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Sankt Michael auf Burg Hohenzollern


von Benjamin Hasselhorn


Die Burg Hohenzollern, oberhalb der Stadt Hechingen in Schwaben gelegen, gehört zu den wenigen baulichen Besitztümern des Hauses Hohenzollern, die nach dem Zusammenbruch der Monarchie in Deutschland 1918 nicht verstaatlicht wurden, sondern in Familienhand verblieben. Auf Betreiben des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen, seit 1951 Chef des Hauses, wurde die Burg seit den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts zu einer Art Museum ausgebaut, in dem man die wechselvolle Geschichte der Hohenzollern von ihren Anfängen im hohen Mittelalter über ihre Blüte im 17., 18. und 19. bis zu ihrem Niedergang im 20. Jahrhundert verfolgen kann. In dieser Geschichte spielt auch das Symbol des Drachentöters eine Rolle, und zwar in erster Linie die Figur St. Michaels.

 

Das beginnt bereits mit der St.-Michaels-Kapelle, dem ältesten erhaltenen Teil der Burg Hohenzollern. Die Kapelle stammt aus dem zweiten Bau, der ab 1453 nach der Zerstörung der ersten, im 11. Jahrhundert errichteten Burg erfolgte. Im 19. Jahrhundert, als dieser zweite Bau längst zur Ruine geworden war, entschloss sich der preußische König Friedrich Wilhelm IV., die noch intakten Überreste der Kapelle in den seit 1819 geplanten und 1846-1867 durchgeführten Neubau der Burg zu integrieren. Für Friedrich Wilhelm IV. nämlich hatte St. Michael eine besondere Bedeutung: nicht nur als ein Heiliger, der im Glauben seiner Vorfahren einen wichtigen Platz eingenommen hatte, sondern auch als ehemaliger Patron des Reiches und – so die Hoffnung des Königs – künftiger deutscher Nationalheiliger. Diese Idee hatte Friedrich Wilhelm IV. unter dem Einfluss des Architekten Karl Friedrich Schinkel und unter dem Eindruck der Befreiungskriege gegen Napoleon und der dadurch ausgelösten nationalen Begeisterung entwickelt.

 

 

Noch konsequenter und wirkungsvoller wurde dieses Anliegen vom Großneffen Friedrich Wilhelms IV. verfolgt, dem letzten deutschen Kaiser Wilhelm II. Dieser schuf in seiner Regierungszeit, zwischen 1888 und 1918, eine erstaunliche Zahl von Kunst- und Bauwerken, Bildern, Theaterstücken und Denkmälern, die der Verehrung St. Michaels als Schutzpatron und zugleich als Inbegriff Deutschlands dienen sollten. Die Auffassung, dass St. Michael – stärker noch als die „Germania“ oder gar der phlegmatische „deutsche Michel“ – die deutsche Nation versinnbildlichte, wurde vor allem im Ersten Weltkrieg von einer ganzen Reihe von Künstlern aufgenommen und zu Illustrations- und Propagandazwecken genutzt und verbreitet.

 

 

Auch auf Burg Hohenzollern hat der letzte deutsche Kaiser – wenngleich indirekte – Spuren seiner Michaelsverehrung hinterlassen. Das Michaelstor der 1895 erbauten und 1943 zum großen Teil zerstörten Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche befindet sich nämlich heute auf der Burg. Louis Ferdinand kaufte das Tor 1961 von einem Berliner Altwarenhändler, rettete es damit vor der Verschrottung und ließ es im Aufgang der Burg Hohenzollern anbringen. Es ist unklar, ob das ungewöhnliche Bildprogramm des Michaelstores auf Wilhelm II. selbst zurückgeht; auszuschließen ist das jedenfalls nicht. Außer dem geflügelten Löwen in der Mitte des Tores sind vor allem die Figuren an den Seiten bemerkenswert, die entweder Tiere darstellen – so der Walfisch als Auferstehungsmotiv, Schwan, Pferd (einmal mit, einmal ohne Flügel), Adler, Bär und Schlange – oder den Kampf eines Mannes mit einem Tier, einmal mit einem Bären, einmal mit einer Schlange. Ein „klassischer“ St. Michael ist an dem Tor nicht zu finden.

 

Allerdings gibt es für den Ursprung der kaiserlichen Michaelsverehrung auf Burg Hohenzollern ein mögliches Indiz: den in der Ausstellung der Burg befindlichen Taufpokal Wilhelms, an dessen Boden sich eine Darstellung des drachentötenden St. Georg befindet. Der Taufpokal war ein Geschenk von Wilhelms Großmutter, Königin Viktoria von England, wo St. Georg als Nationalheiliger verehrt wurde und wird, und es spricht vieles dafür, dass die englische Georgsverehrung eine maßgebliche Inspirationsquelle für den Kaiser war, der mit der Propagierung St. Michaels als deutschem Nationalheiligen dem englischen Vorbild nacheifern wollte.

 

 

Wilhelm II. und Friedrich Wilhelm IV. waren die exponiertesten, aber nicht die einzigen Hohenzollern, für die das Drachentötermotiv eine herausragende Rolle spielte. Erkennbar wird dies an den weiteren Michaels- und Georgsdarstellungen in der katholischen St.-Michaels-Kapelle der Burg. St. Georg ist in Form einer um 1500 entstandenen spätgotischen Figur aus Lindenholz vertreten, die ursprünglich aus Rhäzüns in Graubünden stammt und die im Erker der Vorhalle der Kapelle plaziert wurde. St. Michael ist auf zwei Abbildungen zu sehen: auf einem spätmittelalterlichen Tafelbild im Hauptschiff mit Schwert – als Heerführer – und Waage – als Seelenrichter–, sowie als Drachentöter auf einem der drei Sandsteinreliefs im Chorraum der Kapelle. Die Reliefs stammen vermutlich aus dem 12. Jahrhundert und gehörten daher aller Wahrscheinlichkeit nach bereits zum ersten Burgbau. Die Verehrung des Drachentöters durch die Familie Hohenzollern kann damit auf eine mindestens900 Jahre alte Tradition zurückblicken.

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