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Das Nibelungenlied im Film


von Benjamin Hasselhorn


Siegfried ist der wohl bekannteste deutsche Drachentöter. Er ist der Held des Nibelungenliedes, eines um 1200 entstandenen Epos, das historische und legendarische Stoffe aus mehreren Jahrhunderten zu einer großen Geschichte verwoben hat. In der Vielzahl von Themen und Motiven sind drei besonders hervorzuheben: Siegfried, der den Drachen Fafnir besiegt, so den Schatz der Nibelungen gewinnt und durch ein Bad im Drachenblut nahezu unverwundbar wird; Hagen, der durch eine List die einzige verwundbare Stelle an Siegfrieds Rücken erfährt und diesen aus Treue gegenüber dem Burgunderkönig Gunther mit einem Speerwurf tötet; Krimhild, Siegfrieds Witwe und Gunthers Schwester, die den Hunnenkönig Etzel heiratet, um Rache an Hagen zu nehmen und die das gesamte burgundische Heer – das wiederum Hagen die Treue hält – in Etzels Halle töten läßt.

 

Ihre eigentliche Wirkung entfalteten diese Motive erst im Zuge der Wiederentdeckung des Nibelungenliedes 1755. Rasch galt das Werk als „deutsche Ilias“ oder als deutsche Alternative zur Artus-Sage und wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts das deutsche Nationalepos. Wenn Politiker des deutschen Kaiserreichs von „Nibelungentreue“ sprachen, wußte jeder, was gemeint war, genau wie jeder sofort die Anspielung auf Siegfrieds Tod verstand, als angesichts der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg von einem „Dolchstoß“ der Heimat gegen das Frontheer gesprochen wurde.

 

Es überrascht daher auch nicht, daß das Nibelungenlied schon relativ früh, nämlich 1924, für das Kino verfilmt wurde. Der Regisseur, Fritz Lang, widmete seinen Stummfilm-Zweiteiler ausdrücklich dem deutschen Volk und wollte mit seinem Film „den Mythos für das 20. Jahrhundert wieder lebendig werden“ lassen. Die Inszenierung entsprach ganz dieser Zielsetzung: keine Psychologisierung, keine bekannten Gesichter unter den Darstellern, eine monumentalische Architektur und eine stilisierte Symbolik. Der Film wurde mit großem Aufwand auf der technischen Höhe der Zeit produziert und war in Deutschland ein außerordentlicher Erfolg.

 

 

Über den hohen künstlerischen Rang des Films herrscht bis heute kein Zweifel. Umstritten ist er dennoch, und zwar aus politischen Gründen. Die Darstellung der Hunnen als unzivilisierte, fast animalische Horde hat ebenso Kritik hervorgerufen wie die Glorifizierung der burgundischen Treue mit ihren tragischen Konsequenzen. Dahinter vermutete man eine nicht nur ästhetische Nähe zum Nationalsozialismus. Ob der Vorwurf stimmt, ist aber mehr als zweifelhaft: Hitler nämlich schätzte nur den ersten Teil des Films mit dem strahlenden Helden Siegfried und seinem Tod durch den verräterischen „Dolchstoß“ Hagens. Die Aufführung des zweiten, wesentlich ambivalenteren Teils, in dem die „Nibelungentreue“ überhaupt erst zum Zentralthema wird, war in der NS-Zeituntersagt, zumal Fritz Lang als „Halbjude“ galt.

 

Dennoch galten der Film und seine literarische Grundlage nach 1945 vielfach als diskreditiert. Anders ist es wohl kaum zu erklären, daß es zwar mehrere Dutzend Artus-Filme gibt, aber neben Fritz Langs Werk nicht mehr als eine Handvoll Nibelungen-Verfilmungen – zwei seien hier kurz vorgestellt –, die zudem nicht annähernd an das Niveau ihres Vorgängers heranreichen.

 

 

Dabei hält sich der ebenfalls zweiteilige Film des Winnetou-Regisseurs Harald Reinl (1966/7) immerhin noch weitgehend an die Handlung des Originals. Allerdings bemühte Reinl sich sehr, keine politischen Angriffsflächen zu bieten. So werden die Hunnen zwar als fremd und orientalisch präsentiert, aber doch als kultiviert, friedlich und den Burgunden zivilisatorisch mindestens ebenbürtig. Mit Hilfe der Figur des im Konflikt „unparteiischen“ Dietrich von Bern wird außerdem jeder positiven Wertung der „Nibelungentreue“ eine klare Absage erteilt: „So geht es Männern“, so Dietrich im Film angesichts der Vernichtung der Burgunden, „die einem Mörder die Treuehalten.“ Künstlerisch ist der Reinl-Film weitgehend anspruchslos und erinnert an die Winnetou-Filme ebenso wie an die „Sandalenfilme“ Hollywoods.

 

Uli Edels „Der Ring der Nibelungen“ (2004) schließlich weist nur noch lose Bezüge zur literarischen Vorlage auf. Das mag zum Teil damit zusammenhängen, daß der Film sich auch an Richard Wagners „Ring“ orientiert, liegt aber im Großen und Ganzen an einem völligen Desinteresse am Stoff. Der ganze zweite Teil der Geschichte wird weggelassen, dafür wird eine Schlußszene eingefügt, in der – in loser Anlehnung an die Fassung bei Wagner – nach Siegfrieds Tod Hagen Gunther tötet, um den Schatz der Nibelungen für sich zu haben. Brunhilde, die Gemahlin Gunthers, tötet daraufhin zuerst Hagen und dann sich selbst. Diese Version, die aus Hagen einen bloßen niederen Schurken macht, hat mit der Vorlage nicht mehr viel zu tun. Es handelt sich bei Edels Film letztlich auch bloß um einen Fantasy-Film, der die Beliebtheit des Genres seit der Verfilmung des „Herrn der Ringe“ nutzen wollte.

 

 

Auch wenn er als Stummfilm von 1924 mit heutigen Sehgewohnheiten kaum mehr vereinbar ist, bleibt daher nach wie vor nur der Fritz-Lang-Film als adäquate filmische Umsetzung des Nibelungenliedes. Umso bedauerlicher ist es, daß bis heute keine deutsche DVD-Fassung des Films existiert und Interessenten auf eine spanische Fassung angewiesen sind, die aber wenigstens auch deutsche Texttafeln anbietet.

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