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Die Wiedergeburt des Nationalheiligen aus dem Geist der Befreiungskriege


von Hartmut Voelkel


Es ist zwar bekannt, daß der Erzengel Michael im 19. Jahrhundert als deutscher Nationalheiliger wiederentdeckt wurde. Aber der Prozeß, in dessen Verlauf das geschah, wartet bis heute auf seine Rekonstruktion. Die bisherige Forschung gab aber schon Hinweise darauf, daß der Architekt, Bildhauer und Maler Karl Friedrich Schinkel in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle spielte.

 

Tatsächlich kann man feststellen, daß für Schinkel, nach seiner Hinwendung zu romantischen Motiven, die Figur Michaels wachsende Bedeutung gewann. Das gilt vor allem für die Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon und die Folgejahre. In wieweit dabei mittelalterliche Muster eine Rolle spielten, ist schwer zu sagen, unklar bleibt auch, ob es Einflüsse aus der gegenrevolutionären Propaganda Frankreichs gab, für die Michael als Sieger über die „satanische“ Revolution wichtig wurde.

 

Obwohl Schinkel durch Raffaels berühmte Darstellung des apokalyptischen Drachenkampfs sehr beeindruckt war, unterschied sich seine eigene Auffassung in den meisten Fällen deutlich von Raffaels Konzept. In den Entwürfen wie den tatsächlich ausgeführten Arbeiten Schinkels erscheint Michael jedenfalls gerüstet, in ruhiger Pose, nicht im Moment des Angriffs, sondern nach dem Sieg des „guten Prinzips“, das er nach Meinung Schinkels verkörperte.

 

Das gilt etwa für die bekannteste erhaltene Darstellung, die Figur am Hauptportal der Friedrichwerderschen Kirche im Zentrum Berlins, die Schinkel bis 1830 im „Mittelalterstil“, das heißt als gotischen Bau, ausführen ließ. Die heute zu sehende Plastik ist zwar eine Bronzekopie des ursprünglich aus Terrakotta gefertigten Stücks, sie vermittelt aber durchaus einen Eindruck dessen, was Schinkel gewollt hat: Michael steht auf einer zusammengerollten Schlange wie auf einer Art Sockel und hält eine Lanze mit Kreuzstab als Schaft, deren Spitze nur auf dem Kopf des Untiers aufruht, sein Gesicht ist jünglinghaft, die Rüstung stark stilisiert.

 

 

Das Werk unterscheidet sich schon auf den ersten Blick deutlich von dem, das auf der Rückseite der Ehrenmedaille zu sehen ist, die die Berliner Bürgerschaft Marschall Blücher 1816 als Zeichen des Dankes für seine militärischen Leistungen im Kampf gegen Napoleon überreichen ließ. Die durch Friedrich Anton König ausgeführte Medaille (hier ein alternativer Entwurf Schinkels unter http://www.smb.museum/schinkel/index.php?id=1505393) von etwas über acht Zentimeter Durchmesser zeigt auf der Vorderseite die Büste Blüchers im Profil, das Fell des nemäischen Löwen, den Herakles erschlug, um die Schultern. Es handelt sich dabei um eine seit dem Altertum übliche symbolische Auszeichnung des siegreichen Feldherrn. Auf der Rückseite findet sich dagegen eine dramatische Szene, in der Michael den Drachen mit der Lanze niederstößt. Anders als an der Friedrichwerderschen Kirche ist die Rüstung hier an antiken Mustern orientiert, war der Feind dort reptilienartig ausgeführt, erscheint er hier (wie seit der Gegenreformation üblich) als Mischwesen aus Mensch und Tier, wobei die Fledermausflügel wohl an den Luzifer-Mythos erinnern sollen; die Lanze ist kein Kreuzstab, sondern eine simple Waffe, in der Linken hält Michael außerdem ein blankes Schwert, auf seinem Kopf erkennt man einen Helm mit Kreuzzeichen.

 

 

Wichtig ist noch, daß der niedergeworfene Böse Gesichtszüge trägt, die unverkennbar an Napoleon erinnern. Ein Sachverhalt, durch den nicht nur bestimmte apokalyptische Bezüge ins Spielkommen – die Vorstellung von Napoleon als Antichrist und seiner Niederlage als „Weltgericht“ waren ausgesprochen populär -, sondern bei dem auch die Auffassung mitwirkt, der Teufel symbolisiere die „Kriegsfurie“ und Michael erscheine als Friedensbringer. Eine Idee, die auch bei den Hauptplänen Schinkels für Denkmäler zur Erinnerung an die Befreiungskriege wichtig war. Das betraf vor allem die zahlreichen Entwürfe eines „Befreiungsdoms“, die erhalten geblieben sind, und bei denen der Erzengel als Zentralfigur (http://www.smb.museum/schinkel/index.php?id=1503799) oder neben anderen (http://www.smb.museum/schinkel/index.php?id=1504039) am Äußeren erscheint, als große Plastik (http://www.smb.museum/schinkel/index.php?id=1510314) oder als Begleiter des triumphierenden Christus (http://www.smb.museum/schinkel/index.php?id=1503802) unter der zentralen Kuppel Aufstellung finden sollte. Schinkel plante außerdem ein großes allegorisches Bild zur Verherrlichung des Sieges (http://www.smb.museum/schinkel/index.php?id=1503858) sowie den „Brunnen der Begeisterung“ (http://www.smb.museum/schinkel/index.php?id=1505255) jeweils mit Michael als entscheidendem Bezugspunkt.

 

Keiner dieser Pläne aus den Jahren1813 bis 1816 ist verwirklicht worden. Ausschlaggebend waren in erster Linie Kostengründe. Immerhin wurde aber das preußische Nationaldenkmal für die Befreiungskriege auf dem höchsten Punkt des Tempelhofer Berges in Berlinerrichtet, der danach „Kreuzberg“ hieß. Grund dafür war die leitmotivische Wiederkehr und die Bekrönung des Monuments mit dem Eisernen Kreuz; auch das ein Entwurf Schinkels. Der hatte für das Nationaldenkmal die Form eines gotischen Tabernakels gewählt, in dessen Nischen einzelne Genien stehen, die an die bedeutendsten Schlachten der Befreiungskriege erinnern. Die Widmungsinschrift lautet: „Der König dem Volke, das auf seinen Ruf hochherzig Gut und Blut dem Vaterlande darbrachte. Den Gefallenen zum Gedächtniß, den Lebenden zur Anerkennung, den künftigen Geschlechtern zur Nacheiferung.“

 

 

Obwohl keine der Figuren des Denkmals explizit als Heiliger Michael angesprochen werden kann, ist doch der Einfluß der entsprechenden Idee unverkennbar. Das gilt schon für die den Schlachten von Wartenburg (mit den Gesichtszügen Ludwig von Yorcks), von Dennewitz (mit den Gesichtszügen des Siegers dieser Schlacht, Friedrich-Wilhelm von Bülow) und von Groß-Görschen (wohl mit den Gesichtszügen Leopold von Hessen-Homburgs, der in dieser Schlacht fiel) zugeordneten Genien, aber im Sinne der Präfiguration auch für die Gestalt in „nordischer“ Rüstung, die einen Drachen mit der Lanze durchbohrt und den Sieg in der Schlacht von Laon repräsentiert (mit den Gesichtszügen Wilhelms von Preußen, des Bruders des Königs).

 

Schinkel hat auch später immer wieder auf das Motiv Michaels und des Drachenkampfes zurückgegriffen, etwa bei der Gestaltung der Bibliothek des nachmaligen Königs Friedrich Wilhelms IV. oder der Erneuerung der Marienburg. Entscheidend war aber doch die Intensität, mit der er dieses Thema in den Jahren der Befreiungskriege aufgegriffen hatte, als bei den Plänen für den Nationaldom die zentralen Vorstellungen einer politischen Pädagogik durch das Denkmal zur Geltung kamen; in Schinkels eigenen Worten: „Dies Monument habe ich als ein Dreifaches angesehen: 1. als ein religiöses Monument, 2. als ein historisches Monument, 3. als ein lebendiges Monument in dem Volke, indem unmittelbar durch die Art der Errichtung desselben etwas in dem Volke begründet werden soll, welches fortlebt und Früchte trägt.“

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