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Sankt Michael auf dem Berg


von Hartmut Voelkel


„Charlotte begann: `Mein Lehrer behauptete, Wodenburg habe ursprünglich Wodansburg oder der Berg des Wodan geheißen, und was wir als alt oben in dem Schlosse anstaunen, das sei im Grunde funkelneu gegenüber jenem Uraltertum, auf welches der Name des Berges zurückdeutet. Wo jetzt die Kirche steht, da lag die Opferstätte, der heilige Hain des Wodan; in den katholischen Zeiten war darum die Kirche dem Erzengel Michael geweiht, dem Nachfolger und Erben Wodans auf so manchem Berge. Was sagst du dazu, Sophie, wenn wir dem alten Wodan wieder zum Rechte verhülfen und diesen verwilderten Lustgarten in seinen Opferhainverwandelten?´ –

 

Sie hielt an, wie jemand, der auf eine bedeutende Frage eine bedeutende Antworterwartet.

 

Sophiejedoch warf ganz leichtfertig die Worte hin: `Aber der Hain des Heidengottes war ja, wie du selber bemerktest, gar nicht im Lustgarten, sondern oben, wo die Kirche steht.´

 

`Liebe Freundin´, sagte Charlotte, `wo es sich um eine zweitausendjährige Geschichte handelt, da verzeiht man‘s den größten Gelehrten, wenn sie einen ganzen Büchsenschuß weit nebens Ziel schießen, warum sollte man es uns nicht verzeihen, daß wir hier den Wodanshain einen Büchsenschuß seitab vom rechten Flecke stellen? Das ist antiquarische Lizenz. Hier unter deutschen Eichen und Buchen wollen wir uns in Germaniens und des Wodansberges Urgeschichte zurückversenken, hier wollen wir Klopstocks Bardiete lesen und die Gesänge der Barden Rhingulf und Sined, und einige Gartenbänke im altdeutschen Bardenstil müssen dann auch neben den gebahnteren Pfaden aufgestellt werden, denn auf diesem knorrigen Eichenstamm sitzt man doch entsetzlich schlecht, und an der lieblichsten Stelle des Haines muß Klopstocks Büste auf granitenem Sockel aus dem Dickicht hervorleuchten.´“

 

 

Dieser ironische Dialog stammt aus Wilhelm Heinrich Riehls Buch Durch tausend Jahre, eine Art romanhafter Darstellung der deutschen Geschichte, die 1862 erschienen ist. Den Zusammenhang von Wodans- und Michaelsverehrung erwähnte Riehl allerdings auch schon in seinen kurz zuvor, 1857, veröffentlichten Cultur-Studien. Daß er sich mit diesem Thema beschäftigte, war in erster Linie Niederschlag seiner Art von „Volkssoziologie“, die immer auch auf Religions-, Mentalitäts- und allgemeine Kulturgeschichte ausgriff. Riehl hielt den Gedanken für gar nicht weiter erklärungsbedürftig, eine Feststellung, die man genauso für die neueren Auflagen von Jacob Grimms Deutscher Mythologie treffen kann. Offenbar galt spätestens um die Mitte des 19.Jahrhunderts die Verknüpfung zwischen dem alten germanischen Gott und dem Erzengel als eine Selbstverständlichkeit, genauso die Annahme, daß beide bevorzugt auf Bergen ihre heiligen Stätten hatten. Noch im entsprechenden Abschnitt des Handwörterbuchs des deutschen Aberglaubens heißt es lapidar: „Auch Michaelsberge gibt es viele. Man hat angenommen, daß auf Michael Züge Wodans, Zius und Donars übergegangen sind.“

 

 

Für die These einer „Taufe“ des germanischen Hauptgottes Wodan-Odin sprechen vor allem Ähnlichkeiten der Attribute und der Funktion. Die wenigen bildlichen Darstellungen Wodans, die wir besitzen, zeigen ihn praktisch immer mit seinem Speer Gungnir, „der Wirbelnde, der Schwankende“, ein Werk zauberkundiger Zwerge. Dessen Spitze trug magische Runen, wenn er aus der Hand des Gottes fuhr, konnte ihn nichts aufhalten. Der Speer war außerdem Insignie (ein im germanischen Bereich allgemein bekannter Brauch, der bis zur Heiligen Lanze im Kronschatz der deutschen Könige und Kaiser des Mittelalters reicht) und zeichnete Wodan als Führer des Heeres der gefallenen Krieger, der Einherjer, aus. Beim Weltenbrand Ragnarök wird Wodan Gungnir auch im Kampf gegen das Chaosungeheuer, den Fenriswolf, führen. Die Parallelen zu Michael als Seelenführer der Verstorbenen, Kommandanten der himmlischen Heerscharen, der in der Endzeit den Drachen besiegt, wobei seine bevorzugte Waffe ein Speer ist, sind offensichtlich.

 

 

Weniger offensichtlich erscheint allerdings die Errichtung von Verehrungsstätten auf Gipfeln, die von Riehl wie Grimm ausdrücklich erwähnt wird. Tatsächlich befinden sich die berühmtesten Michaelsheiligtümer – der Monte Gargano in Apulien, der Mont Saint-Michel auf der Grenze von Bretagne und Normandie, der Saint Michael’s Mount an der Küste Cornwalls – auf Bergen. Darüber hinaus gibt es allein in Deutschland ein Dutzend „Michelsberge“ oder „Michaelsberge“, gelegentlich auch „Michaelsstein“, weiter Klöster und Ortschaften dieser Bezeichnung oder Anhöhen wie den Siegberg bei Siegburg, den Godesberg nahe Bonn, die ursprünglich auch mit dem Michaelsverehrung in Zusammenhang standen. Im Fall des Godesbergs ist allerdings nicht nur die Ableitung „Gottesberg“, sondern auch „Woudesberg“ wahrscheinlich, das heißt, daß es sich in heidnischer Zeit um eine dem Wodan geheilige Erhebung gehandelt haben muß; ähnliches wurde auch in bezug auf den hessischen Ort Gudensberg am Fuß des Odenbergs, die Heiligenberge gegenüber von Heidelberg beziehungsweise Ovenhausen und den Michaelsberg bei Kleebronn vermutet, die alle Michaelskirchen trugen oder noch tragen.

 

 

Inwieweit die Verehrung Wodans mindestens in Kontinentaleuropa auch mit der Vorstellung verknüpft war, daß er ein Berggott sei, ist hier nicht zu behandeln. Es muß der Hinweis genügen, daß schon in seinem Namen, der sich auf das „Wüten“ des Sturms bezieht, der Hinweis auf eine noch ältere Stufe der Entwicklung gesehen werden darf. Grimm hatte sich jedenfalls nicht auf die Verknüpfung von Wodan und Michael beschränken wollen, sondern behauptet, daß der Erzengel überhaupt „oft einen heidnischen Gott des Kriegs und Siegs vertreten“ mußte. Wahrscheinlich kann man noch weitergehen und sagen, daß er jene überirdischen Wesen ablöste, die als männliche, kämpfende, aber auch Fruchtbarkeit und gute Ernte verbürgende (eine oft übersehende Aufgabe Michaels im Mittelalter) Gottheiten angesehen wurden, und daß dieser Wechsel dadurch gesichert werden sollte, daß man die alten Höhenheiligtümer – an denen die christliche Religion von sich aus kein Interesse hatte – übernahm.

 

Es spricht wenig dafür, daß solche Höhengötter seit jeher verehrt wurden. Mit Mircea Eliade oder Marija Gimbutas ist vielmehr zu vermuten, daß am Übergang von Jungstein- zur Kupferzeit, spätestens mit Beginn der Bronzezeit, eine religiöse Revolution den Mittelmeerraum, den Nahen Osten und große Teile Europas erfaßte, die die bis dahin vorherrschenden weiblichen Gottheiten durch den Kult des „Himmelsherrn“ ersetzte. So wie der Akt des Gebärens, für den die „Große Mutter“ zuständig war, in den Hintergrund trat, rückte die Vorstellung von der entscheidenden Bedeutung der Zeugung in den Mittelpunkt. Sie erscheint versinnbildlicht im Blitz, der zum wichtigen Attribut des männlichen Gottes wurde, wovon noch in historischer Zeit die Abzeichen des Baal, des Zeus oder Jupiter zeugten. Ersetzten konnten den Blitz Speer oder Axt; auf Bergspitzen des europäischen Raums fanden sich häufiger vergrabene Axtklingen aus Stein oder Metall. Wies die Göttin immer einen sehr stark chthonischen Bezug auf, war der des Gottes uranisch. Das erklärt auch die Bedeutung der Berggipfel für den Kult des Himmelsgottes.

 

 

Eine Kontinuität von dieser frühen Phase religiöser Entwicklung bis zur Verehrung Michaels ist nur in wenigen Fällen genauer zu rekonstruieren. Für den Mont Saint-Michel und den Monte Gargano sind solche Zusammenhänge wahrscheinlich, aber an eher abgelegenen Stellen läßt sich die Kontinuität sehr viel deutlich erfassen. Genannt seien hier vier französische Beispiele:

 

1) Der Mont Saint-Michel de Brasparts, auch Petit Mont Saint-Michel, also „kleiner Mont Saint-Michel“ im Gegensatz zum großen und berühmten; es handelt sich um eine auf der höchsten Erhebung der Monts d‘ Arrée im Westen der Bretagne errichtete Kapelle. Der Bau stammt erst aus dem 17. Jahrhundert, aber die örtliche Überlieferung spricht für eine sehr viel ältere religiöse Bedeutung. Der Mont Saint-Michel de Brasparts gehörte zu den sieben heiligen Anhöhen des alten Armorika: neben dem großen Mont Saint-Michel noch der Mont Dol, der Menez Bel-Air, der Menez Bré, der Mané Gwen sowie der Ménez-Hom. Der ursprüngliche Name Menez Kronan bezog sich wahrscheinlich auf die Verehrung eines keltischen Sonnengottes Kronan, aber sicher ist das nicht. Erwähnt sei noch, daß der Calvaire des nahegelegenen Ortes Brasparts ein ungewöhnliches Kruzifix aufweist, an dessen Fuß – oberhalb der Pieta – Michael als Drachentöter dargestellt wurde.

 

 

2) Gleichfalls in der Bretagne befindet sich der Tumulus de Saint-Michel in der Nähe von Carnac. Wie der Name schon sagt, handelte es sich ursprünglich um ein Megalithgrab aus der Jungsteinzeit, mit 125 Metern möglicherweise die längste Anlage dieser Art in Europa. Bei Grabungen fand man in der Kammer auch 39 mit ihrer Schneide aufgerichtete Axtklingen. Nach einigen Berichten soll sich auf dem Tumulus während der römischen Zeit ein Tempel befunden haben, der später einer Kapelle weichen mußte. Der heute noch vorhandene Bau stammt wohl wie der auf dem Mont Saint-Michel de Brasparts aus dem 17. Jahrhundert.

 

3) Als dritter Fall ist in diesem Zusammenhang der Grandmont nahe der südfranzösischen Stadt Lodève im Departement Hérault zu nennen. Dort wurde Ende des 12. Jahrhunderts ein Kloster der Grammontenser gegründet, einer den Zisterziensern in ihrer Strenge ähnlichen Ordensgemeinschaft. Daß man die Kirche Michael weihte, hing wohl auch damit zusammen, daß es dort schon vorher eine Kapelle für den Erzengel gegeben hatte, die wenigstens auf die nähere Umgebung eine erhebliche Anziehungskraft als Pilgerstätte ausübte. Einer der Gründe dafür war allerdings weniger christlicher als heidnischer Natur, denn es befanden sich dort verschiedene Hünengräber, auf deren Deckplatte zu liegen, angeblich von Hautkrankheiten heilte. Diese Dolmen dokumentierten natürlich auch das Alter der Besiedlung und die frühe religiöse Nutzung des Grandmont, die offenbar bis in die Steinzeit zurückreicht. Die Mönche entschlossen sich im übrigen, die religiöse Bindung zu nutzen; die Wunderheilungen (die offenbar auf einen bestimmten Pilzbewuchs der Steinflächen zurückzuführen waren) kamen jetzt ihrem Kloster zu Gute, und sie verzichteten aus wohlverstandenem Eigeninteresse darauf, die Gräber zu zerstören; sie wurden lediglich mit einem eingeschlagenen Kreuz „christianisiert“.

 

 

4) Als letztes sei der Mont Bégo am Rand der französischen Alpen erwähnt. Er gehört zu einer der wichtigsten Fundstätten kupferzeitlicher und bronzezeitlicher Felsritzungen in Europa. In der ganzen Vallée des merveilles – dem „Tal der Wunder“ – finden sich entsprechende Bilder, die mit den in dieser Phase üblichen Symbolmustern übereinstimmen: Dolche, Äxte, stilisierte Hörner. Besonders bemerkenswert ist allerdings eine einmalige anthropomorphe Figur am Mont Bégo selbst – ein maskenhaftes Gesicht, von dem zwei Hände ausgehend emporgereckt werden, die Hörner oder Klingen halten –, die traditionell als „Großer Zauberer“ bezeichnet wurde. Heute vermuten die untersuchenden Archäologen, daß es sich um eine Darstellung des Berggottes selbst handelt, dessen Name möglicherweise Bego war. „Großer Zauberer“ deutet allerdings auch darauf hin, daß die Kirche das Tal bis ins 19. Jahrhundert als verflucht bezeichnete und das Betreten – wenngleich erfolglos – zu verbieten suchte. Erfolgreicher war die Strategie, in der Umgebung des Wundertals verschiedene Kirchen und Kapellen dem Erzengel zu weihen, darunter auch die im Hauptort Tende.

 

 

Das Verfahren, heidnische Stätten nicht oder nicht vollständig zu zerstören, sondern „umzuwidmen“, gehörte früh zu den Hilfsmitteln der christlichen Mission. Am Beginn des 7. Jahrhunderts schrieb Papst Gregor I., genannt der Große: „Zerstört den Leuten nicht ihre heidnischen Tempel, sondern verwandelt sie in christliche Kirchen, damit das Volk, das daran gewöhnt ist, die hergebrachte Verehrung auf das christliche Gotteshaus übertrage. Die heidnischen Feste und Opferschmäuse aber wandelt in fromme Festessen und zu Ehren von kirchlichen Heiligen um.“ Dieses Konzept war sicher in vielen Fällen erfolgreich, wie man nicht nur am Beispiel der Michaelsheiligtümer, sondern auch an zahlreichen anderen Beispielen erkennen kann, bei denen auf paganem Fundament eine Kapelle oder Kirche errichtet wurde – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

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