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Trojaburg und Drachenkampf


von Hartmut Voelkel


Unter der eigenwilligen Bezeichnung „Trojanisches Frühlingsfest“ findet in dem kleinen Ort Steigra, nahe Querfurt, jedes Jahr eine ebenso eigenwillige Veranstaltung statt: Umzug mit Drachen Kuno – Ostara begrüßt ihre Untertanen – Ritterwettkämpfe zwischen fünf kräftigen Männern um den Titel „Ritter St. Georg“. Was den Wettstreit angeht, so spielt der sich an einer sogenannten „Trojaburg“ ab. Unter diesem Begriff faßt man eine kurvilineare Form, bei der ein Weg, fast kreisförmig, ohne Abzweig schlingenförmig von außen bis zum Mittelpunkt des Gebildes führt. Trojaburgen finden sich zwar auch in anderen Weltgegenden – in Indien und Afghanistan, auf Sumatra und Java sowie in ganz wenigen Regionen Amerikas –, bevorzugt aber im nordeuropäischen Raum: in Schweden rechnet man mit 300, in Finnland mit 200, in Rußland mit 60, in Dänemark ist keine einzige Trojaburg erhalten, aber es gibt 32 Orte mit dem Namen Trælleborg und 33 mit dem Namen Trøjborg, in England sind drei Trojaburgen vorhanden, sechs weitere wurden noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dokumentiert, und es gibt eine ganze Zahl von Ortsbezeichnungen wie Walls of Troie oder Troytown, die an eine Trojaburg erinnern, in Wales hat man immerhin noch das Wort caer droia. In Deutschland existiert nur mehr eine historische Trojaburg: die in Steigra.

 

 

Viele Trojaburgen hat man mit Steinen gelegt, andere sind – wie die in Steigra – durch das Ausstechen von Grassoden entstanden. Einige Forscher glauben, daß sie im Neolithikum, andere, daß sie in der Bronzezeit errichtet wurden. Daneben gibt es auch Hinweise auf eine noch frühere Entstehung und viele, die für eine Errichtung (oder Erneuerung?) erst im Mittelalter oder zu Beginn der Neuzeit sprechen. Ob sich die erste Verbreitung auf eine vorgeschichtliche „solare“ Kultur zurückführen läßt, bleibt naturgemäß im Bereich der Spekulation. Ähnlich unklar ist die Klärung der Frage, wie die Bezeichnung zustande kam.

 

 

Es gibt aus der Antike durchaus Hinweise auf eine Verbindung labyrinthartiger Formen mit der Stadt Troja. Das gilt zum einen für die berühmte Darstellung auf dem Krug von Tragliatella, die Szenen der Ilias wiedergibt. Das Artefakt wird auf etwa 620 vor Christus datiert und ist etruskischer Herkunft. Es zeigt unter anderem Reiter, die offenbar aus einem als „truia“ bezeichneten Labyrinth, also einem Irrgarten, herauskommen, dessen Grundform einer Trojaburg ähnelt. Das Szenario erinnert an den von Vergil geschilderten troiae ludus, die Übernahme einer etruskischen Tradition des Reiterspiels, das sich ausdrücklich auf den Kampf um die Stadt und die Flucht des Aeneas bezog. Außerdem ist der kultische Troja ritt bis ins 6. Jahrhundert nach Christus geübt worden, vor allem bei großen Feierlichkeiten und im Zusammenhang mit Stadtgründungen – etwa der von Byzanz –, trotzdem wissen wir nicht, wie er sich in einer Trojaburg vollzogen haben könnte und müssen uns auf die Annahme beschränken, daß diese „magische Zeremonie“ (Hermann Kern) ähnlich wie andere Umkreisungen wirken sollte.

 

 

Von alldem ist in Steigra keine Rede, aber von der Möglichkeit, das Wort Trojaburg durch Rückgriff auf eine germanische Wortwurzel zu erklären, die es auf ein „Drehen“ oder „Winden“ beziehen würde, das letztlich auch so viel wie „Tanzen“ oder sogar „Zaubern“ bedeuten kann. Diese Erklärung findet man heute kaum noch, und dasselbe gilt für die Verknüpfung der Trojaburg mit dem „Sonnenkult“ der Germanen, die in Steigra angeführt wird, und zu dessen Inhalten auch die Vorstellung vom symbolischen Kampf zwischen Finsternis – „ein starker Mann in Drachengestalt“ – und Licht – eine gefesselte „schöne Jungfrau“ im Zentrum der Trojaburg, samt ihrem Helden, ein „stattlicher Bursche, welcher bei zahlreichen vorangegangenen Wettkämpfen sich als Bester erwiesen hatte“ – im Lauf der Jahreszeiten gehört.

 

 

Letztlich gehen alle diese Vorstellungen von der Bedeutung der Trojaburg auf einen Mann zurück: Ernst Krause, 1839 geboren, 1903 gestorben, ein Erfolgsschriftsteller des Kaiserreichs. Von Ausbildung Apotheker, hatte Krause sich zusätzlich umfassende Kenntnisse auf den Gebieten der Physik, Chemie und Biologie angeeignet. Nachträglich – 1884 – wurde er an der Universität Rostock mit einer Arbeit über das System der Botanik zum Dr. phil promoviert. Schon seit den 1860er Jahren publizierte Krause in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften. Vor allem sein Talent, komplizierte naturwissenschaftliche Sachverhalte einfach auszudrücken, wurde hochgeschätzt. Dabei ging es ihm in erster Linie um die Popularisierung der Evolutionstheorie Darwins, gegen die es in Deutschland erhebliche Widerstände gab. Wie viele andere „Monisten“ war Krause überzeugt, daß man den Darwinismus als eine Art Grundmodell betrachten und auch auf andere Lebensgebiete übertragen könne.

 

 

Daraus ergab sich für ihn ein doppelter Imperativ, als er begann, sich zusätzlich mit Archäologie und Vorgeschichte zu befassen: erstens mußte ein gemeinsamer Ursprung der mannigfaltigen Lebensformen gefunden werden, zweitens mußte deren Ausbildung durch Entwicklung nachvollziehbar sein. Dementsprechend hat Krause in seinem 1891 erschienenen Buch Tuisko-Land. Der arischen Stämme und Götter Urheimat die seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sehr intensiv diskutierte „Arier-Frage“ – also das Problem der Einheit der „arischen“ beziehungsweise indogermanischen / indoeuropäischen Völker – dahingehend zu klären versucht, daß er eine „Urheimat“ in Nordeuropa annahm und die Verbreitung der „arischen“ Sprachen durch Wanderungen in südwestliche und südöstliche Richtung erklärte. Bald darauf, 1893, veröffentlichte Krause dann Die Trojaburgen Nordeuropas. Darin vertrat er die These, daß der Zusammenhang Troja-Helena-Paris annehmen lasse, daß die in ganz Europa verbreiteten Erzählungen vom Frauenraub eines jugendlichen Helden (von Perseus und Andromache über Sigurd und Brünhild bis zum Prinzen und Dornröschen) auf einen sehr alten nordischen Mythos zurückwiesen, in dem die Befreiung, Entführung (oder das Aufwecken) einer weiblichen durch eine männliche Gottheit, deren Kampf mit einem Drachen (Herakles tötete einen Drachen vor den Toren Trojas und befreite Hesione, dasselbe erzählte eine bulgarische Legende über St. Georg) sowie die anschließende Vermählung des Paares beim Frühlingsbeginn eine Rolle spielte.

 

 

Krause nahm auch an, daß die Trojaburgen oder eigenartig spiralförmig angelegte frühzeitliche Bauten beziehungsweise Erdwerke mit einem Kult zusammenhingen, bei dem das erwähnte Geschehen nachgespielt wurde, insbesondere beim Frühlingsäquinox. Derartige Interpretationen haben eine gewisse Plausibilität:

  • auf Grund der Tatsache, daß die Trojaburgen häufig zwölf Ringe – entsprechend der Zahl der Monate des Sonnenjahrs – aufweisen und nicht kreisrund, sondern nach unten hin gedrückt erscheinen, was auf die Sommer- und Wintersonne zu deuten wäre; bemerkenswert scheint auch, daß der Ausgang der Trojaburg von Steigra auf den Sonnenuntergang an Mittsommer ausgerichtet ist;
  • wegendes Hinweises, daß im Schwedischen die Trojaburg als „jungfrudans“ –„Jungfrauentanz“ bezeichnet werden kann, daß es vielleicht einen Zusammenhang mit dem Maibrauchtum und der Bestimmung der „Maikönigin“ gibt;
  • weil an Orten, wo eine Trojaburg besteht oder ein Vorhandensein in der Vergangenheit anzunehmen ist, auffallend oft die Verehrung des „Ritters“ Georg üblich war – auch die Kirche in Steigra ist dem Heiligen geweiht, was in protestantischen Gegenden eher unüblich ist, das Wirtshaus heißt traditionell „Zum Ritter St. Georg“ – und daß noch zu Beginn der Neuzeit in deutschen Quellen die Rede vom „wurme spil“ oder dem ludus draconis ist, den vor allem die kirchliche Obrigkeit mit Mißbilligung beobachtete.

 

 

Schließlich sei noch erwähnt, daß in den wenigen Fällen, in denen Trojaburgen bis in die jüngere Vergangenheit oder der Gegenwart erhalten blieben, man die Erneuerung selbst oder Tänze darin während der Frühjahrsmonate vollzog. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs hatten die Konfirmanden in Steigra die Trojaburg neu auszustechen. Von einer irgendwie gearteten Nutzung war aber bis Mitte der dreißiger Jahre keine Rede. Offenbar ist auch der „alte Brauch“, den man heute beim „Trojanischen Frühlingsfest“ übt, eher neueren Datums.

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