· 

Sankt Jürgen


von Hartmut Voelkel


„Meine Gedanken gehen die lange Straße hinauf bis zum äußersten Ende, wo das St.-Jürgens-Stift liegt; denn auch unsere Stadt hat ein solches, wie im Norden die meisten Städte von einiger Bedeutung. Das jetzige Haus ist im sechzehnten Jahrhundert von einem unserer Herzöge erbaut und durch den Wohltätigkeitssinn der Bürger allmählich zu einem gewissen Reichtum gediehen, so daß es nun für alte Menschen, die nach der Not des Lebens noch vor der ewigen Ruhe den Frieden suchen, einen gar behaglichen Aufenthaltsort bildet. – Mit der einen Seite streckt es sich an dem St.-Jürgens-Kirchhofentlang, unter dessen mächtigen Linden schon die ersten Reformatoren gepredigt haben; die andere liegt nach dem innern Hofe und einem angrenzenden schmalen Gärtchen, aus dem in meiner Jugendzeit die Pfründnerinnen sich ihr Sträußchen zum sonntäglichen Gottesdienste pflückten. Unter zwei schweren gotischen Giebeln führt ein dunkler Torweg von der Straße her in diesen Hof, von welchem aus man durch eine Reihe von Türen in das Innere des Hauses, zu der geräumigen Kapelle und zu den Zellen der Stiftsleute gelangt.“

 

Diese Sätze stehen am Anfang von Theodor Storms Novelle In St. Jürgen, die zuerst 1867 erschienen ist und deren Hauptschauplatz eben das „Gasthaus zum Ritter St. Jürgen“ seiner Heimatstadt Husum war. Bekannt ist es in Husum bis heute unter der Bezeichnung „Kloster St. Jürgen“, obwohl es sich niemals um ein Kloster gehandelt hat. Vielmehr wurde um 1400 ein Armen- und Krankenhaus als „Gasthaus St. Jürgen“ in der Stadt gegründet, das sich 1440 zum ersten Mal urkundlich erwähnt findet. Nach der Reformation hob man das Franziskanerkloster Husums auf und König Friedrich I. von Dänemark schenkte das leerstehende Gebäude dem Gasthaus. Für vierzig Jahre stand hier dann das Gasthaus, bevor man an seiner Stelle das Schloß vor Husum errichtete. Es wurde in der Folge eine neue Kirche „St. Jürgen“ und für das Gasthaus ein eigenes Gebäude gebaut. Beim Umzug nahm man die Bezeichnung „Kloster“ mit, obwohl es niemals Mönche oder einen Klosterbetrieb gab. Vielmehr erfüllte das Gasthaus auch in den folgenden Jahrhunderten seine Funktion als soziale Einrichtung. Seit dem Ende des 18.Jahrhunderts diente es praktisch nur noch als Altenheim, 1878 brach man das baufällig gewordene Vorderhaus ab und errichtete ein neugotisches, das heute noch an der Stelle steht. Zwanzig Jahre später wurde auch die Kirche einer gründlichen Renovierung unterzogen, deren äußere Gestalt aber erhalten blieb.

 

 

Storm wies ganz zu recht darauf hin, daß solche Einrichtungen wie das Gasthaus St. Jürgen „im Norden die meisten Städte von einiger Bedeutung“ hatten, nämlich Kirchen und kirchliche Einrichtungen, etwa Kliniken, Stifte oder Heime, die nach dem Heiligen Georg, also norddeutsch: „Sankt Jürgen“, benannt wurden. Daran erinnern bis heute die Bezeichnungen von Stadtteilen (Lübeck, Flensburg, Schleswig, Lilienthal im Landkreis Osterholz), Gotteshäusern (Belum-Kehdingbruch bei Cuxhaven, Hamburg, Lilienthal, Starkow) oder Friedhöfen (Husum, Kiel, Lübeck). Das sind aber nur klägliche Überreste jener Georgs-Verehrung, die im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit in Norddeutschland, Skandinavien und dem Baltikum verbreitet war. Obwohl sich die Forschung bis dato in erster Linie auf Entstehung und Entwicklung dieses Heiligenkultes im Süden und Westen konzentriert hat, ist zu betonen, daß sich auf dem Gebiet des heutigen Schleswig-Holstein, des nördlichen Niedersachsen, in Teilen von Mecklenburg-Vorpommern sowie in den Stadtstaaten Hamburg und Bremen zahlreiche eindrucksvolle Belege dafür finden lassen, mit welcher Intensität sich die Menschen damals dem Heiligen Georg zuwandten.

 

 

Es spricht vieles dafür, daß dafür vor allem die Stellung Georgs unter den Nothelfern den Ausschlag gab: daher war ihm das Gasthaus in Husum geweiht, und dasselbe gilt für entsprechende Institutionen in den übrigen norddeutschen Städten, etwa die bis heute unter diesem Namen bestehenden Krankenhäuser (in Bremen, Bad Oldesloe). Bezeichnend für den Aspekt der Volkstümlichkeit ist auch, daß Heide als einer der Hauptorte der Dithmarscher „Bauernrepublik“ Sankt Georg im Siegel (und später im Wappen) führte, oder die Naivität, mit der die Figur von einem anonymen Holzkünstler Mitte des 15. Jahrhunderts aufgefaßt wurde, die im Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum Schloß Gottorf zu sehen ist, oder die Zähigkeit der alten Vorstellungen, die sich trotz der Reformation erhielten, was man noch ablesen kann an einer wertvollen Messingschale mit dem Bild des Drachentöters, die am Ende des 16. Jahrhunderts einem Brautpaar geschenkt wurde.

 

Zu dem Zeitpunkt war der Georgskult aber schon in Verfall geraten, und nichts mehr zu spüren von dem Aufschwung, den er kurz vor dem Durchbruch der neuen Lehre im Norden erfahren hatte. Denn aus der Zeit um 1500 sind mehrere monumentale Darstellungen mit berittenem Georg, Drachen und Jungfrau bekannt und teilweise erhalten geblieben, so die wunderbare Arbeit Bernt Notkes, auf die gesondert eingegangen wird, eine sehr eindrucksvolle des Henning von der Heide, die man auf 1504 / 1505 datiert und die heute im St. Annen-Museum zu Lübeck ausgestellt ist, eine ähnlich qualitätsvolle Plastik des Hans Brüggemann, die ursprünglich in Alt-Sankt-Marien zu Husum stand, sich aber heute im Nationalmuseum Kopenhagen findet, und eine ausdrucksvolle, aber leider stark beschädigte Figurengruppe, deren Schöpfer wir nicht kennen, in Schloß Gottorf.

 

 

Aufschlußreich ist auch, daß diese Darstellungen kaum als volkstümlich zu bezeichnen sind. Das gilt vor allem für das Werk Henning von der Heides. Hier erscheint Georg wieder ganz als aristokratischer Krieger, die Prinzessin als – wenngleich verzweifelte - Dame von Welt. Dasselbe wird man in bezug auf einen Altaraufsatz sagen können, den Brüggemann zwischen 1512 und 1517, fast zeitgleich mit seiner berühmtesten Arbeit, dem Bordesholmer Altar im Dom zu Schleswig, geschaffen hat. Zwar zeigte der Altar auch die Vierzehn Nothelfer, aber der - nachträglich farbig gefaßte – Georg erscheint wie ein Hofmann neben einer Dame, in eleganter Haltung, den besiegten Drachen mit fast spielerischer Geste niedertretend.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0