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Drachenkampf überhaupt


von Hartmut Voelkel


Wer sich je mit Drachenkampfgeschichten beschäftigt hat, wird deren Ähnlichkeit bemerkt haben. Etwas zugespitzt könnte man sagen: Kennt man eine, kennt man alle. Ganz gleich, ob es sich um einen Schöpfungs- oder einen Heldenmythos, um eine Heiligenlegende, eine volkstümliche Sage oder um ein Märchen handelt: Immer geht es darum, daß ein Gott oder Heros ein im Grunde unüberwindliches, schlangenartiges, reptilartiges, lurchartiges Monstrum angreift und tötet.

 

 

Man kann für diese Ähnlichkeit verschiedene Ursachen geltend machen. Die phantastischste ist die vom Weiterleben urzeitlicher Tiere, Sauriern etwa. Bekannt ist als Beispiel für eine solche Hypothese das „Ungeheuer vom Loch Ness“. Aber es gibt durchaus andere: Am 30. Juli 1915 torpedierte das deutsche Unterseeboot U 28 vor der Westküste Frankreichs einen britischen Dampfer. Dann lag das Schiff aufgetaucht in Beobachtungsposition, und vom Turm aus sahen der Kapitän sowie fünf Besatzungsmitglieder ein etwa zwanzig Meter langes, überdimensionales Krokodil, das kurz auftauchte und dann wieder in der Tiefe verschwand. Ein ähnliches Lebewesen wurde drei Jahre später in der Nordsee durch den Kommandanten von U 108 gesichtet. Wem das alles zu unwahrscheinlich vorkommt, der ist vielleicht eher geneigt, die Fortexistenz von kleineren, aber immer noch eindrucksvollen Verwandten der „Schreckensechse“ für möglich zu halten. Wilhelm Bölsche meinte in einer 1929 erschienenen Abhandlung, daß man die Entstehung von Drachensagen kaum auf reine Phantasie und bestimmt nicht nur auf die Fehlinterpretation fossiler Knochen zurückführen könne. Die waranartige Erscheinung des „Drachen“ am berühmten Ischtartor aus babylonischer Zeit, aber auch die Menge der Drachenüberlieferungen in Europa sei vielleicht damit zu erklären, daß sich „Riesenwarane … noch in geschichtlichen Zeiten auch in unsern engern Kulturgegenden herumgetrieben“ hätten. Für eine derartige Auffassung wäre weitergeltend zu machen, daß noch die ersten Aborigines einem als Megalania bezeichneten Waran gegenübergestanden haben, der eine Länge von sieben Metern und ein Gewicht von einer Tonne erreichte. Mit der Annahme, daß Megalania nicht, wie die meisten Forscher behaupten, vor 45.000 Jahren vollständig ausgestorben ist, bewegt man sich allerdings auf das Feld der Kryptozoologie. Ein aus der Sicht etablierter Wissenschaft unseriöses Gebiet. Was an dessen Faszination natürlich nichts ändert und auch erklärt, daß selbst ein Mann wie Heimito von Doderer zu den Anhängern dieser „Disziplin“ gehörte. Der Schriftsteller war sicher: „Der Mensch ist dem Drachen gegenüber gestanden: er kennt ihn aus Erfahrung.“ Doderers Meinung nach verschwinden Tierarten nicht einfach durch „Aussterben“, sie bleiben der Möglichkeit nach immer vorhanden und können jeder Zeit wiederkehren.

 

 

Eine Variante dieser Annahme einer tatsächlichen Begegnung von Mensch und Drache hat der Paläontologe Edgar Dacqué vertreten. Für ihn gab es zwar keinen Zusammenstoß zwischen homo sapiens und Sauriern, aber unsere Spezies habe ein „Gattungsgedächtnis“, das heißt tief in unserem Seelenleben verankerte Vorstellungen, die auf Erfahrungen beruhen, die zwar nicht wir, die aber unsere Vorfahren gemacht haben. Deshalb entspreche der Darstellung der Drachen oft eine „echt mesozoische Tierwelt“, dürfe die Ähnlichkeit mit Sauriern oder Riesenvögeln so wenig überraschen wie die Umdeutung von Fossilien des eiszeitlichen Nashorns als Rest eines Einhorns oder von versteinerten Säugetierskeletten als „Drachenzähnen“ oder „Drachenknochen“. Obwohl von Ausbildung Naturwissenschaftler, war Dacqué vom „Wirklichkeitswert der Sagen und Mythen“ überzeugt, in denen er die „Sprache des überindividuellen Gattungswesens“ zu vernehmen glaubte. Eine Auffassung, die derjenigen des Psychologen Carl Gustav Jung erstaunlich ähnlich ist. Entscheidend für Jungs Theorie war die Vorstellung, daß es nicht nur ein „individuelles“, sondern auch ein „kollektives Unbewußtes“ gebe. Das bestehe ganz wesentlich aus „Archetypen“, Seelenbildern, die tief im Menschen abgelagert sind und auf Vorgänge zurückgehen können, die lange vor dem Auftreten des Jetztmenschen gemacht wurden, ohne jemals vollständig verarbeitet zu sein. Da es um „Urerlebnisse“ und „urtümliche Typen, d. h. seit Alters eingeprägte allgemeine Bilder“ gehe, sei festzuhalten, daß „die Schlange, die Saurier und die Monstren… uralte kaltblütige Tiernatur als Gegenspieler der warmblütigen, panisch erregbaren Leidenschaftsnatur“ verkörperten. Das erklärte nach Jung das Vorhandensein von Grundängsten wie der vor dem Verschlungenwerden bei lebendigem Leib, Überwältigung durch wesentlich Größere oder tückische Vergiftung. Das „mana“, also die Macht des Archetypus „Drachenkampf“ über die menschliche Vorstellungswelt, hänge aber auch zusammen mit Erfahrungen von Rettung, unerwarteter Heilung und Triumph über einen Gegner, den man nicht zu besiegen hoffte.

 

 

Jung hat noch eine verhältnismäßig komplizierte Deutung des Archetypus „Drachenkampf“ angeschlossen, die für unseren Zusammenhang aber ohne Belang ist. Wichtig erscheint nur, daß der Archetypus des Helden seiner Meinung nach für die „Individuation“ steht, das heißt für jenen Akt, durch den die „Selbsteigenheit“ des Menschen erreicht wird gegen die Bedrohung von seiten der „Instinktseele“. Der Drachenkampf erscheint in seiner Lehre außerdem als „Symbol der Wandlung“, durch die sich der Mensch erneuert.

 

 

Traditionelle Kulturen haben solchen Wandlungen, Wiedergeburten, Übergängen von einem Zustand zum anderen im menschlichen Leben besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Man spricht von „Initiationen“, vor allem solchen, die der männliche Jugendlichedurchlief, und die immer etwas von einem Kampf hatten. Oft wurde verlangt, daß der Initiant sich gegen ein gefährliches Tier oder einen Feind stellte; ein Massai hatte erst einen Löwen zu erlegen, bevor er heiraten durfte, ein Makedone zur Zeit Alexanders des Großen mußte einen Eber mit Speer und Netz töten, bevor er sich wie die Männer zum Gastmahl legen konnte, bei den Sioux sollte man den Feind im Kampf mit bloßer Hand berühren – einen „coup“ machen –, um als vollwertig zu gelten, und die Kopfjäger Sumatras verlangten den Schädel eines Gegners, bevor sie jemanden als vollwertiges Mitglied in ihre Gemeinschaft aufnahmen. Der Altgermanist Jan de Vries hat den Drachenkampf deshalb nicht nur als „Modell des Heldenlebens“ bezeichnet, sondern außerdem (wie die Religionswissenschaftler Georges Dumézil und Mircea Eliade) einen Zusammenhangzwischen der Verbreitung des Drachenkampfmythos und des Initiationsritus angenommen. Die Erzählung vom Drachenkampf, so die These, überhöhe das Initiationsgeschehen, bei dem der Initiant in Schrecken versetzt, Torturen unterworfen und oft symbolisch von einem Ungeheuer verschlungen wurde, das ihn nach bestandener Probe wieder ausspie. Die gleichartige Struktur der rites de passage erkläre auch die Stereotypie der „Kernmotive“: Die besonderen Umstände der Zeugung des Helden (Herakles ist ein Sohn der Alkmene und des Gottes Zeus, Cuchulainn, der einen dreiköpfigen Drachen besiegen wird, ist der Sohn, der aus der Verbindung von Conchobar und seiner Tochter Dechtire hervorgegangen ist) und der Geburt (der persische Drachentöter Rustam, der keltische Tristan und der russische Dobrynya Nikitich kommen durch Kaiserschnitt auf die Welt), die Bedrohtheit seines jungen Lebens (Wolfdietrich wie Siegfried werden ausgesetzt), manchmal die Unverwundbarkeit (das gilt nicht nur für den „hürnenen“ Siegfried, sondern auch für die irischen Helden Fer Dia und Conganchnes sowie den persischen Isfandiar), der Kampf selbst und die Überwindung des Ungeheuers sowie der Gewinn einer Jungfrau (Andromeda in der Perseus-Sage, aber in gewissem Sinn auch die Königstochter in der Überlieferung von St. Georg).

 

 

Die Macht der zu Grunde liegenden Vorstellung über die menschliche Innenwelt blieb sogar noch erhalten, als die Säkularisierung die westliche Welt längst erfaßt hatte. In Herman Melvilles Moby Dick wird der Wal nicht nur als der „Drache des Meeres“ bezeichnet, sondern auch die lebensgefährliche Jagd auf ihn als Drachenkampf verstanden, „und mit gutem Recht“, sagt Ismael, Melvilles Ich-Erzähler, „… sollten wir Harpuniere aus Nantucket eingeschrieben werden in den hoch ehrwürdigen Orden des Heiligen Georg. Und darum laßt die Ritter dieser ehrenwerten Gesellschaft (keiner von ihnen, wage ich zu sagen, hatte je mit einem Wal zu tun wie ihr großer Patron) niemals mit Geringschätzung auf einen Mann aus Nantucket blicken, da wir in unseren Wolluniformen und teerigen Pullovern viel eher den St. Georgs-Orden verdienen als sie.“

 

 

So aufschlußreich die Verklammerung von Initiation und Drachenkampf ist, erklärt sie doch nicht das eigentümliche West-Ost-Gefälle in bezug auf die Verbreitung des Motivs. Während es in Europa eine außerordentliche Häufung derartiger Erzählungen gibt, ist deren Zahl in Ostasien eher klein. Zwar gehört das Schwert des göttlichen Drachenkämpfers Susano zu den japanischen Kroninsignien, aber trotzdem kann man ohne Übertreibung sagen, daß in China und in dem von China geprägten Kulturraum Drachenkämpfer nur im Rahmen volkstümlicher Erzählungen vorkommen, während der Drache als kosmisches Symbol unantastbar bleibt. Umgekehrt erscheint der Drache im Westen bloß ausnahmsweise als Machtzeichen und in der Regel als Symbol des Bösen, das vernichtet werden muß. Dazwischen gibt es Abstufungen: Für die ägyptische wie die mesopotamischen wie die indischen Hochkulturen spielte der Drache oder eine seiner Varianten immer eine Rolle als Sinnbild der ordnenden Gewalt (die aufgerichtete Kobra an der Krone der Pharaonen oder als Beschützerin Vishnus, der erwähnte Drache am Ischtartor Babylons neben Löwe und Stier) wie der chaotischen Gegengewalt (Seth, der Helfer des Sonnengottes Re, stößt die Schlange Apophis nieder, Marduk tötet Tiamat, eine gehörnte Riesenschlange, Baal wie Jahwe vernichtenden Leviathan, ein Riesenkrokodil, der indische Gott Indra besiegt den Drachen Vritra und stiftet die Weltordnung, die iranischen Helden Garsasp und Keresaspa besiegen am Ende der Zeiten den Drachen Azi Dahāka).

 

 

Man hat für die ungleiche Verteilung des Stoffs – und sein Fehlen außerhalb Eurasiens – religiöse Umwälzungen verantwortlich gemacht, bei denen vor allem der Übergang von matriarchalen (mutterrechtlichen) zu patriarchalen (vaterrechtlichen) Vorstellungen eine Rolle spielte. Johann Jakob Bachofen wies schon auf die Parallelen zwischen der indischen Überlieferung von der Schlacht zwischen Brahmanen und Schlangenvolk und dem griechischen Mythos vom Konflikt zwischen Apollon und dem Typhon einerseits, Athena und den Erinnyen andererseits hin und sah darin Beweise für den „Kampf zweier Religionen, zweier Lebensgesetze, ein Kampf der göttlichen und menschlichen Mächte zugleich“. Was für Bachofen in dem Zusammenhang noch keine Rolle spielte, sollte im Zuge der Entwicklung von Philologie, Archäologie und einer Religionswissenschaft, die sich am Ende des19. Jahrhunderts der vergleichenden Mythenforschung zuwandte, an Bedeutung gewinnen. Das hatte zwei wichtige Konsequenzen. Die erste bestand darin, daß eine Verbindung hergestellt wurde zwischen dem Drachenkampf und bestimmten Naturerscheinungen, insbesondere dem Sieg des Lichts / der Sonne / des Sommers über die Dunkelheit/ den Mond / den Winter. Die zweite erlaubte, die entgegengesetzten Auffassungen konkreten Trägern zuzuordnen: den Indogermanen oder Ariern, in deren Glauben die Himmelsgottheiten und die Drachentötung ausschlaggebend waren, und den von ihnen unterworfenen Völkern, die offenbar einem älteren, chthonischen, also die Erdmutter und mithin die Schlange verehrenden Kultanhingen.

 

 

Dieses Konzept läßt allerdings die außerordentliche Verbreitung des Motivs vom Kampf zwischen dem „Sonnenhelden“ und dem die Finsternis verkörpernden Drachen allzu sehr in den Hintergrund treten. Der Völkerkundler Leo Frobenius hat schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine erstaunliche Zahl entsprechender Überlieferungen aus allen möglichen Weltgegenden zusammengetragen, darunter die folgende der nordamerikanischen Navahos: „Es waren auf der Erde fast alle Menschen von den Ungeheuern am Weltrande verschlungen worden, und die beiden Sonnenhelden waren zu ihrem Vater, der Sonne, gepilgert, um sich von diesem die zum Drachenkampf notwendigen Waffen zu holen. Einer der beiden Zwillinge zieht nun in den Kampf. Der Sonnenheld macht sich auf, um das Ungeheuer Teelget zu bekämpfen. Am Rande des Plateaus angelangt, sieht er unter sich, mitten in der Ebene, das Geschöpf liegen. Während er da­rüber nachsinnt, wie er das Scheusal überwinden könne, naht sich die Erdschildkröte und verspricht ihm zu helfen. Sie gräbt einen Gang bis unter das liegende Teelget. Von da aus gräbt sie auch nach den anderen drei Himmelsrichtungen Gänge und geht von unten, von der Mitte dieses Kreuzes aus direkt nach oben, auf solche Weise gerade auf die Herzgegend Teelgets stoßend. Von der Herzgegend schneidet sie dem Tiere die Haare ab. Als Teelget fragt, was das bedeuten solle, sagt die Erdschildkröte, sie wolle aus den Haaren ein Lager für ihre Jungen machen, worauf sie zu dem Sonnenhelden durch den unterirdischen Gang zurückkehrt. Der Held steigt nun durch die Höhle bis zu dem Raum unter Teelget und zielt mit dem Pfeil genau auf die von Haaren entblößte Stelle. Teelget gerät in Raserei und reißt mit seinen Hörnern die Gänge auf, in denen der Held immer glücklich von einem in den andern entrinnt, bis das Ungeheuer zusammenbricht. Der Held traut sich nicht näher, aber das Erdeichhörnchen schleicht sich heran und stellt den Tod fest.“

 

 

Hinzuweisen ist natürlich auch auf die starke Beeinflußung europäischer Drachenkampferzählungen durch biblische Vorstellungen. Deren Ursprünge lagen sicher nicht nur im Iran, sondern stärker in Ägypten und im Zweistromland, dessen Drachendarstellungen und Drachenmythen zu den ältesten überhaupt gehören, die man aber nicht den indogermanischen Überlieferungen zuordnen kann. Daß in deren Kontext der Drachenkampf eine besonders prominente Rolle spielte, ist damit nicht bestritten. Erwähnt sei noch, daß entsprechende Hypothesen, die nach dem Zweiten Weltkrieg als problematisch galten (ohne deshalb inhaltlich widerlegt zu sein), eine überraschende Wiederbelebung durch den Feminismus erfahren haben, der nicht nur die Konzepte Bachofens neu aufnahm und die Vorstellung einer mutterrechtlichen Frühzeit sympathisch fand, sondern auch dazu tendierte, Schlangen und Drachen entsprechend der eigenen Weltanschauung umzuwerten, als „Symbole der Schöpfung und der schöpferischen Kraft schlechthin“ (BarbaraStamer / Vera Zingsem ). Demgemäß erscheint der Drachenkampf dann als Teil einer von Männern zu verantwortenden religiösen Entfremdung. Eine Ansicht, die in ihrer Einseitigkeit ebenso verdunkelnd wie aufschlußreich wirkt, gleich der älteren vom Drachenkampf als „arischem Mythos“ schlechthin.

 

 

Mustert man die verschiedenen Deutungen des Drachenkampfes durch, kann man eine biologische, eine psychologische, eine ethnologische, eine religionsgeschichtliche, eine kosmologische und eine ideologische ausmachen. Jede Entscheidung zwischen ihnen muß schon deshalb schwerfallen, weil das Motiv des Drachenkampfes so alt und so komplex ist, die Frage des Ursprungs kaum klärbar, die wechselseitige Beeinflußung der Traditionen wahrscheinlich. Insofern bleibt eine definitive Klärung, was den Ausgangspunkt betrifft, unmöglich. Aber es gilt immerhin, was J. R. R.Tolkien mit Blick auf den Beowulf festgestellt hat: die Schilderung des Drachenkampfs wird in den Menschen „immer eine tiefe Resonanz wecken – bis daß der Drache kommt.“

 

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