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Das Sankt-Georgs-Band


von Hartmut Voelkel


Auch in diesem Jahr sah man sie bei den russischen Siegesfeiern am 9. Mai neben den Nationalfarben und den sowjetischen, die Farben des Sankt-Georg-Ordens: schwarz-gelb-schwarz-gelb-schwarz, die am Revers nach dem Muster der Solidaritätsschleife getragen werden, aber es gibt auch entsprechende Plakate, Autoaufkleber, Fahnen oder Wimpel. Es handelt sich dabei um eine relativ neue Symbolik, die auf eine Kampagne zurückgeht, die von der Werbeagentur RIA Novosti 2005 – aus Anlaß des 60. Jahrestags des Kriegsendes – konzipiert worden war. Mittlerweile hat sich der Staat des Konzepts bemächtigt und in den letzten Jahren mehr als 50 Millionen dieser Sankt-Georgs-Bändchen verteilt. Auch bei den prorussischen Milizen in der Ukraine tauchen sie als provisorisches Abzeichen auf.

 

 

Wichtig ist der Hinweis, daß es sich dabei nicht einfach um einen Rückgriff auf eine Auszeichnung der Zarenzeit handelt, sondern um einen jener geschickten Versuche Putins, die ältere und die sowjetische Emblematik in einer Synthese zusammenzuführen. Bereits am 2. März1992 war der Sankt-Georgs-Orden als „Orden des Heiligen Georg der Russischen Föderation“ wiederbelebt worden, in seiner Funktion als Präsident bestätigte Putin den entsprechenden Ukas am 8. August 2000. Er ist allerdings seither nur in sehr wenigen Fällen verliehen worden. Das hatte ursprünglich damit zu tun, daß er nur als Tapferkeitsauszeichnung vorgesehen war, wenn das russische Territorium angegriffen würde. 2008 wurden die Statuten des Ordens dahingehend abgeändert, daß er auch für die „Durchführung von Kampf- und anderen Einsätzen auf den Territorien anderer Staaten zur Aufrechterhaltung des internationalen Friedens und der Sicherheit“ vergeben werden kann. Trotzdem ist die Zahl der Auszeichnungen bis heute sehr klein.

 

Die Exklusivität verbindet den modernen Nachfolger mit dem ursprünglichen Sankt-Georgs-Orden. Der ging auf eine Stiftung Katharinas der Großen zurück, die bereits 1765 erwogen hatte, eine militärische Tapferkeitsauszeichnung nach dem Muster des Maria-Theresien-Ordens zu schaffen, diesen Plan aber nicht verwirklichte und stattdessen am 26.November 1769 den Sankt-Georgs-Orden stiftete. Durch Ukas vom 26. November 1775 wurde dessen Zweck dahingehend definiert, daß „mit ihm Oberoffiziere, Stabsoffiziere und Generäle ausgezeichnet werden, die nicht nur ihren Dienst, dem Eide gemäß, stets erfüllt, also ehrlich der Pflicht entsprochen haben, sondern sich auch durch eine besonders heroische Tat ausgezeichnet hatten“. Bis 1855 wurde allerdings die IV. – und niedrigste – Klasse auch an Beamte für lange treue Dienste vergeben; diese Übung hob Zar Alexander II. auf und legte fest, daß „der Orden des St. Georg grundsätzlich und ausschließlich für Offiziere als Auszeichnung für hervorragend-heldische Taten vorbehalten bleibt“.

 

 

Das Kleinod des Ordens bildet ein weißes, emailliertes Tatzenkreuz. Auf dessen Mitte befindet sich ein goldenes Medaillon, darauf eine Darstellung des Drachentöters; für Nicht-Christen ersetzte der Doppeladler aus dem russischen Wappen die Figur des Heiligen, in jedem Fall fand sich auf der Rückseite das Monogramm Georgs in kyrillischen Buchstaben. Für die I. und II. Klasse gab es außerdem einen Ordensstern.

 

Der Sankt-Georgs-Orden galt als höchste militärische Auszeichnung Rußlands, vergleichbar etwa dem preußischen Pour le mérite. Damit hing auch zusammen, daß die Verleihung die Aufnahme in den erblichen Adel bedeutete. Die I. Klasse erhielten überhaupt nur 25 Personen, die II. immerhin 125, die III. Klasse 650, die IV. mehr als 10500 Männer und einige Frauen. Bemerkenswerterweise verlieh man die beiden ersten Klassen auch nur ausnahmsweise an fremde Monarchen oder Mitglieder der Zarenfamilie. Eine weitere Aufwertung der I. Klasse war nicht vorgesehen. Allerdings gab es neben dem Sankt-Georgs-Orden auch noch den Sankt-Georgs-Säbel oder „Goldenen Säbel“. Dabei handelte es sich um eine Waffe nach dem Muster des üblichen russischen Offizierssäbels, der aber an Stelle der schwarzen Handgriffe goldenverzierte mit der Inschrift „Für Tapferkeit“ und goldene Beschläge an der Scheide besaß; das Portepee zeigte die Farben des Ordensbandes. In einzelnen Fällen wurde der Säbel auch mit Brillanten verliehen, eine Auszeichnung, der eine aufwendige Prüfung – unter anderem durch die Ordensduma des Sankt-Georgs-Ordens – voranging. Der Baltendeutsche, Alexander Graf Stenbock-Fermor, erhielt während des Ersten Weltkriegs Orden und Säbel, er erlangte in der Zwischenkriegszeit eine gewisse Bekanntheit, da aus dem ehemaligen Weißgardisten ein überzeugter Kommunist wurde.

 

 

Da Sankt-Georgs-Orden und -Säbel Offizieren vorbehalten waren, stiftete Zar Alexander I. 1807 das Silberne Georgskreuz für Mannschaften und Unteroffiziere, dessen Aussehen dem des Sankt-Georgs-Ordens glich, allerdings ohne die weiße Emaillierung. 1856 wurde das Georgskreuz in vier Stufen eingeteilt, die I. und II. in Gold, die III. und IV. in Silber. 1878 kam dann noch die Georgsmedaille hinzu, die man ebenfalls in vier Stufen verlieh. Nach der Februarrevolution von 1917 gab es die Übung, daß auch Offiziere das Georgskreuz erhalten konnten, auf Vorschlag ihrer Truppe. Die Oktoberrevolution hob den Orden auf. Ganz verschwand die Erinnerung aber nicht: Der am 8. November 1943 gestiftete „Ruhmesorden“ der Sowjetunion, der nur an Soldaten und Unteroffiziere für hervorragende Tapferkeit verliehen wurde, ähnelte nicht nur im Aufbau mit vier Stufen, wegen der Bezeichnung der Träger als „Ritter des Ruhmes-Ordens“ und der damit verbundenen Privilegien, sondern vor allem wegen seines schwarz-gelb-schwarz-gelb-schwarzen Bandes dem Sankt-Georgs-Orden.

 

Das ist im Grunde nur mit der Popularität des alten Ordens zu erklären, der sich Stalin während des „Großen Vaterländischen Krieges“ genauso bediente wie der anderer Überlieferungen aus der Zarenzeit, die die Sowjetunion eigentlich verworfen hatte: offenbar ein erfolgreiches Vorgehen, das nicht nur die rasche Restitution des Ordens nachdem Zusammenbruch des Kommunismus, sondern auch die heutige Popularität des Sankt-Georgs-Bändchens verständlich macht.

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