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Sankt Michael im Werk des Malers Franz Stassen


von Hartmut Voelkel


Franz Stassen (1869-1949) gehörte ohne Zweifel zu den erfolg- und einflußreichsten Illustratoren der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Neben Hugo Höppener – Fidus –, Sascha Schneider und Ludwig Fahrenkrog zählte er außerdem zu einer Gruppe von Künstlern, die sehr stark weltanschaulich ausgerichtet war. Stassen, Fidus, Schneider und Fahrenkrog waren gleichermaßen durch Ideen der Lebensreform wie des „Bayreuther Kreises“, der das Erbe Richard Wagners wahrte, beeinflußt. Kunst verstanden sie nicht als Selbstzweck, sondern als „Dienst“, den sie der inneren Erneuerung Deutschlands schuldeten.

 

Während Fidus oder Schneider vor allem auf die Frei-Körper-Kultur- und Jugendbewegung wirkten und Fahrenkrog durch die Gründung der „Germanischen Glaubens-Gemeinschaft“ einen Sonderweg einschlug, strebte Stassen eindeutiger in den Bereich des Etablierten. Man kann ihn ohne Vorbehalt zu den anerkannten Künstlern des Wilhelminismus rechnen. Im Lauf der Zeit hat er eine ganze Reihe großformatiger Ölgemäldegeschaffen und mehr als einhundert Bücher illustriert; seine Popularität verdankte er nicht zuletzt der Tatsache, daß er Kinderbücher gestaltete, ein Sammelbilderalbum der Firma Stollwerk (No. 10 „Helden“, 1908) und für zahlreiche Persönlichkeiten Exlibris entwarf.

 

 

Dabei hatte Stassen im Lauf der Zeit seinen Naturalismus aufgegeben zu Gunsten einer stärkeren Stilisierung der Figuren, die ganz deutlich durch den Jugendstil beeinflußt war. Seine Figuren zeigten praktisch immer einen allegorischen Bezug und waren mit ihren Attributen eher an klassischen Konzepten, kaum an der historischen Tatsächlichkeit orientiert. Auffallend war auch im Fall der Gemälde ein stark zeichnerischer Charakter seines Werks und die Tendenz zur Streckung und Verschlankung der positiv hervorgehobenen Typen, die wie bei Fidus einem „nordischen“ Ideal entsprachen, das mit der Realität selbst immer weniger Ähnlichkeit hatte.

 

Das hier wirksame ideologische Anliegen Stassens kam allerdings erst in seiner Verbindung mit dem Bayreuther Kreis wirklich zur Geltung, den er relativ spät – 1908 – aufnahm. Dort war er durch seine Mappenwerke zu Wagners Opern Rheingold sowie Der Ring des Nibelungen bekannt. Jetzt kam noch das Interesse Stassens für Wagners Vorstellung von der notwendigen Verschmelzung des Christentums und der germanischen Überlieferung hinzu. In diesen Kontext gehörte nicht nur die persönliche Beziehung Stassens zu Wagners Sohn Siegfried, sondern auch die enge Zusammenarbeit mit Hans von Wolzogen, der zu den führenden Köpfen der Bayreuther gehörte und dessen Nacherzählungen von Edda (1919) und der Beowulf- wie der Gudrun-Sage (1920) er gestaltete, für den er aber auch den Band Ein feste Burg ist unser Gott (1916) mit Federzeichnungen versah.

 

 

Dieses „Andachtsbuch für das deutsche Haus“ gehörte zu den im Ersten Weltkrieg verstärkten Bemühungen um die Organisation der „deutsch-christlichen“ Strömungen. Stassen stand dieser Tendenz nahe, ohne daß ihn das gehindert hätte, im Auftrag der schlesischen Kirchenprovinz die künstlerische Ausstattung des Gesangbuchs (1916) zu übernehmen. Die naive Selbstverständlichkeit, mit der er meinte, daß - bei Ausscheidung des Alten Testaments – eine „deutsche Frömmigkeit“ möglich sei, die die „Heilandsbotschaft“ im Kern bewahrte und sich mit den eigenen heidnischen Traditionen verschmelzen ließ, hat sich auch später nicht verloren, und erklärt den Enthusiasmus, mit dem Stassen schon vor 1933 in Hitler den „deutschen Messias“ erwartete, genauso wie seine Beteiligung an der „Glaubensbewegung Deutsche Christen“, für die er ein weiteres Andachtsbuch gestaltete, das unter dem Titel „Deutscher Glaube“ (1933) erschien.

 

Bemerkenswerter Weise spielte die Figur des Drachentöters und Schutzpatrons St. Michael in diesen Werken keine Rolle. Auch im Schlesischen Provinzial-Gesangbuch tauchte er nicht auf, so wenig wie in den beiden deutsch-christlichen Andachtsbüchern. Offenbar hat die Figur nur während des Ersten Weltkriegs eine wichtigere Rolle für Stassen gespielt, da allerdings zu sehr verbreiteten Darstellungen beigetragen. Das gilt zum einen für die außerordentlich populäre Werbemarke des „Vereins für das Deutschtum im Ausland“, die einen gerüsteten Michael, bewaffnet mit einem Dreizack (vielleicht um die angestrebte Herrschaft über die Meere zu symbolisieren) zeigt, im Angriffsflug mit dem deutschen – einköpfigen – und dem österreichischen – zweiköpfigen – Adler.

 

 

Während es sich hier um ein Motiv in Schwarz-Weiß handelte, das noch um das Rot zur Kombination der Reichsfarben ergänzt wurde, tauchte Michael bei Stassen sonst in zweigroßen Ölbildern auf, die während des Krieges für Postkarten reproduziert wurden. Das erste zeigte einen übergroßen, schwer gerüsteten Michael mit einemphantastischen Helm, der an der Spitze eines zwergenhaft wirkenden deutschen Heeres das geflammte Schwert aus der Scheide zieht; der Bildaufbau und die Art der Präsentation erinnert stark an die zeitgleich entstandene Darstellung der Germania von Friedrich Kaulbach. Es gibt aber außerdem einen klaren Bezug zu den Illustrationen, die Stassen für das zweibändige Werk Die deutschen Befreiungskriege (1913) geschaffen hatte; das gilt allerdings nur unter formalen Gesichtspunkten, da die Figur Michaels keine Rolle spielte (allerdings die des Heiligen Georgs an einer Stelle).

 

Weiter zu nennen ist dann die Darstellung Michaels als Schutzpatron des deutschen wie desösterreichischen Kaisers mit dem Titel „Unser Bund“, die Franz Joseph I. im Ornat, Wilhelm II. in Uniform zeigte, die sich die Hand zum Schwur reichten, der durch den Erzengel mit dem blanken Schwert bekräftigt wurde. Bemerkenswerter Weise reckte Michael in der linken Hand eine Waage empor, ein wichtiges traditionelles Motiv, das sich auf die Funktion des Engels beim Endgericht bezieht. Dieselbe Kombination hat Stassen noch einmal nach dem Ende des Krieges verwendet, auf der Urkunde, die er für die Verleihung der sogenannten „Ehrendenkmünze“ an Kriegsteilnehmer entworfen hatte. Stärker als auf den Gemälden erscheint Michael hier wie ein Bruder jenes Siegfried, den Stassen bei der Verarbeitung der Wagnermotive gezeigt hatte, mit lockigem hellem Haar, in einem antikisierenden Brustpanzer (darauf das Eiserne Kreuz), in der Rechten das Schwert mit der Aufschrift „Gerechtigkeit“, die Linke lässig auf einen Schild gestützt, über den „Wahrheit“ geschrieben steht, in der Hand wiederum die Waage.

 

 

Stassens Darstellungen Michaels waren ohne Zweifel konventionell, aber deshalb auch typisch. Sie entsprachen den Erwartungen der Betrachter und dem Konzept des „Nationalheiligen“, wie man es während der Wilhelminischen Ära zu etablieren suchte. Interessant ist allerdings, daß er Michael nie als Drachentöter abbildete, sondern immer nur in seiner Funktion als Schutzpatron der Deutschen. Darüber hinaus scheint die Bedeutung für ihn – anders als die der Germania, die er wesentlich häufiger gemalt und gezeichnet hatte – kaum eine Rolle gespielt zu haben. Das wird auch daran deutlich, daß Stassen, obwohl sein Bildprogramm in der Folgezeit sonst kaum Veränderungen durchlief, das Motiv Michaels nicht wieder aufgenommen hat.

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