz


von Hartmut Voelkel


Es war ein wunderbarer Frühlingstag am Kai von Portofino. Das Essen schmeckte, der Wein auch, die Zahl der Gäste war noch klein und die Wirtin des Restaurants zu einem Gespräch aufgelegt. Man plauderte über dies und jenes, bis die Frage fiel, was es mit der Flagge auf sich habe, die an der Kirche oberhalb der Bucht wehte. Die Antwort kam mit einem Schmunzeln: „Wissen Sie, die Engländer freuen sich immer besonders, wenn sie die sehen. Sie glauben, wir haben für sie die Fahne des Heiligen Georgs aufgezogen. Aber das ist unsere, und unsere ist die ältere, ihre ist die jüngere. Nirgends wird Georg so verehrt wie bei uns.“

 

 

Tatsächlich ist die Zahl der Gedenkstätten für den Heiligen Georg im Örtchen Portofino erstaunlich groß. Er wird als Nothelfer dargestellt und selbstverständlich als Drachentöter, und „seine“ Fahne, das weiße Tuch mit dem roten Kreuz, findet sich in der ganzen Stadt. Den St. Georgs-Tag, den 23. April, feiert man mit einem großen Volksfest, das in der Vergangenheit den Beginn der Zeit des Fischfangs signalisierte und heute die touristische Saison eröffnet. Zurückgeführt wird das alles darauf, daß nach Abschluß des Ersten Kreuzzugs,1110, einige Reliquien des Heiligen nach Portofino gebracht wurden und seitdem dort in der Krypta der Kapelle des Ortes liegen. Portofino diente lange der mächtigen Seerepublik Genua als Außenposten.

 

 

Tatsächlich führte schon 1198 der Admiral Genuas eine rote Fahne mit der Darstellung St. Georgs auf seiner Galeere. Zwanzig Jahre später fand man ein entsprechendes Feldzeichen ergänzt um die Kreuzfahne, erstere wurde als Kriegsfahne der Republik betrachtet und spätestens in den 1240er Jahren regelmäßig mit der Kreuzfahne zusammen verwendet. Schließlich galt aber die Kreuzfahne als das eigentliche Hoheitszeichen Genuas. Die Verknüpfung mit der Person St. Georgs war naheliegend, aber nicht zwangsläufig. Zwar weist auch der berühmte Georgsschrein des Doms von Genua Darstellungen des Heiligen mit Waffenrock und einem Schild auf, die beide das rote Kreuz zeigen. Die Arbeit stammt aber erst aus dem 14. Jahrhundert. Ein Relief an der Außenwand der Kirche, das als eine der frühesten Darstellungen der Drachentötung im Westen gilt, weist überhaupt kein Wappen auf, aber immerhin einen Lanzenwimpel mit dem Kreuz, während ein großes, an byzantinischen Vorbildern orientiertes Fresko des Heiligen im Inneren ohne jede Emblematik auskommt.

 

 

Man kann das auch als Indiz dafür betrachten, daß die manchmal geäußerte Vermutung, es habe sich bei der St.-Georgs-Fahne mit dem Kreuz um die Übernahme eines byzantinischen Vorbildes gehandelt, wenig Plausibilität besitzt. Zwar haben sich militärische Bräuche im Westen seit dem 10. Jahrhundert stark an östlichen orientiert, aber das betraf in erster Linie das „Zusammenfallen von Kriegs- und Kirchenfahnen“ (Carl Erdmann) sowie die Anrufung und Darstellung von Militärheiligen. In dem konkreten Fall des Kreuzmotivs wird man jedoch skeptisch sein dürfen, wenn eine Übernahme behauptet wird. Kreuzsymbole kamen wohl seit dem 12. Jahrhundert auf einer Vielzahl von byzantinischen Armeefahnen vor, und für das 14. Jahrhundert werden unter ihren flamula ausdrücklich zwei mit Darstellungen des Heiligen Georg erwähnt, aber deren Optik unterschied sich doch deutlich von der abendländischen. Eine reguläre „Staatsflagge“, die die Genueser hätten kopieren können, entstand überhaupt erst nach dem „unheiligen“ Vierten Kreuzzug und der Einführung des Lateinischen Kaisertums in Byzanz, das sich zu Beginn des 13.Jahrhunderts an abendländischen Mustern orientierte und für sein Hoheitszeichen auch das rote Kreuz auf weißem Feld einführte. Von einer Bezugnahme auf St. Georg war dabei offenbar keine Rede, und es fällt auch auf, daß in der Bilderwelt der ausgeprägten Georgsfrömmigkeit des Ostens das Georgskreuz nie eine Rolle spielte.

 

 

Man sollte deshalb eher von einer in Europa sukzessive verbreiteten Übung ausgehen, die angesichts der Glaubenslegitimation aller weltlichen Herrschaft dieser Zeit und der wachsenden Bedeutung des Christentums nahelag. Das Kreuz war das Symbol der Wahl, wenn es darum ging, den eigenen politischen Anspruch auch religiös zu begründen. Bezeichnend ist, daß Mailand auf seinem berühmten Fahnenwagen, dem Carroccio, zuerst ein Kruzifix und weiße Tücher – Weiß galt als die Farbe der Himmlischen – anbringen ließ, die dann durch weiße Fahnen mit rotem Kreuz ersetzt wurden. Schon 1155 hat man das rote Kreuz auf Weiß als Fahne der Stadt betrachtet, ein Vorgang, der wahrscheinlich parallel zu dem in Genua ablief. Allerdings gab es in Mailand keine Verknüpfung mit St. Georg, denn der Stadtpatron St. Ambrosius stand außer Konkurrenz. Daß das rote Kreuz im weißen Feld eher als gemeinchristliches Symbol galt, macht auch die Tatsache wahrscheinlich, daß die sogenannte „Siegesfahne“ Christi, die dessen Triumph über den Tod in der Auferstehung versinnbildlicht und seit dem10. Jahrhundert in der bildenden Kunst auftauchte, regelmäßig ein weißes Kreuz auf Rot oder ein rotes Kreuz auf Weiß zeigte.

 

 

Die Vorstellung, daß es sich dabei um das Wappen St. Georgs handelte, scheint auf einer sekundären Zuordnung zu beruhen. Ihm ein Wappen zu verleihen, lag im heraldischen Zeitalter und angesichts seiner Bedeutung als bevorzugter Heiliger des Kriegeradels selbstverständlich nahe. Ähnlich wie bei anderen Militärpatrons – St. Mauritius, St. Longinus, St. Gereon, St. Victor – ging es dabei zuerst um die Kreuzform, nicht um die Farbgebung. Aufschlußreich ist eine der ältesten Darstellungen als mittelalterlicher Krieger, ein Wandbild aus der Kirche von St. Jacques des Guérets, die auf die Mitte des 12. Jahrhunderts datiert wird und St. Georg mit Lanze und Schild auf dem Drachen stehend abbildete. Schild und Fahne zeigen ein vierfach weiß und schwarz geschachtes Feld. Vielleicht hat der Künstler damit die Kreuzform aufnehmen wollen, die dann vor allem in den frühen Siegeln mit Georgsmotiv als Wappen dominiert, die seit der ersten Hälfte des 13.Jahrhunderts nachweisbar sind, ohne doch einheitliche Gestalt anzunehmen: Es gibt nebeneinander Spiral-, Brücken-, Anker-, Lilien- und Ankerspitzkreuze. Erst Darstellungen wie die auf dem Wandbild der Kathedrale Clermonds, die am Ende des 13. Jahrhunderts entstand, zeigten St. Georg in einem Waffenrock und mit einem Schild, die dem endgültigen Muster entsprachen: rotes Kreuz auf weißem Grund.

 

 

Wenn in der Folgezeit eine relative Vereinheitlichung der Vorstellung vom „Georgskreuz“ erreicht wurde, hat aber auch das nie zu einer vollständigen Kanonisierung geführt. So konnte in einer Beschreibung der Fahnen, die während der Schlachtbei Tannenberg, 1410, eingesetzt worden waren, ein rotes Banner mit weißem Kreuz als „Quartum Sancti Georgii“ bezeichnet werden. Ein moderner Kommentator hat das auf einen Irrtum des Chronisten oder des Illustrators zurückführen wollen und zu recht erklärt, daß unter den Kriegerheiligen sonst der Heilige Mauritius beziehungsweise der Erzengel Michael (so auf einer Tafel des Genter Altars oder auf einem Wandbild der Deutschordensburg von Lochmühl) mit diesem Symbol dargestellt wurden. Aber eine Verwechslung zwischen den Feldzeichen ist nicht nur hier, sondern auch in anderen Fällen festzustellen, und eine systematische Überprüfung würde wahrscheinlich zu dem Ergebnis kommen, daß nicht nur die beiden berühmtesten Drachentöter durcheinandergebracht wurden, sondern eben auch „Georgskreuz“ und „Michaelskreuz“.

 

 

Wenn man überhaupt von einer Kanonisierung des roten Kreuzes auf weißem Feld als Wappen St. Georgs sprechen kann, dann auf Grund einer Entwicklung, die mit dem Dritten Kreuzzug einsetzte. 1188 wurde jedenfalls eine Vereinbarung getroffen, die einzelnen nationalen Kontingente des Unternehmens mit verschiedenfarbigen Kreuzen zu kennzeichnen: rote für die französischen, weiße für die englischen, grüne für die flämischen, schwarze für die bretonischen Truppen. Kurze Zeitspäter hat man die Zuordnung für die französischen und die englischen Kämpferumgekehrt, ohne dem tiefere Bedeutung beizumessen. Die lange Zeit populäre Vorstellung, daß Richard Löwenherz als englischer Führer des Kreuzzugs nicht nur das Symbol gewählt, sondern es auch mit dem Heiligen Georg verknüpft habe, entbehrt jedenfalls der Grundlage. Eine solche Zuordnung dürfte sich nicht vor dem 13. Jahrhundert durchgesetzt haben, ohne daß dabei schon nationale Aspekte eine Rolle spielten.

 

 

Erstmals wurde 1277 in einem englischen Text von einer Fahne mit dem „Wappen St. Georgs“ gesprochen, in einem Bericht über die Einnahme von Carlaverock, 1300, hieß es, daß die englischen Truppen unter dem Banner des Königs mit seinem Wappen, den Fahnen von St. Edmund und St. Edward sowie der Georgsfahne kämpften. Der kam aber noch kein Vorrang zu. Erst seit der Zeit Eduards I. dienten weiße Wimpel mit einem roten Kreuz als Kennzeichnung der Infanterieeinheiten, und 1385 rückten die englischen Truppen mit 92 Fahnen, auf denen das Georgskreuz zusehen war, in Schottland ein. Bemerkenswerterweise führten auch die rebellischen Bauern des großen Aufstands von 1381 Georgsfahnen, was für deren allgemeine Anerkennung spricht. Ende des 14. Jahrhunderts waren Markierungen mit rotem Kreuz (nicht unbedingt auf weißem Grund) eine Art provisorischer „Uniform“ aller englischen Soldaten, 1386 gab es eine entsprechende Festlegung im Statute of the Hoste, und am Vorabend der Schlacht von Azincourt, 1415, befahl Heinrich V., daß jeder seiner Männer ein rotes Kreuz zu tragen habe und jeder Gegner, der mit einem entsprechenden Emblem angetroffen werde, unverzüglich zu töten sei.

 

 

Das legendäre Eingreifen Georgs auf ihrer Seite bei Azincourt hat ganz wesentlich dazu beigetragen, daß die Engländer das rote Kreuz in Zukunft als nationales Emblem und als „Georgskreuz“ betrachteten. Eine Monopolstellung war auf diesem unübersichtlichen symbolpolitischen Feld aber nie zu erreichen. Das hatte weniger mit dem fortgesetzten Gebrauch jener Fahnen zu tun, die den Heiligen in realistischer Darstellung zeigten: kleine Städte wie Rhäzüns oder Graubünden oder Stein am Rhein führten Georgsfahnen genauso wie die Stadt Prag in der Herrschaftszeit Karls IV., das Tiroler Aufgebot des 14. Jahrhunderts oder die Truppen Stefans III., Herr der Walachei, im Kampf gegen die Türken. Eher geht es darum, daß Genua auf seinem Fahnenbild beharrte, und als 1347 der Volkstribun Cola di Rienzo in Rom die Republik ausrief, ritt er als „weißer Ritter des heiligen Geistes“ auf das Kapitol und schwor „auf den allerheiligsten Leib unseres Herrn Jesus Christus und auf das Haupt und die Fahne des heiligen Ritters und Schutzherrn Georgius“. Zu erwähnen ist auch das kleinasiatische christliche Königreich Georgien, das schon seit dem Mittelalter Anspruch auf das Georgskreuz erhob (rotes Kreuz auf weißem Feld, in den Winkeln jeweils ein kleineres, rotes, griechisches Kreuz) und seit der Wiedererstehung nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion weiter erhebt.

 

 

Der relative Vorrang des englischen Georgskreuzes sei damit nicht bestritten. Ein Hinweis auf diese Modellfunktion ist auch die Tatsache, daß die verschiedenen Georgsorden nach Stiftung des englischen Hosenbandordens im Jahr 1348 ganz selbstverständlich auf das rote Kreuz als Zeichen zurückgriffen (Drachenorden, gestiftet 1387 beziehungsweise 1408, St. Georgsorden Österreichs, gestiftet 1469, Hausritterorden vom Heiligen Georg, Bayern, gestiftet 1729). Ansonsten hat die englische Georgsfahne nicht nur die Reformation, die alle anderen Heiligenfahnen abschaffte, und sogar die Verschmelzung mit dem schottischen Andreaskreuz (weißes Schrägkreuz auf Blau) und dem irischen Patrickskreuz (rotes Schrägkreuz auf Weiß) in der Union Flag überstanden. Und seitdem die Regionalisierung Großbritanniens dazu führte, daß sich neben Iren auch Schotten und Waliser mit ihren Nationalflaggenzeigen, wächst das Bedürfnis – auch außerhalb der Fußballstadien –, die besondere englische Identität dadurch zum Ausdruck zu bringen, daß man das alte Symbol des Schutzpatrons wieder zu Ehren bringt.

 

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