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Die menschenfressende Schlange am Alfa Romeo


von Hartmut Voelkel


Es handelt sich wahrscheinlich um eines der bekanntesten Markenzeichen der Autoindustrie. Gemeint ist das Signet der Firma Alfa Romeo: vom Betrachter aus links ein rotes Kreuz auf weißem Feld, rechts eine grüne, gekrönte Schlange auf Weiß, in deren Rachen ein halb verschluckter oder halb ausgespuckter nackter Mensch steckt. Es bedarf keiner aufwendigen Recherche, um den Zusammenhang dieses Emblems mit dem ursprünglichen Sitz Alfa Romeos festzustellen. Das Unternehmen wurde 1910 in Mailand gegründet.

 

 

Zu dem Zeitpunkt war die Stadt einer der wichtigsten Industriestandorte Italiens. Mailand konnte aber schon auf eine bis in die Antike zurückreichende Geschichte zurückblicken. Während des Mittelalters gehörte die Metropole der Lombardei zu den bedeutendsten Stadtstaaten der Region. Ganz ähnlich wie in Florenz oder Siena vollzog sich auch hier während des 14. Jahrhunderts der Übergang von einer republikanischen zu einer monarchischen Ordnung. Dabei schien das Gewicht Mailands sogar groß genug, die Stadt zu einem Machtzentrum werden zu lassen, das wenigstens den Norden der Halbinsel unter seiner Herrschaft vereinigte. Entsprechende Bestrebungen wurden zuerst von der Familie der Visconti vorangetrieben, die nach 1311 zu Herren von Mailand aufstiegen und schließlich den Herzogstitel annahmen. Als Zeichen ihrer Herrschaft verwendeten sie eine Kombination aus dem Wappen der Stadt, die seit alters unter dem Schutz St. Georgs stand und deshalb ein rotes Kreuz auf weißem Feld führte, und ihrem Familienwappen, das den biscione, also die beschriebene Schlange – grün oder blau – oder einen ähnlich dargestellten Drachen, mit dem Menschenkörper im Rachen zeigte. Allerdings standen die Felder in anderer Folge als beim Emblem Alfa Romeos, also das Kreuz vom Betrachter aus rechts, die Schlange beziehungsweise der Drache links.

 

 

Wenn schon Schlange oder Drache als Wappenbild im Mittelalter ungewöhnlich waren – wegen der negativen Bedeutung im christlichen Glauben –, so gilt das erst recht für die eigenartige Kombination mit dem Menschen im Schlund. Das erklärt wahrscheinlich auch, warum schon relativ früh ganz verschiedene Deutungen umliefen:

  • die Schlange verkörpere wie in der Paradieserzählung den Teufel, der hier den Sünder sinnbildlich verschlingt, oder umgekehrt:
  • die Darstellung sei ein Verweis auf den Sieg St. Michaels über den apokalyptischen Drachen, aus dessen Maul eine Menschenseele gerettet werde, oder
  • das Ungeheuer müsse mit Hilfe der alttestamentlichen Geschichte von Jona interpretiert werden, den der Wal verschlang und wieder ausspie, was allgemein als prophetische Ankündigung des Todes und der Auferstehung Christi verstanden wurde;
  • diesem Konzept ähnlich war die Vorstellung, es handele sich bei dem Bild um die Erinnerung an das wunderbare Schicksal eines Visconti, der von einer Schlange gefressen und unverletzt wieder aus ihr hervorgekommen war;
  • weiter existierte die Behauptung, die Visconti hätten als Gerichtsherren das Recht gehabt, ein Schlangenbanner zu tragen, weil sie das Böse bekämpften,
  • oder diese Feldzeichen gingen auf die Langobarden zurück, von deren letzten König Desiderius die Visconti abzustammen behaupteten,
  • dann gab es noch den Versuch, eine Herleitung aus dem Familiennamen (Verknüpfung von biscione und Visconti) oder mit dem Herrschaftsgebiet Anguarua (von lateinisch anguis, das heißt Schlange) zu Wege zubringen oder die These,
  • die „heidnische“ Anmutung des Schildzeichens erkläre sich daraus, daß es von einem der frühen legendären Visconti, Ottone, erbeutet wurde, der am Ersten Kreuzzug teilnahm und im Kampf einen riesenhaften muslimischen Krieger bezwang, dessen Schild er als Trophäe an sich brachte.

 

 

Eine definitive Klärung der Frage, ob und wenn ja welche dieser Versionen die richtige ist, steht kaum zu erwarten. Alfa Romeo bevorzugt die, daß es sich bei dem biscione um einen „feindverschlingenden Schlangendrachen“ handele. Eine Ansicht, die in jedem Fall durch die älteste Beschreibung der Fahne der Visconti gestützt wird, die davon sprach, daß der Mensch im Maul des Ungeheuers ein Sarazene gewesen sei.

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