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Drachen bei Tolkien II


von Benjamin Hasselhorn


In der Sammlung fantastischer Tolkien-Geschichten außerhalb von Mittelerde, die 2011 unter dem Titel „Geschichten aus dem gefährlichen Königreich“ veröffentlicht wurden, befindet sich auch eine Geschichte, die Tolkien für seinen Sohn schrieb, als dessen Lieblingsspielzeug verloren ging. In gewisser Weise ist die Geschichte eine typische Gute-Nacht-Geschichte, der man anmerkt, dass sie beim Erzählen erfunden und weitergesponnen wurde. Die Hauptfigur ist ein kleiner Hund namens „Rover“ bzw. „Roverandom“ (so auch der Titel der Geschichte), der von einem Zauberer in ein Spielzeug verwandelt wird.

 

Im Verlauf der Erzählung wird Roverandom an einen Jungen verkauft, der ihn als Spielzeug ins Herz schließt. Dennoch gelingt dem Hund die Flucht, und mit Hilfe eines anderen Zauberers erlebt er allerhand Abenteuer, zuerst auf dem Mond, dann auf dem Meeresgrund. Am Ende geht aber alles gut aus: Roverandom wird zurückverwandelt und kehrt als echter Hund zu dem Jungen zurück, dessen Großmutter er von Anfang an gehört hatte.

 

Die Geschichte ist mit ihren plötzlichen Sprüngen und ihrem improvisierten Charakter äußerst unterhaltsam. Für unseren Zusammenhang ist besonders interessant, daß zwei Drachen in ihr eine Rolle spielen. Der erste, der „Große Weiße Drachen“, lebt auf dem Mond als Widersacher des Mannes im Mond und ist unter anderem für Mondfinsternisse zuständig. Tolkien hat sich diesen Drachen aber nicht einfach ausgedacht, sondern identifiziert ihn mit dem Weißen Drachen aus einer Prophezeiung Merlins: In der dem walisischen Mönch Nennius zugeschriebenen „Historia Brittonum“ (9. Jahrhundert n. Chr.) wird Merlin erwähnt, der als Knabe den Kampf eines roten mit einem weißen Drachen voraussagt. Es handelt sich dabei um eine Metapher, in der der rote Drachen für die Britannier, der weiße für die Sachsen steht. Das Verhältnis des Tolkienschen Großen Weißen Drachens zu den Sachsen ist aber kein ungetrübtes, denn er hat sich nach der Zeit des Königs Artus auf den Mond zurückgezogen, „als Drachenschwänze von den sächsischen Königen als große Delikatesse geschätzt wurden.“

 

Der zweite Drachen in „Roverandom“ befindet sich auf dem Meeresgrund und ist eigentlich eine Meeresschlange. Sie ist uralt und so groß, daß manche meinen, sie erstrecke sich von einem Ende der Welt bis zum anderen. Normalerweise liegt sie in tiefem Schlaf, und jede ihrer Bewegungen verursacht einen Meeressturm. Wegen einer Unachtsamkeit Roverandoms wird die Schlange aufgeweckt und wirbelt den gesamten Meeresgrund durcheinander. Glücklicherweise schläft sie danach aber wieder ein. Tolkien spielt hier mit einem Motiv der Religionsgeschichte. Es existieren zahlreiche Mythen, in denen die Welt dadurch geschaffen wird, dass ein Gott den (Chaos-)Drachen tötet. Auch in der Bibel gibt es entsprechende Vorstellungen: der Leviathan ist dort ausdrücklich ein Meeresungeheuer, dessen Bezwingung durch Gott die Ordnung der Schöpfung ermöglicht (vgl. z.B. Psalm 74,13).

 

An „Roverandom“ zeigt sich so sehr eindrücklich, wie sehr sich Tolkien in der abendländischen Tradition auskannte. Auch wenn er eine Gute-Nacht-Geschichte für seine Kinder improvisierte, spielte er mit traditionellen Drachen-Motiven, die ihm offenbar sehr präsent waren.

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