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Richard Wagner zum 200. Geburtstag


von Benjamin Hasselhorn


Mit Richard Wagner ist es so ähnlich wie mit dem FC Bayern München: Entweder man hasst ihn oder man liebt ihn, dazwischen gibt es wenig bis nichts. Das hat in beiden Fällen verschiedene Gründe, aber im Kern geht es jeweils um dasselbe: Beide spielen – je in ihrem Bereich – in einer eigenen Liga. Bei Wagner ist das mit Händen zu greifen: Seine Musik klingt ganz anders als die anderer Komponisten, seine Opern dauern viel länger – normalerweise so lang, dass sie nur mit Mühe überhaupt in den normalen Spielbetrieb der Opernhäuser integrierbar sind – und vor allem: Der Anspruch, den Wagner an seine Werke stellt, ist viel umfassender und auch viel höher als das, was man normalerweise mit einer Oper verbindet.

 

 

Dem vor 200 Jahren, am 22. Mai 1813, geborenen Richard Wagner ging es immer ums Ganze: Die Kunst war für ihn das Mittel, um einer gleichermaßen erstarrten wie aus den Fugen geratenen Welt eine „Regeneration“ zu ermöglichen. Politisch fing er als demokratischer Revolutionär an, hatte aber schon bald nur noch Verachtung für die praktische Politik übrig. Er hielt allerdings zeitlebens an seinen – vorsichtig ausgedrückt – utopischen Idealen fest. Das von ihm konzipierte „Gesamtkunstwerk“ sollte die Zuschauer nicht nur beeindrucken, es sollte auch eine kulturelle und vor allem religiöse Renaissance herbeiführen. Nach dem Scheitern der Religion, so Wagner in seinem berühmten Aufsatz „Religion und Kunst“, sei es die Aufgabe der Kunst, den Gehalt von Religion und Mythos zu bewahren. Er wollte damit zwar nicht selbst zum Religionsstifter werden, aber doch eine Grundlage für die „Religion der Zukunft“ schaffen. In diesen Zusammenhang gehören auch die bekannten Worte, die Wagner am Schluss der „Meistersinger von Nürnberg“ Hans Sachs in den Mund legt: „Zerging in Dunst das heil’ge röm’sche Reich, uns bliebe gleich die heil’ge deutsche Kunst!“

 

 

Am eindrücklichsten setzte Wagner dieses selbstgesteckte Ziel in denjenigen Opern um, die deutsche mythologische Traditionen zum Teil sehr eigenwillig bearbeiteten und neu interpretierten: den „Ring des Nibelungen“ natürlich, der auf dem Siegfried-Stoff beruht und in dem auch Siegfrieds Kampf mit dem Drachen vorkommt; vor allem aber das aus dem Mittelalter stammende Gralsmotiv, in den Opern „Lohengrin“ und „Parsifal“. Der Gral, nach „traditioneller“ Auffassung ein Gefäß, das bei der Kreuzigung Christi dessen Blut aufgefangen hatte und daher als heilig galt, war für Wagner ein allgemeines Symbol für Erlösung durch Nächstenliebe. Die Auswahl und die Formung der Themen legen schon bei Wagner, spätestens aber im „Bayreuther Kreis“ seiner Schüler nahe, dass für die zukünftige Religion eine Synthese aus christlichen und „germanischen“ Elementen angestrebt wurde.

 

 

Nun wird man nicht sagen können, dass Wagners hochgesteckte Ziele erfüllt worden wären. Er hat zwar selbst keine neue Religion stiften, aber doch so etwas wie eine „ganzheitliche“ Erneuerung in Gang bringen wollen. Geschehen ist das nicht. Stattdessen ist Wagner bis heute „umstritten“, was in erster Linie damit zusammenhängt, dass Adolf Hitler ein glühender Wagnerianer gewesen ist. Die Behauptung, Wagners Werke seien mehr oder weniger durchgängig von antijüdischen Ressentiments durchzogen, hat aber weniger mit exakter Werkinterpretation zu tun als mit Deutungen aus der Rückschau. Der Dirigent Christian Thielemann jedenfalls vermutet, dass Wagners Schriften wie „Das Judenthum in der Musik“ nicht ideologisch motiviert waren, sondern allein aus persönlichem Erfolgsneid gegenüber jüdischen Komponisten wie Giacomo Meyerbeer und Felix Mendelssohn-Bartholdy zu erklären sind.

 

 

Auch der Versuch, Wagners Wirkung damit zu erklären, dass es sich um „Musik für Unmusikalische“ (Theodor Adorno) handle, ist angesichts der zahllosen Wagnerianer unter den größten Musikern der Welt kaum plausibel. Man müsste ohnehin stumpf sein, um von Arien wie „O du mein holder Abendstern“ aus dem Tannhäuser oder der Gralserzählung „In fernem Land“ aus dem Lohengrin unbeeindruckt zu bleiben. Anders als mit musikalischer Genialität wäre die Heftigkeit der Reaktionen auf Wagner, seien sie nun positiv oder negativ, auch gar nicht zu erklären. Hinzu kommt schließlich, dass Wagners Kunst, die von ihm verarbeiteten Themen und die enorme Spannbreite – bis hin zur Überspanntheit – seiner Ansprüche ihn vor den Augen der Welt zu einem typischen Ausdruck deutschen Wesens gemacht haben. Um es mit den Worten Thomas Manns zu sagen: „Wagners Kunst ist die sensationellste Selbstdarstellung und Selbstkritik deutschen Wesens, die sich erdenken läßt, sie ist danach angetan, selbst einem Esel von Ausländer das Deutschtum interessant zu machen.“

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