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Schlange und Drachen im Norden


von Hartmut Voelkel


Der innere Zusammenhang von Schlangen- und Drachensymbol tritt bei den germanischen Völkern besonders deutlich hervor. Auch in ihrem Fall spielt die „doppelte Wesenheit“ (Wera von Blankenburg) für die Wertung eine wichtige Rolle, ist aber auf eigentümliche Weise verschoben. In der Vergangenheit hat die Forschung betont, daß sich in Deutschland und Skandinavien ein Schlangenkult – anders als bei den slawischen und baltischen Nachbarn – kaum nachweisen lasse. Auf dieses irritierende Fehlen kam bereits Jacob Grimm in seiner Deutschen Mythologie zu sprechen. Eine Ursache liegt möglicherweise in der Seltenheit der Tiere und im Fehlen gefährlicher Schlangen, mit Ausnahmeder Kreuzotter. Lediglich für den Fall der Hausschlange, der Verkörperung des Hausgeistes, gab es eine magisch motivierte Ausnahme. Ihre Tötung war verboten, sie wurde sogar geschützt und mit Milch genährt. Bis ins 19. Jahrhundert blieb in bäuerlich geprägten Gegenden Deutschlands und Skandinaviens die Überzeugung verbreitet, daß ihr Unglück auch Unglück für das Haus bedeute, ihr Wohlergehen Heil und Besitz verbürge.

 

Es ist aber durchaus möglich, daß das Fehlen eines ausgeprägten Schlangenkultes nur ein relativ spätes Stadium der Entwicklung kennzeichnet. Georg Scheibelreiter hat jedenfalls darauf hingewiesen, daß manche schwer einzuordnende germanische Glaubensvorstellung der heidnischen Zeit eher für das Überleben „archaisch anmutender magischer Tier-Mensch-Beziehung“ spreche, in der auch die Schlange Bedeutung gehabt habe. Hinweise darauf sind die Schlangenbilder alamannischer Totenbäume, Schutzamulette in Gestalt aufgerollter Schlangen sowie die Schlangenkopfringe, die an Finger, Handgelenk oder Arm als Schmuck oder Auszeichnung getragen wurden. Zu den wertvollsten Hinterlassenschaften der germanischen Völkerwanderungszeit gehört außerdem die „Kette von Isenbüttel“,eine etwas über fünfzig Zentimeter lange Arbeit aus geflochtenem Golddraht mit rotem Schmelzfluß hinterlegt, die in drachenartige Köpfen endet. Das Stück stammt wahrscheinlich aus dem fränkischen Raum und könnte als Schmuckstück wie als Rangzeichen gedient haben.

 

 

Auf denselben Zeitraum wie die Kette sind die Bildsteine Gotlands zu datieren. Auf ihnen finden sich in relativ großer Zahl Schlangenbilder, wobei die Darstellung der „Schlangengöttin“ oder „Schlangenhexe“ des bei Smiss gefundenen Exemplars noch eine Sonderstellung einnimmt. Es zeigt eine stilisierte sitzende Frau, offenbarnackt, mit gespreizten Beinen, die in jeder Hand eine sich windende Schlange emporreckt; darüber ist noch eine Art Dreifuß zu sehen, bestehend aus in sich verschlungenen Nattern. Für die Interpretation der „Schlangengöttin“ oder „Schlangenhexe“ hat man schon an minoische Vorbilder gedacht. Eine Möglichkeit, die nicht so ausgeschlossen scheint, wie man auf den ersten Blick meinen möchte, denn zwecks Deutung der Bildsteine wird heute in erstaunlicher Unbefangenheit auf eine sehr weit zurückliegende ikonographische Tradition des Nordens zurückgegriffen: die der späten Bronzezeit am Ende des 2. vorchristlichen Jahrtausends. Auf eine „Symbolgemeinschaft“ (Ernst Sprockhoff) und den Austausch religiöser Vorstellungen innerhalb des ganzen bronzezeitlichen Kulturraums, der Zentraleuropa, das Mittelmeergebiet und Ägypten umfaßte, hatte die deutsche Forschung allerdings schon früh hingewiesen.

 

 

Zu den wichtigen Hinterlassenschaften der Bronzezeit gehören die in Schweden gefundenen Felszeichnungen. In deren Programm spielten Tiere allerdings nur eine untergeordnete Rolle. Eigentlich kamen bloß Pferd, Stier, Hirsch und Schlange mit einer gewissen Regelmäßigkeit vor. Auf Grund religionsgeschichtlicher Parallelen wird vermutet, daß sie alle in Zusammenhang mit einer ausgeprägten Sonnenverehrung standen, die den Fokus des damaligen Glaubens bildete. Es ist aber auch nicht auszuschließen, daß die dargestellten Schlangen auf Einflüsse aus dem Mittelmeerraum zurückzuführen sind und nicht nur als „göttliche Agenten“ (Fleming Kaul) galten, die der Sonne bei ihrem Umlauf halfen, sondern mit den auch sonst bekannten Vorstellungen von Erneuerung und Wiedergeburt verbunden waren; der sogenannte „Prozessionsweg“ von Högsbyn im Bohuslän, der zahllose Schlangenbilder zeigt, führt zu einem See, und legt eine chthonische Verknüpfung oder die verbreitete Vorstellung von der Schlange als „Seelentier“ nahe.

 

 

Sollte es im germanischen Raum tatsächlich eine Kontinuität mythischer und symbolischer Konzepte über einen Zeitraum von mehr als zweitausend Jahren gegeben haben, stünden andere Hinweise auf einen Schlangenkult jedenfalls nicht mehr so isoliert da, wie bisher angenommen. In diesen Kontext gehört eine vieldiskutierte Passage der Vita des Heiligen Barbatus aus dem 7. Jahrhundert, die berichtet, daß die Langobarden zwei goldene Schlangenbilder als Götterverehrten. Otto Höfler hat zur Erklärung darauf hingewiesen, daß der Stammesname der Langobarden anders als üblicherweise angenommen auf ein altnordisches Wort „langbardr“ zurückzuführen sei, das er mit „Schlange“ übersetzte und als Bezeichnung Odins auswies. Ähnliches hielt er auch für möglich in bezug auf den altnordischen Schlangennamen „svafnir“, der seinerseits mit Odin verknüpft war, und vielleicht dem Volk der sváfar, der späteren Schwaben, seinen Namen gab. Erwähnt sei schließlich noch die Abstammungssage der Merowinger, in der es hieß, daß die Mutter des Ahnherrn Merovech vor dessen Geburt einem nicht weiter spezifizierbaren – schlangenartigen oder drachenartigen? – Meeresungeheuer begegnete.

 

 

Scheibelreiter hat die Auffassungen Höflers dahingehend ergänzt, daß der Schlangenkult der Langobarden ursprünglich auf die Herleitung der Dynastie von Odin zurückging und sich erst später auf das Volksganze bezog. An der Verehrung der Schlangenbilder hielten auch die zum Christentum bekehrten Langobarden zäh fest, obwohl sie nach außen ganz der kirchlichen Lehre folgten. In denselben Kontext gehörten weiter ihre Feldzeichen mit Schlangenbildern. Ähnliche müssen die Vandalen besessen haben, die offenbar schon die dann bekannt gewordene Art der Standarte führten, bei der ein plastischer Schlangen- beziehungsweise Drachenkopf an einer Stange befestigt und mit einem Stoffsack verbunden wurde, der beim Anreiten vom Luftzug gefüllt wurde. Ein solches Symbol behauptete – wenngleich mit erheblichem zeitlichem Abstand – Widukind von Corvey auch für den Sachsenführer Hathagast, der 531 die Thüringer besiegte. Tatsächlich muß man feststellen, daß sich die Schlangen- oder Drachenfahne mit erstaunlicher Hartnäckigkeit unter den germanischen Völkern bis ins späte Mittelalter hielt, obwohl sie ihre religiöse Bedeutung da längst eingebüßt hatte. Das gilt vor allem für die Angelsachsen, die den Drachen offenbar als das Königssymbol betrachteten. Die von Geoffrey of Monmouth wiedergegebene Vorstellung, daß den Briten ein roter, den Angelsachsen ein weißer Drachen zuzuordnen sei, war zwar eine Rückprojektion, aber an der Verwendung von Drachenemblemen etwa durch die Könige von Wessex des 8. Jahrhunderts kann kein Zweifel sein.

 

 

Selbstverständlich besagte die „Schlangensympathie“ (Georg Scheibelreiter) der Germanen nicht, daß die Gefährlichkeit der Schlange in irgendeiner Weise verkannt wurde. Wenn sie im späteren Volksglauben als prinzipiell giftig galt und Gegenstand aller möglichen magischen Abwehrvorkehrungen war, spricht das eine deutliche Sprache. Bezeichnend ist außerdem, daß der Gott Loki zur Strafe für seine Verfehlungen unter einen von Schlangen ausgehenden Giftstrom gebunden wurde und die Helden Gunnar wie Ragnar Lodbrok der Sage nach von ihren Feinden in Schlangengruben oder aus Schlangenleibern geflochtene Gehege gestürzt wurden, um dort qualvoll zu sterben. Man hat hier christliche Einflüsse vermutet – etwa die Geschichte von Daniel in der Löwengrube –, aber ausschlaggebend war doch wohl schon in heidnischer Zeit die Grauenhaftigkeit der Vorstellung, die dann nur auf die mittelalterliche Idee übertragen werden mußte, daß die Hölle ein Ort voller giftiger Schlangen sei.

 

 

Typischer für die ältere germanische Vorstellungswelt dürfte aber die gewesen sein, daß selbst die furchtbarste aller Schlangen – die Midgardschlange – in ihrem Wesen noch eine gewisse Ambivalenz zeigte. Diese war wie ihre Geschwister, die Totengöttin Hel und der Fenriswolf, von Loki gezeugt worden und zählte zu den großen Feinden der Welt und der Götter. Andererseits hatte Odin sie in das Weltmeer hinabgeschleudert, auf dessen Grund sie absank, offenbar auch, um die Kontinente zusammenzuhalten. Die Midgardschlange wurde gemäß dem Bericht der Snorra-Edda nach dem Muster des Ouroboros dargestellt, also der Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt. Ein sehr altes Motiv der Unendlichkeit und kosmischen Einheit, wahrscheinlich ägyptischen Ursprungs, jedenfalls ohne negative Konnotation. Desungeachtet würde die Midgardschlange zusammen mit Bruder und Schwester die germanische Apokalypse – Ragnarök – herbeiführen. Eine Vorstellung, die sich mit der berührt, wonach der letzte Tag kommen sollte, wenn der Drache Nidhögg die Wurzeln der Weltenesche Yggdrasil zernagt hat und diese umstürzt.

 

Drachen und Schlange waren hier wie so oft in den alten Religionen Synonyme. Auch das, was als Drachen bezeichnet wurde, konnte als Schlange dargestellt werden. Allerdings waren schon auf Metallgegenständen der Bronzezeit und dann auf den erwähnten Bildsteinen große Schlangen mit Füßen oder Raubtierköpfen dargestellt, die man vielleicht als sehr frühe Vorform des Drachen verstehen kann, dessen typische Gestalt – mit ausgeformten Beinen und Klauen sowie Flügeln – sich überhaupt erst im 11. Jahrhundert vollständig durchsetzte und im Norden jedenfalls auf fremden Einfluß zurückgeht. Im Beowulf-Lied, der ältestenliterarischen Darstellung, werden bezeichnenderweise Riesenschlange ,„Seedrache“ und geflügelter Drache (mit Beinen?) nebeneinander geführt.

 

 

Der Beowulf entstand zu einem Zeitpunkt, als das, was man die Schlangen- oder Drachenbesessenheit des Nordens nennen könnte, seinen Höhepunkt bereits überschritten hatte. Festzuhalten bleibt aber, daß es in Europa nie eine Zeit oder Region gab, die derart fasziniert war von diesem Bild. Mögen die Schlingbandmotive der skandinavischen Holz- und Metallarbeiten auf die Vorlage irischer Buchmalerei zurückgehen, die Ausführung als Schlangen- oder Drachengewirr war eine Besonderheit, und im Prinzip konnte in den nordischen Ländern des Frühmittelalters alles „wurmbunt“ gestaltet sein, von den Wänden der Häuptlingshalle bis zu denen des Tempels. Um mehr als Verzierung ging es aber ohne Zweifel bei den Drachenbildern auf dem Schild des Fürsten von Sutton Hoo oder den Schutzwaffen der Angelsachsen und Normannen in der Schlacht bei Hastings, und über ein Heldenschwert hieß es „Der Knauf bringt Ruhm, Kühnheit die Klinge, / Schrecken die Spitze, dem Eigner zum Heil. / Es schillert wie Blut an der Schneide ein Wurm, / Es ringelt den Schweif am Rücken ein Drachen.“ Ganz offenbar ging es hier darum, das Schwert in eine Schlange oder einen Drachen zu verwandeln und es „beißen“, sogar „vergiften“ zu lassen, eine Vorstellung, die nicht nur im Zusammenhang damit stand, daß Klingen in Schlangenblutgehärtet werden sollten, sondern auch mit der Anfertigung von Blutrinnen in Schlangengestalt, die sich beim Verwunden oder Töten des Gegners rot füllten.

 

 

In denselben Zusammenhang gehört natürlich, daß die Wikinger ihre Schiffe „orm“ – Schlange oder „dreki“ – Drachen nannten, deren Segel mit Drachenflügeln verglichen, metallene Fahnen mit Drachen und Drachenköpfe an den Steven anbrachten, die so furchteinflößend wirkten, daß das isländische Landnahmebuch anwies, sie abzunehmen, wenn man befreundetes Territorium erreichte, um dessen Geister nicht zu erschrecken. Olav Tryggvassons „Langschlange“ und Harald Hardradas „Großer Drachen“ waren Schiffe mit vierunddreißig und fünfunddreißig Ruderbänken und erhielten ihre Namen zu einem Zeitpunkt, als die Christianisierung auch den Norden längst erreicht hatte. Schlange und Drachen verschwanden deshalb nicht. Noch heute ist das an den skandinavischen Kirchenbauten, insbesondere den Stabkirchen Norwegens, deutlich zu erkennen, für deren Gestaltung Schlangen- und Drachenbilder eine wichtige Rolle spielten. Das kann auch mit dem apotropäischen Konzept des mittelalterlichen Christentums – also Abwehr des Bösen durch die Darstellung des Bösen – erklärt werden, aber wichtiger war wohl die Nachwirkung der uralten heidnischen Vorstellungswelt, die nur einer ganz allmählichen Transformation unterlag.

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