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Sankt Georg in England


von Hartmut Voelkel


Die katholische Kirche hat St. Georg aus ihrem Heiligenkalender gestrichen, aber in Großbritannien, einem protestantisch geprägten und stark säkularisierten Land, feiert man den 23. April, den Georgstag, mit ungebrochenem Enthusiasmus: Kinder erledigen Pappmachedrachen mit Holzschwertern, die Väter tragen phantastische Plastikritterhelme auf den Köpfen und ihre Mütter haben sich das Gesicht mit dem Georgskreuz – rot auf weißem Grund – geschminkt, Fahnen überall. Der Oberbürgermeister im „bunten“ London ist gehalten, diese Veranstaltung unter dem Motto „celebrating England“ zu organisieren, und hier wie in vielen anderen Orten finden Umzüge statt, bei denen der Heilige neben allen möglichen wichtigen Gestalten der nationalen Geschichte reitet, auch sagenhaften wie König Artus oder Robin Hood. Zum Schluß besiegt er den Drachen unter großem Applaus, und die Feierlichkeiten nehmen endgültig den Charakter einer Mischung aus Kirmes und Karneval an.

 

 

Es gibt zwar Hinweise darauf, daß schon in früher angelsächsischer Zeit die ersten Legenden über den Märtyrer St. Georg ihren Weg nach England fanden, und die Vorstellung aufkam, er habe als römischer Soldat im besetzten Britannien gedient, Caerleon und Glastonbury besucht, aber noch im 11. Jahrhundert war die Zahl der ihm geweihten Kirchen gering. Vor der normannischen Eroberung soll es lediglich ein Gotteshaus und eine Abtei mit seinem Namen gegeben haben. Das änderte sich radikal im Zeitalter der Kreuzzüge. Nachdem der Heilige 1098 bei Antiochia das Schlachtenglück zu Gunsten der Christen gewendet hatte, wurde er in England außerordentlich populär. Ein erhalten gebliebenes Tympanon der Kirche von Fordington, Dorset, zeigt die entsprechende Szene. Parallel zur Veränderung desbisherigen Bildes kam die Legende von der Drachentötung in Umlauf, die weiter dazu beitrug, Georg als den Kriegerheiligen zu etablieren. Richard I. Löwenherz, der den größeren Teil seiner Regierungszeit im Heiligen, nicht in England, verbrachte, stellte seine Männerausdrücklich unter den Schutz St. Georgs.

 

 

1222 hat dann eine Synode in Oxford den 23. April zum Feiertag St. Georgs erklärt. Noch heute sind mehr als 160 Kirchen nachweisbar, die man ihm im Mittelalter geweiht hat, mehr als neunzig große Wandbilder thematisierten Episoden seines Lebens. Es gab zahlreiche Gilden, die sich auf ihn beriefen, St. Georg wurde ein populärer Name von Gasthäusern, der Drachenkampf ein verbreitetes Motiv, nicht nur der geistlichen, sondern auch der weltlichen Kunst, und ein beliebtes Thema des volkstümlichen Theaters. Seit 1413 beging man den Georgstag als besonders wichtiges „Doppelfest“ des Kirchenjahrs, das heißt die Feierlichkeit wurde auf zwei Tage ausgedehnt. Zu diesem Zeitpunkt war unverkennbar, daß der Heilige in England eine ungleich größere Rolle spielte als in allen anderen christlichen Ländern, die sein Patronat beanspruchten (Deutschland, Frankreich, Schweden, Rußland).

 

 

Die Durchsetzung des Georgskults in England stand in engem Zusammenhang mit dem Hundertjährigen Krieg. Im Kampf standen sich nicht nur zwei Könige und zwei Armeen gegenüber, sondern auch zwei Völker und deren Heilige: Der Heilige Dionysios, Saint Dénis, der Patron Frankreichs, und St. Georg, der Patron Englands. 1344 oder 1348 ließ Eduard III. Georg noch einmal zum Schutzheiligen Englands erklären. 1348 war außerdem das Jahr, in dem der König den Hosenbandorden stiftete, der ausdrücklich als Georgsorden gedacht und mit einer entsprechenden Symbolik verknüpft war; ein Thema, auf das gesondert eingegangen werden muß. Fest steht weiter, dass schon bei der Eroberung von Calais, 1346, der englische Schlachtruf „Ha!St. George!“ ertönte, ein Vorgang, der deutlich an die von Shakespeare in seinem Stück „Heinrich V.“ geschilderte Szene erinnert, in der der König vor der Schlacht bei Azincourt an seine Männer die Parole ausgibt: „God for Harry, England and St. George!“ Daß der Heilige wiederum in den Kampf eingegriffen haben soll, um ihn für die Truppen Heinrichs zu entscheiden, wurde als Gottesurteil über die sündigen Franzosen verstanden und gehörte zu den Schlüsselvorstellungen der Zeit, in der das englische Nationalbewußtsein geboren wurde.

 

 

Dessen enge Verknüpfung mit der Georgsverehrung hat sogar die Trennung von der katholischen Kirche überstanden. Zwar gab es radikale Strömungen der englischen Reformation, die bei ihren Bilderstürmen den Georgsschrein in Canterbury und die Reliquiensammlung in Windsor genauso zerstörten wie die zahlreichen Glasfenster, gemalten und figürlichen Darstellungen des Heiligen in den Kirchen des Landes. Aber sie konnten ihr Ziel letztlich nicht erreichen, und der Anglikanismus nahm zum Schutzpatron des Landes eine versöhnlichere Haltung ein. Bis heute trägt eine Vielzahl englischer Kirchen den Namen Georgs, und die Kirche von England beflaggt ihre Türme regelmäßig mit der Georgsfahne. Wenn der Erzbischof von Canterbury einen neuen Monarchen in Westminister Abbey krönt, trägt man den Thron nach wie vor aus der Georgskapelle, wo er sonst verwahrt wird. Seit 1660 sind die sogenannten „Sporen des Heiligen Georg“ Teil der britischen Insignien. Sie sollen die Ritterlichkeit des Königs symbolisieren, werden allerdings nicht mehr angelegt, sondern während der Zeremonie auf dem Altar deponiert.

 

 

Bei aller Kontinuität ist aber zu betonen, daß sich seit dem 16. Jahrhundert die Perspektive auf St. Georg in dem Sinn verschoben hat, daß er immer weniger als Heiliger im traditionellen Sinn, immer stärker als Teil der nationalen Mythologie betrachtet wurde. Aus „St. George for England“ wurde „St. George of England“. Der Vorgang ist zuerst an der englischen Literatur ablesbar. In der berühmten Fairie Queene (1590 / 96) von Edmund Spenser tauchte der Heilige als „Redcrosse Knight“, als Ritter mit dem roten Kreuz, auf und verkörperte die Verteidigung des wahren Glaubens. Er tötet den Drachen „Irrtum“ und dient seiner Herrin „Una“, die die wahre – protestantische – Kirche repräsentiert. Von einem Martyrium ist keine Rede, es geht nur um Georg als Inbegriff des miles christianus, aber auch um die Verknüpfung der Figur mit der des König Artus, ergänzt um die Behauptung, daß St. Georg in Wirklichkeit in England geboren sei. Dieselbe Vorstellung fand sich auch in Richard Johnsons Most Famous History of the Seven Champions, das die „Sieben Meister“ des Christentums behandelte und St. Georg einen vornehmen Rang einräumte, gerade weil es sich um einen „englischen Ritter“ handelte. In die Schilderung Johnsons gingen ältere mündliche Traditionen ein, aber neu war die merkwürdige Art und Weise, in der er die Beziehung zwischen dem Heiligen und der befreiten Prinzessin in ein romantisches Licht tauchte. So fand sich plötzlich auch deren Name – Sabra – und die Darstellung einer Heirat mit Georg, die allerdings durch den heidnischen König Ptolemäus mißbilligt wurde, der den Retter seiner Tochter haßte, weil der Christ war. Die Verbindung der Liebenden konnte Ptolemäus aber nicht verhindern. Georg bestand alle Abenteuer und erschlug zuletzt – in seine englische Heimat zurückgekehrt – den Drachen von Dunsmore Heath.

 

 

Die Verschmelzung von Heiligenlegende und Ritterroman war bei Johnson bis zum äußersten Punkt getrieben, was sicher viel von deren bleibendem Einfluß erklärt. So tauchten die Elemente der Erzählung auch in Thomas Percys einflußreicher Sammlung älterer Erzählungen, den Reliques of Ancient English Poetry (1765), wieder auf, und die Verbindung von Georg und Sabra spielte eine Rolle für das Programm der Präraffaeliten – Edward Burne-Jones wie Dante Gabriel Rossetti verarbeiteten es in ihrem Werk –, was deshalb aufschlußreich ist, weil diese Künstlergemeinschaft wie kaum eine andere die nationale Bilderwelt Großbritanniens beeinflußt hat.

 

 

Die erhielt ihre entscheidende Prägung im 19. Jahrhundert, das zu einer weiteren Metamorphose der Vorstellung von St. Georg führte, der nun nicht mehr in erster Linie Heiliger und Schutzpatron oder romantischer Held, sondern eine Art Chiffre für das englische oder britische Wesen wurde. Wichtig war in dieser Hinsicht die Einführung des (neuen) Sovereign im Jahr 1817, auf dessen Rückseite man den Drachentöter in antikisierender Darstellung abgebildet hat. Damit wurde ein Muster geschaffen, an dem die Königliche Münze bis heute festhält; sie wirbt für den Kauf der wertbeständigen Goldmünze ausdrücklich mit dem Slogan „die Tradition fortsetzen mit St. Georg und dem Drachen“. Dabei war die Entscheidung, das Bild des Heiligen im Kampf mit dem Ungeheuer aufzugreifen, eben nicht einfach traditionalistisch. Zwar hatte schon Heinrich VIII. eine Goldmünze mit dem heiligen Drachentöter prägen lassen – den „noble George“ –, aber nun trat der religiöse Bezug ganz in den Hintergrund. Es ging vielmehr um den englischen Triumph über Napoleon und die „gallic principles“, die Ideen der Französischen Revolution. Damit war ein Muster für die nationale Ikonographie geschaffen, das bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg Bedeutung hatte und die Identifizierung Englands beziehungsweise Großbritanniens mit St. Georg, des Gegners mit dem Drachen, regelmäßig wiederholte. Eher am Rande des Bedeutungsfeldes lag dabei die Stiftung des Most Distinguished Order of St. Michael and St. George im Jahr 1818, der im wesentlichen der Ehrung von Ausländern diente, während das 1940 geschaffene George Cross und die George Medal ausdrücklich für Staatsbürger – Zivilisten wie Soldaten – gedacht waren, die sich militärisch ausgezeichnet hatten; das George Cross wird nur der wichtigsten Tapferkeitsauszeichnung, dem Victoria Cross, nachgeordnet und zeigt ein silbernes Kreuz, auf dessen Vorderseite der Drachentöter zu sehen ist. Wichtiger für das öffentliche Bewußtsein war aber sicher die Tatsache, daß dieses Motiv in jeder denkbaren Form Verwendung fand für öffentliche oder private Kunstwerke, Plastiken, Reliefs, Gemälde oder Zeichnungen, und dann selbstverständlich als Propagandamittel, vor allem auf Karikaturen und Flugblättern, und während beider Weltkriege auf Plakaten, die vermehrte Anstrengungen im Kampf gegen den Feind forderten. Britische Denkmäler für die Gefallenen trugen schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, aber erst recht nach dem Ende des „Großen Krieges“, eine Darstellung St. Georgs. Berühmt ist das Westminster Scholars War Memorial, die Säule vor der Kirche von Westminster im Zentrum Londons, die einen jugendlichen Drachentöter zeigt und für die Gefallenen des Indischen Aufstands und des Krimkriegs errichtet wurde. In zahlreichen Kirchen hat man Fenster mit dem Bild Georgs gestiftet, um an die Toten zu erinnern. Im allgemeinen erscheint er hier in mittelalterlicher Rüstung, nur ausnahmsweise als römischer Soldat, meistens im Kampf mit dem Drachen, zu Pferd oder zu Fuß, gelegentlich auch über dem besiegten Ungeheuer.

 

 

Die ungebrochene Bedeutung des Militärpatronats für die britischen Streitkräfte ist aber nur ein Faktor, der die bleibende Bedeutung St. Georgs für die nationale Symbolik Großbritanniens erklärt. Ein anderer ist die Rolle, die er im Rahmen der patriotischen Erziehung spielte und spielt, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts von einflußreichen gesellschaftlichen Bewegungen des Landes in Angriff genommen wurde. In den Kontext gehört die Entscheidung Lord Baden-Powells, St. Georg zum Schutzpatron – und zum Vorbild – der Pfadfinderbewegung zu machen, genauso wie die Bestrebungen der 1894 gegründeten Royal Society of St. George, die die Feier des lange in Verfall geratenen Georgstages im ganzen Empire propagierte. Diese „erste patriotische Gesellschaft Englands“ existiert bis heute unter der Schirmherrschaft der Königin. Auch wenn ihre Grundidee – den Zusammenhalt der „britischen Rasse“ zu gewährleisten – in den Hintergrund getreten ist, was die Popularisierung des Georgstages angeht, war sie auf längere Frist ausgesprochen erfolgreich.

 

 

Allerdings haben heute längst andere Gruppierungen die Initiative an sich gezogen. Seit Beginn des neuen Jahrhunderts entstand in Reaktion auf die Regionalisierung des Vereinigten Königreichs eine Bewegung, die als betont englisch – nicht britisch – auftritt. Dabei spielen praktisch-politische Forderungen eine Rolle, vor allem die Errichtung eines englischen neben dem britischen, walisischen, schottischen und nordirischen Parlament, aber auch symbol-politische. Das erklärt die Wiederbelebung des Georgskreuzes als Fahnenbild (ein Thema, das ebenfalls gesondert behandelt wird) genauso wie den Zuspruch für die Feier des St. George’s Day. Zwar scheiterte 2004 eine Petition, die den Tag als nationalen Feiertag gesetzlich verankern sollte, aber die Initiatoren haben von ihrem Ziel deshalb nicht abgelassen. In jedem Fall werden sie mit Genugtuung sehen, daß die Zahl der Teilnehmer an den Feiern und Aufmärschen des Georgstages von Jahr zu Jahr wächst.

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