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Großbeeren


von Hartmut Voelkel


Der Ortsname Großbeeren sagt wohl nur noch Historikern etwas, und unter denen vor allem Spezialisten für die napoleonische Zeit. Denn am 23. August 1813 schlugen an dieser Stelle preußische französische Truppen. Die wichtigsten Baudenkmäler der kleinen Stadt südlich von Berlin erinnern an das Ereignis. Angefangen bei der Bülow-Pyramide und dem zweiunddreißig Meter hohen Gedenkturm, die beide 1913 aus Anlaß der Säkularfeier errichtet wurden, bis zum Denkmal für die Gefallenen auf dem Friedhof und die neue evangelische Kirche. Denkmal und Kirche wurden auf Befehl Friedrich Wilhelms III. zwischen 1818 und 1820 errichtet. Die Entwürfe stammen von Karl Friedrich Schinkel, der sich an der Neugotik orientierte und das Monument in Gestalt einer Fiale – bekrönt durch das Eiserne Kreuz – konzipierte, während das Gotteshaus als Zentralbauentstand. Von der originalen Ausstattung im Innenraum ist leider nur noch wenig erhalten (das Taufbecken, der Orgelprospekt und ein Leuchter mit Wein- und Rebenmotiven), aber der Gesamteindruck ist doch weitgehend unverändert.

 

 

Das kann man sagen, weil eines der interessantesten, aber später hinzugefügten, Ausstattungsstücke – ein großes Glasfenster an der Ostseite – durch die Altarwand verdeckt wird. Angeblich aus praktischen Gründen(die Gemeindemitglieder wurden durch das einfallende Sonnenlicht geblendet) entschloß man sich nach dem Ersten Weltkrieg zu dem Einbau, der das wenige Jahrzehnte zuvor mit erheblichem Aufwand gefertigte Bildfenster praktisch verschwinden ließ. Nur wenn man einen der beiden Durchgänge links und rechts vom Altar benutzt, kann man einen Blick darauf werfen.

 

 

Das lohnt sich vor allem deshalb, weil man es mit einer der wenigen erhaltenen monumentalen Darstellungen St. Michaels aus dem Wilhelminismus zu tun hat. 1898 wurde sie von einem heute unbekannten Künstler, der mit „HB“ zeichnete, geschaffen. Die Darstellung entspricht sehr weitgehend dem historistischen Zeitgeschmack, rahmt das Ganze mit gotischen Elementen und zeigt links und rechts flankierend in mittelalterlicher Kleidung die weltlichen Tugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Mäßigung, Tapferkeit. Dagegen ist die Figur des Erzengels an barocken Vorbildern orientiert. Der Hintergrund besteht aus Andeutungen einer natürlichen Landschaft, darüber einen tiefblauen, von Blitzen erhellten Himmel. St. Michael erscheint als blonder Mann, geflügelt, mit Heiligenschein und Diadem, bekleidet mit einem roten Umhang und Rüstung, der in lässiger Haltung das um Gnade flehende Ungeheuer niedertritt und es mit einem Speer bedroht, dessen Schaft in ein Kreuz ausläuft. Der „Drachen“ ist hier eine seltsame Mischform aus (beinahe) menschlichem Kopf, an ein Schwein erinnernden Merkmalen und Reptilienleib, wie man sie ähnlich aus der Gegenreformation kennt.

 

 

Unter dem Bild findet sich noch ein Emblem, kombiniert aus Eisernem Kreuz und Preußischem Adler, dazu die Inschrift „Patronus Germaniae“ (das „E“ am Schluß ist aus irgendwelchen Gründen weggefallen), also „Beschützer Deutschlands“, womit noch einmal deutlich wird, daß man die Darstellung mit dem Reichspatriotismus in Verbindung bringen muß, der um die Zeit ihrer Entstehung auf seinem Höhepunkt angelangt war und seinen Ausdruck nicht zuletzt in der durch Wilhelm II. propagierten Idee fand, St. Michael als Nationalheiligen in den Kanon der deutschen Symbole zurückzuholen.

 

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