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Drachen und Drachentöter in der Bretagne


von Hartmut Voelkel


Auf dem diesjährigen Festival interceltique, das vom 7. bis zum 16. August in der bretonischen Hafenstadt Lorient stattfand, stach aus dem Fahnenmeer über den Ständen und Gebäuden eine ungewöhnliche Fahne heraus, die einen schreitenden, vierfüßigen roten Drachen auf einem zwanzigfach grün und weiß geschachteten Feld zeigte. Es handelte sich um eine weitere „interkeltische“ Fahne, die neben eine ganze Reihe anderer Projekte dieser Art tritt, die alle das Ziel haben, die Verbundenheit der keltischen Völker (Bretonen, Schotten, Iren, Waliser, Kornen, Mannin, seit einiger Zeit auch noch Asturier und Galicier) zum Ausdruck zu bringen. Entstanden ist der Entwurf im Umfeld der Zeitschrift Keltia, einer teils populärwissenschaftlichen, teils esoterischen Publikation, die sich mit allen möglichen Aspekten der keltischen Vergangenheit und Gegenwart befaßt. (1)

 

 

Die Gestaltung des Drachen erinnert nicht zufällig an den walisischen, und die traditionell sehr enge Verbindung zwischen der walisischen und der bretonischen Bewegung dürfte eine Rolle gespielt haben, die man auch im Zusammenhang mit einem zweiten aktuellen Flaggenvorschlag voraussetzen darf, der aus der Partei Adsav stammt, einer radikal separatistischen Gruppe, die einen eigenen bretonischen Nationalstaat schaffen will, über dem ein weiß und schwarz – die traditionellen Farben der Bretagne – geteiltes Banner mit rotem Drachen wehen soll. Daß eine solche Adaption nicht einfach als Kopie der walisischen Flagge verstanden werden darf, wird deutlich, wenn man sich vor Augen hält, daß die Entstehung der mittelalterlichen Bretagne wesentlich auf eine Landnahme von jenseits des Kanals zurückzuführen war, wo keltische Stämme unter dem Druck der Angeln und Sachsen das Land räumten und sich auf der anderen Seite des „britischen Meeres“ niederließen. Die teilweise Identität der Landschaftsbezeichnungen hier und dort ist vielleicht auf die Existenz der „doppelten Königreiche“ zurückzuführen (2), die von ein und demselben Herrscher oder ein und demselben Clan regiert wurden und deren Heere unter derselben Fahne kämpften, die einen Drachen zeigte, oder die sogar selbst als „Drachen“ bezeichnet wurden. (3)

 

 

Die Identifikation des Tieres mit den Kelten wird gemeinhin auf die Erzählung vom Traum Merlins zurückgeführt, der dem Vater von König Artus, Uter Pendragon, schilderte, wie ein weißer Drache, der für die germanischen Angeln und Sachsen stand, und ein roter Drache, der die Briten repräsentierte, gegeneinander kämpften. Der rote Drache wurde besiegt und schien tödlich verwundet, erhob sich aber wieder und tötete seinen Feind. Hinter dieser Erzählung vermutet man seit längerem die Erinnerung daran, daß die Führer der britischen Stämme sich nach dem Abzug der Römer nicht nur deren Drachenstandarten als militärisches und politisches Herrschaftszeichen aneigneten, sondern daß auch der Offiziersrang des magister draconum in eine Art Königstitel – vielleicht noch erhalten in Pendragon, etwa „Hauptdrache“ – überführt wurde. Bemerkenswerter Weise trug noch einer der „heiligen Könige“ der Bretagne, Salomon I., den Beinamen „Kampfschlange“, ein anderer, Conomor, den Beinamen „Schlange“, zwei weitere, Sant Pol oder Paulus Aurelius und Sant Tudwal, wurden oft mit einem Drachen als Emblem dargestellt. Tudwal gilt außerdem als Gründerdes Reiches Trégor, in dessen Hauptstadt Tréguier bis zur Französischen Revolution ein jährliches Fest stattfand, das man als „drague“ bezeichnete, beidem die Lehensrechte erneuert wurden. Aus dem Anlaß trug ein adeliger Herr die Figur eines Drachen durch die Straßen, vor ihm ritt ein Mann, der als „Herzog“ bezeichnet wurde. Noch aufwendiger war eine Prozession, die der Baron von Sérent am Sonntag nach Sankt Peter durchführen ließ, bei der mehrere Männer ein sechs Meter langes und fast vier Meter hohes Gestell in Drachengestalt durch die Straßen führten. Im Morbihan gab es drei Orte – Rochefort-en-Terre, Marzan und Sérent -, deren seigneurs neben der Gerichtshoheit und dem Fehderecht ein „Recht des Drachen“ (4) in Anspruch nahmen.

 

 

Allerdings sind die Ursprünge und Zusammenhänge dieser Bräuche am Ende des 18. Jahrhunderts wohl kaum noch verstanden worden. Auch die heutige Fahne Tréguiers – ein gelbes Feld mit schwarzem Kreuz, darauf der rote, aufgerichtete Drache Tudwals – wurde erst 1997 eingeführt, in einer Phase, in der der Drache in der Bretagne als betont „keltisches“ Symbol wiederentdeckt wurde, während er vorher praktisch keine Rolle spielte. Gleichzeitig verweist das Kreuz aber auf die prinzipielle Veränderung der bretonischen Symboltradition unter dem Einfluß des Christentums. Dessen Identifizierung des Drachen mit dem Bösen hat zwar einen gewissen Spielraum erlaubt: neben dem Drachen als apotropäisches Zeichen oder als Allegorie (vor allem der Habsucht) gab es auch eine eher freie Verwendungsweise, etwa bei der Ausgestaltung der Kirchenräume. Aber in erster Linie erschien der Drache seit dem Mittelalter in der Bretagne wie im übrigen Europa als Sinnbild des Teufels. An den berühmten Calvaires, den skulpturenreichen Kalvarienbergen vor den bretonischen Kirchen, fand sich häufig die Darstellung des Höllenschlundes als Drachenkopf. Daneben ist vor allem die große Zahl der heiligen Drachenkämpfer und Drachenbändiger zu erwähnen, die in der Bretagne verehrt wurden. Auffällig erscheint in dem Zusammenhang allerdings das Zurücktreten Sankt Georgs einerseits, die Menge an Bezwingern verschiedener Ungeheuer, die nicht im üblichen Heiligenkalendervorkamen, andererseits: von Sant Armel und Sant Brevalaire über die schonerwähnten Sant Pol und Tudwal noch Sant Petroc, Sant Samson, Sant Servais, Sant Similien, Sant Suliac, Sant Teliau, Sant Tuder, Sant Ursin und Sant Selambre.

 

 

Berühmt ist die Legende von Sant Pol, der zusammen mit zwölf Gefährten als Missionar gekommen war, um die Gegend Léon zu bekehren. Da sie keinen Ort für die Errichtung eines Klosters fanden, wandten sich die Mönche schließlich an den Grafen Withur, der wie sie aus Wales stammte. Withur bot ihnen die Insel Batz vor der Nordwestküste der Bretagne an, die allerdings von einem mächtigen Drachen beherrscht wurde, einer mehr als hundertzwanzig Fuß langen, feuerspeienden Schlange, durch keine Waffe verwundbar, deren Appetit auch nach dem Verschlingen zweier Ochsen und zweier Männer zu jeder Mahlzeitungestillt war. Sant Pol näherte sich trotzdem furchtlos dem Ungeheuer, begleitet von einem einzigen Krieger. Doch kam es nicht auf die Tapferkeit des Kämpfers an, denn es genügte, daß Sant Pol dem Drachen seine Stola vorwies. Der Drache ließ sich das liturgische Abzeichen sogar um den Hals legen, wo Saint Pol es verknotete und das Tier solchermaßen zu einem tiefen Abgrund führte –dem heute noch auf der Insel gezeigten „Trou de serpent“, bretonisch „Toull ar Zarpant“, dem „Schlangenloch“ –, wo es bereitwillig in den Fluten verschwand.

 

 

Die Geschichte vom geistlichen Sieg Saint Pols über den Drachen erinnert in vielem an eine ähnliche, die von der Heiligen Margarethe überliefert wurde, die das Ungeheuer durch das Kreuzzeichen bezwang. Auch sie erfreute sich in der Bretagne außerordentlicher Verehrung, zusammen mit dem Heiligen Michael; einer Legende nach soll das Land selbst aus dem Leib des von dem Erzengel erschlagenen Drachen geschaffen worden sein. Selbst wenn man den Mont Saint-Michel nicht ohne weiteres der Bretagne zuschlagen kann, bleibt jedenfalls die Tatsache der außerordentlichen Bedeutung der Michaelsheiligtümer für deren Frömmigkeitsgeschichte, auf die an anderer Stelle (s. Michael auf dem Berge) hingewiesen wurde. Die Verehrung wies viele Parallelen zu der im Rest des Abendlandes auf, auch in bezug auf die enge Verknüpfung von religiösen und militärisch-politischen Aspekten. So ließ Herzog Johann V. nach der Schlachtbei Auray, die am Michaelstag, dem 29. September 1364, ausgefochten worden war und den Bretonische Erbfolgekrieg beendete, zum Dank für die Unterstützung des Kommandeurs der himmlischen Heerscharen eine Kirche zu Ehren des Erzengelserrichten, die später durch die Chartreuse von Auray ersetzt wurde. (5) Wie stark die Kontinuität im Hinblick auf die Vorstellung von St. Michael war, kann man daran erkennen, daß sich unweit entfernt die bedeutendste Wallfahrtsstätte des Landes – Sainte-Anne-d‘ Auray – und dort das Denkmal zur Erinnerung an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Bretonen findet. In dessen Krypta gibt es eine Darstellung Sankt Michaels in mittelalterlicher Rüstung, aber mit einemmodernen französischen Stahlhelm, nicht nur als Schutzpatron der Franzosen im allgemeinen, sondern vor allem als Beschützer der Bretonen im besonderen.

 

 

Anmerkungen

(1) Vgl. die Abbildungen in Keltia – Les mondes celtes 8 (Juli-September 2015) 35, S. 23f.

(2) Vgl. Jean-Pierre Le Mat: Histoire de Bretagne – Le point de vue breton, Fouesnant ³2014, S. 48,54f.

(3) Vgl. hierzu und zum folgenden Divi Kervella und Mikael Bodlore-Penlaez: Guide des drapeaux bretons et celtes, Fouesnant 2008, S. 20-24.

(4) Vgl. Claire Arlaux: Le Dragon en Bretagne: Mythes et symboles, Gourin 2000, S. 87.

(5) Vgl. François de Beaulieu: Anges, archanges et chérubins, Rennes 2007, S. 67.

 

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