· 

Sankt Georg in Deutschland


von Wolfgang Fritz Volbach


Bei dem nachstehenden Text handelt es sich um den ersten Teil des Buches Der Hlg. Georg. Bildliche Darstellung in Süddeutschland mit Berücksichtigung der norddeutschen Typen bis zur Renaissance von Wolfgang Fritz Volbach (Straßburg 1917). Volbach wurde zu diesem Thema promoviert und eine erweiterte Fassungseiner Doktorarbeit dann als 199. Heft der Studien zur deutschen Kunstgeschichte vorlegen können.

 

 

1. AUSBREITUNG DES GEORGSKULTS IN DEUTSCHLAND.

 

Kaum ein Heiliger findet sich im späteren Mittelalter in Deutschland, der eine so reiche und volkstümliche Verehrung genießt, wie der hl. Georg.

Bei flüchtiger Betrachtung erscheint er als eine der hei­ligen Gestalten, die aus dem Wesen des deutschen Volks­charakters heraus gleichsam gehören werden, und deren letz­ten Ursprung man gerne bis in die frühe Zeit des Heidentums zurückführen möchte, wie Michael „der starke Held“, der Rit­ter Sankt Martinus, Gangolf u. a. m. Das ist jedoch keines­wegs bei dem hl. Georg der Fall; bis zum 11. Jahrhundert erscheint er nur als Gast, „als Wanderheiliger im germani­schen Lande“ (K. A. Bernoulli). Vom 6. Jahrhundert ankann man in den merovingischen Landen das Eindringen seines Kultes beobach­ten. Die Könige führen ihren Stammbaum auf einen Sohn des Heiligen zurück. Verschiedene Kirchen werden zu seinen Ehren gegründet. Von einer allgemeinen Verbreitung der Verehrung des Heiligen kann jedoch um diese Zeit noch keine Rede sein. Erst viel später, zu Heinrich II. Zeit, beginnt der eigentliche Georgskult, gestützt auf eine Reihe von Kirchen- und Klostergründungen unter Georgs Patronat. Darum ist auch vor dieser Zeit eine spezielle Ausbildung seiner Legende nicht zu erwarten.

 

 

Unter den Ottonen, besonders Otto II., waren die Beziehungen zu Byzanz immer engere geworden. Eine neue Renaissance des klassischen Altertums hebt an. Ein Strom von neuen Gestalten und neuer Literatur ergießt sich dem Norden zu. Von dort kommt auch die Befruchtung des Georgskults. Darauf deutet u, a., daß wir in dieser Zeit in Deutsch­land die Georgslegende in der griechischen Fassung finden.

 

Als Tag für das Kirchenfest des Heiligen bürgert sich langsam der 23. April ein. Im Martyriologium Hieronymianum (ca. 800) ist diese Fixierung noch keine feste. Erst im 10. und 11. Jahrhundert erscheint das Datum des 23. April allgemein für das Heiligenfest festzustehen. Der 23. April gilt nun aber zugleich als Tag des Sommeranfangs. Ob diese Uebereinstimmung auf symbolische Beziehungen zu Georg, dem Schutzpatron der Bauern (ho georgos = der Landmann) hinweist, lasse ich dahingestellt.

 

Ueber die Legende des Heiligen bringt die 1911 erschie­nene Arbeit von Krumbacher fast vollständige Klarheit. Er verzichtet zwar darauf, zu untersuchen, ob wir in Georg eine historische Persönlichkeit vor uns haben, hält jedoch die Möglichkeit offen, daß die Legende in letzter Linie doch auf eine solche zurückzuführen sei und vermutet die älteste Fassung der Legende in einem alten griechischen Volksbuch des 4. Jahrhunderts. Einzelne Teile dieses Werkes finden sich auch in dem von Detlefsen publizierten Wiener Palimpsest. Die hier bereits erzählten Marter und Wunder sollen unter einemsagenhaften König Dadian stattgefunden haben. Die Le­gende ist überwuchert von einer Fülle, mit echt orientalischer Fantasie dargestellter Elemente. Sogar Szenen anstößigen In­haltes finden sich, wie der Besuch bei einer Witwe, oder die Uebernachtung bei der Kaiserin. Eine andere Redaktion der Legende weiß sogar von einer unehelichen Geburt unseres Heiligen zu berichten. Es ist darum nicht erstaunlich, daß Papst Gelasius verschiedene Teile der Legende als apokryph bezeichnet und 494 durch das decretum Gelasianum aus­scheidet. Seitdem erscheint die Legende in neuer Fassung.

 

An Stelle des sagenhaften Königs Dadian tritt jetzt der historische Diocletian. Damit wird das Leben des Heiligen in die Regierungszeit dieses Kaisers verlegt. In der neuen Fassung der Legende findet auch die Jugendgeschichte des Heili­gen, die später allerdings wieder verschwindet, besondere Beachtung. Im Großen und Ganzen bleibt aber diese neue Ausbildung bis ins 12. Jahrhundert bestehen, bis zum Erschei­nen der Legenda aurea des Jac. de Voragine. Bei diesem erst erfahren wir von dem Wunder, welches von da an als das gefeiertste gilt, und welches die bildliche Darstellung vollständig beherrscht: dem Wunder des Drachenkampfes. In keiner der älteren Darstellungen findet sich eine Andeutung davon. Zwar erscheint Georg auch dort als Krieger und Ritter, wie wir das bei einem seiner drei Wunder sehen.

 

Daß die neue gelasianische Fassung der Legende den Zusammenhang mit der alten, unter Dadian spielenden, nicht ganz aufgibt, zeigt sowohl die Beibehaltung der anstößigen Szene der Hinrichtung der Kaiserin, als auch besonders der zahlreichen Martern, die Georg erleidet. Erst gegen 600 wird man maßvoller in der Aufzählung letzterer und beschränkt sie auf eine kleinere Zahl. Allerdings werden auch wieder neue Martern dazu erfunden, so die Durchbohrung Georgs mit einem Speer. Diese „kanonische Redaktion“ der Legende, wie sie Kirpicnikow nennt, bildet den Grundstein für alle weiteren Bearbeitungen, die nun in allen Ländern in mehr oder minder freier Formauftreten. Es würde zu weit führen, diese ver­schiedenen Fassungen der Legende im einzelnen in den Rah­men unserer Untersuchung einzubeziehen; ich beschränke mich vielmehr auf die Aufzählung der wichtigsten, immer wie­derkehrenden und charakteristischen Momente der Martern und Wunder. Unter den Martern ragen folgende hervor: 1. Der Kaiser Diocletian will Georg, den Sohn christlicher Eltern aus Kappadocien, von seinem Glauben abspenstig machen. Da ihm dies nicht gelingt, wird Georg mit einer Lanze durch­bohrt, nachdem man ihn vorher an einem Martergerüst auf­gehängt hatte. 2. Durch einen aufgelegten, schweren Stein wird Georg im Kerker gequält. 3. Er wird gerädert. 4. Die Kaiserin Alexandra bekennt sich, durch Georgs Glaubensmut begeistert, zum Christentum, worauf der Heilige in eine Grube mit ungelöschtem Kalk geworfen wird. Von den Wundern nenne ich: 1. Georg, dem der Henker glühende Schuhe ange­zogen, erweckt einen Toten. 2. Er bekehrt viele Heiden. 3. Der Stier des bekehrten Glykerios wird von Georg wieder zum Leben gebracht. 4. Der Heilige zerstört die Götzenbilder. Daraufhin erfolgt sein Tod durch Enthaupten an der Leiche der schon vorherhingerichteten Kaiserin. Die schlimmsten Uebertreibungen der älteren Legende sind hier verschwunden. Wie zähe jedoch die Ueberlieferung an den älteren, apokryphen Sagen der Legende auch jetzt noch festhält, sehen wir aus einem Gedichte des Venantius Fortunatus (6. Jahrhundert) auf die Mainzer Georgskirche, und einem Georgslied aus dem 10. Jahrhundert, den besten Zeugnissen für die Bedeutung Georgs und seiner Verehrung in Deutschland um diese Zeit. Sonst finden wir in deutschen Quellen nur kurze Notizen über Georgs-Kirchen oder über Reliquien des Heiligen, Von letzte­ren spricht Abt Fulrad von St. Denis (777) in seinem Testa­mente. Er erwähnt hier Adalongo „ubiJorius requiescit“. Bei der Bestätigung der Urkunde durch König Ludwig in Regensburg erfahren wir nichts näheres darüber, ob Fulrad an den wirklichen Leichnam Georgs oder nur einzelne Partikel desselben denkt. Wahrscheinlich ist das letztere der Fall, denn in den Annales Stadenses (ca. 1150) hören wir, daß man Diospolis für den Begräbnisplatz des Heiligen hielt. Außerdem erbittet sich ja auch Hatto III., der Abt des Reichenauer Georgsklosters (ca. 890) das Haupt des Heiligen, das unter Papst Zacharias nach Rom gekommen war.

 

Schon damals scheint ein großer Mißbrauch mit Georgsreliquien getrieben worden zu sein; denn in den Annalen des Prudentius Trecens (858)hören wir, daß ein Mönch, aus Cordova zurückkehrend, den Körper des Märtyrers mitnahm und nach Admont brachte.

 

 

Die Reliquien wurden in den, dem Heiligen geweihten Altar eingeschlossen; so 974 in Halberstadt. Das Vorhan­densein aber eines eigenen Weihaltares bedingt zugleich eine eigene Meßliturgie. Eine solche war um diese Zeit nachweis­lich nicht nur vorhanden, sondern auch offenbar in Deutsch­land sehr verbreitet. Für die Beliebtheit des Georgskults spre­chen ferner die vielen Georgskirchen dieser Zeit, so in Wie­senbach in Schwaben (764), auf der Reichenau (ca. 890), in Villa teurino bei Speyer, in Prag (ca. 980). Gerade letz­tere Stadt wird für die Ausbildung des Georgskults nach den benachbarten Ländern in der Folgezeit von der größten Be­deutung. Für den Rhein nimmt Limburg a. d. Lahn diese Stellung als eine der wichtigsten Kultzentren ein.

 

Neben diese Städte tritt bald eine Reihe anderer, so daß wir um die Wende des ersten Jahrtausends von einem ausgebreiteten Georgskult in Deutschland sprechen können. Dieses mäch­tige Anwachsen der Verehrung und der Verehrungsstätten Georgs ist nicht zum wenigsten dem Kaiser Heinrich II. und seinem Einfluß zu verdanken. Er war es, der dem Heiligen in Bamberg eine prächtige Kirche stiftete. Woher seine Vor­liebe für den hl. Georg, den Megalomartyr des byzantinischen Reiches stammt, ist unbekannt. Vielleicht läßt sie sich aus den nahen Beziehungen Heinrichs zu Ostrom erklären. Seine Verehrung des Heiligen bringt er durch Schenkungen „ad ho­norem S. Georgii“ zum Ausdruck. In seinem Siege sieht der Kaiser den Lohn des Heiligen für seine Treue und in der Vorstellung der Zeitgenossen leitet St. Georg den Kaiser nach seinem Tode mit Maria zugleich vor Gottes Thron.

 

Zahlreiche Kirchengründungen folgen. So entsteht in Tirol eine Georgskirche in Lana bei Meran (1098), im Sehwarz­wald schon einige Jahre früher das Kloster St. Georgen. In den meisten Stadien Schwabens hatte St. Georgen seine Be­sitzungen, und so kommt es, daß dieses Kloster eine bedeu­tende Rolle für die Ausbreitung des Georgskultes in Schwaben übernahm. Von weiteren Kirchengründungen zu Ehren des hl. Georg nenne ich u. a. noch Constanz (1108), Mergentheim (1274), Niederlana bei Völlan (1143), Ochsenhausen (1272). Wenn auch manche dieser Kirchen verschwunden und viele neue dazu gekommen sind, so können wir doch hier bis ins 12. und 13. Jahrhundert hinauf die Einbürgerung und Pflege der Georgs-Verehrung verfolgen. In diese Zeit reichen auch die Wurzeln der Georgskongregationen. In Köln wird eine solche schon 1077 erwähnt.

 

2. AUSBILDUNG DES DRACHENKAMPFES.

 

Alle Versuche vor den Kreuzzügen, etwa vor 1230, in Deutschland Georg als Drachentöter sowohl in der Legende als in der Kunst nachzuweisen, sind vergeblich gewesen. Riehl versucht den Ritter zu Pferd auf dem Ambo Heinrichs II. in Aachen ( 4. / 5. Jahrh.) für unseren Heiligen auszugeben, was aber alle späteren Forscher mit Recht zurückweisen.

 

Die hellenistisch-alexandrinische Kunst, aus deren Gedankenkreis auch die Aachener Kanzel entstanden sind, liebt es allegorisch die Ueberwindung des Bösen durch einen Sieg über ein Untier darzustellen. So ließ sich auch Constantin als Drachenüberwinder feiern. In der koptisch-christlichen Kunst kann dann jeder Heilige vom 4. Jahrhundert an als Drachentöter verherrlicht werden. Der Drache wird zum Symbol des Heidentums, er ist der Teufel, der Feind des Christentums. Als solcher erscheint er bereits in der Apokalypse. Die byzantinische Kunst nimmt dann den drachenbekämpfenden Heiligen auch in ihre Ikonographie auf. Die Frage nach der Persönlichkeit der Reiterheiligen auf ger­manischen Werken der Völkerwanderungszeit, besonders auf Scheibenfibeln, ist noch ungelöst.

 

Wie die Darstellungen, so lassen auch die Legenden vor dem 12. Jahrhundert erkennen, daß Georg noch nicht zum Jungfrauenbefreier geworden ist. Bildliche Kampfdarstellungen Georgs mit dem als wirk­lichen Teufel dargestellten Ungeheuer sind kaum anzutreffen. Mir ist nur ein Beispiel bekannt, die Miniatur einer Handschrift vom Jahre 1436, auf welcher der Heilige im Begriffe steht, den davonfliegenden, drachenförmigen Teufel in den Höllenrachen zu stürzen.

 

Das Dunkel, welches über der Entstehung der Drachenkampflegende ruht, hat zu mannigfachen Hypothesen verleitet. Einige suchen den Ursprung dieser Sage im altarischen My­thus; andere wollen Georg zum ägyptischen Horus in Be­ziehung setzen; wieder andere weisen auf seine Aehnlichkeit mit dem persischen Mithras hin. Wenn wir auch wissen, daß der Mithraskult im 4.Jahrhundert noch lebendig war, — ver­legte doch um diese Zeit (354) der Papst Liberius das christ­liche Weihnachtsfest auf den 25. Dezember, den Geburtstag Mithras, des „sol invictus“, — so ist doch kaum anzuneh­men, daß diese Tradition so stark gewesen sei, daß sie nach jahrhundertelanger Vergessenheit plötzlich im 12. Jahrhundert von neuem lebendig geworden sei. Denn erst um diese Zeit erscheint mit einem Male der drachenbekämpfende Georg. Auch der Umstand, daß Mithras einmal als georgios, als Landmann, bezeichnet wird, wie Georg, besagt nichts. Viel höhere Be­deutung und Wahrscheinlichkeit besitzt diesen Erklärungen gegenüber die Ableitung des Drachenkampfes von alten orien­talisch-griechischen Sagen. Vielleicht ist es der Georgslegende ebenso ergangen wie so vielen anderen, die durch Umbildung einer antiken Sage ihre Gestalt erhalten haben. Wie wir Hero und Leander in der deutschen Sage von den beiden Königskindern, im Tannhäuser gar den alten Odysseus wieder erkennen, so hat auch die Sage von Georg dem Drachentöter und Jung­frauenbefreier die meisten Züge von Perseus geborgt, der ebenfalls auszog den Drachen zu bestehen und Andromeda zu befreien.

 

Interessanterweise liegt auch der Schauplatz der Georgslegende —Joppe — dem des Perseusmythos nahe. Ferner ist Diospolis bei Tarsos, die älteste Kultstätte Georgs, auch nach mohammedanischer Anschauung der Aufenthaltsort des Perseus. Die Kreuzfahrer erheben Georg, der ja als Siegesspen­der angesehen wurde, wie wir aus einer Inschrift in Zorara (515) erfahren, zu ihrem besonderen Patron und vermengen nun besonders, wohl durch die Drachenkampfdarstellungen bewogen, den Perseusmythos mit den Lebensschicksalen ihres Heiligen; denn nach den Kreuzzügen tritt erst die Jungfrauen­befreiung nach vorhergehendem Kampfe in den Legenden auf.

 

Georg bewährt sich sofort als Beschützer der Kreuzfahrerdurch Wundertaten.

 

Interessant ist, daß bei der Beschreibung seiner Person schon die hauptikonographischen Merkmale, Schimmel und rotes Kreuz feststehen; hat er doch bei der Eroberung von Jerusalem, dessen Mauern er als erster ersteigt, sein Kreuz­banner in der Hand. Wäre es wirklich nachzuweisen, daß die Kreuzfahrer sich vor Damaskus den Stein zeigen ließen, von dem aus Georg sich, als er in den Kampf mit dem Drachen zog, auf sein Roß schwang, so könnten wir daraus schließen, daß um diese Zeit das Drachenwunder schon jenen bekannt gewesen. Neben den Sagen und Legenden bringen die Kreuzfahrer auch eine Menge von Reliquien mit in die Hei­mat, die dann wiederum zu einer Reihe von Wundererzäh­lungen Veranlassung geben. Die bildende Kunst, nimmt jedoch von diesen keine Notiz. Der Heilige bleibt von nun an das ganze Mittelalter hindurch der Vorkämpfer gegen den „moham­medanischen Trach“.

 

Als Kreuzzugsgelübde soll 1244 der Turm mit einem heiligen Ritter in Freiburggebaut sein. Nach den Kreuzzügen hat der Kult völlig feste Formen angenom­men. Georg erscheint immer mehr als besonderer Schutzheili­ger der Krieger. Schon1201 entsteht zu Alfana in Spanien der erste Ritterorden vom hl. Georg, eine Einrichtung, die nachher von der größten Bedeutung wird. Im deutschen Heere ist dem Heiligen eine besondere Abteilung geweiht. Es gab sogar eine Heeresfahne mit dem Bilde Georgs, die von Heinrich II. gestiftet sein soll. Eine Abbildung hat sich auf einer Miniatur erhalten. Man erkennt, auf dem Vexillum nur die rohen Umrisse des Drachenkampfes. Die Drachenlegende bürgert sich nicht gleichzeitig überall ein. Das Gedicht Reinbots von Dürne, „Der heilige Georg“, ca. 1250 entstanden, kennt sie noch nicht. Auch die bildende Kunst stellt noch lange den Heiligen in der hergebrachten Weise ohne das Attribut des Drachens dar.

 

Die älteste schriftliche Niederlegung des Drachenwunders findet sich im Cod. lat. Monacensis 14473 (a. 1282). Gerade diese erste Fassung weist wie keine andere auf die Ver­wandtschaft mit dem heidnischen Perseus hin; die Aehnlichkeit beider Gestalten ist eine überraschende. Als Ort des Drachenkampfes wird hier Lasia genannt. Auf diesen Text geht die für das ganze folgende Mittelalter maßgebende Fas­sung der Georgslegende in der Aurea legenda des Jac. de Voragine zurück, die fast kanonische Bedeutung erhält und allen weiteren Darstellungen zu Grunde liegt.

 

Neben manchem, was an die Wunder und Martyrien des Diocletiantypus erinnert und sich anlehnt, stellt sie auch eine Reihe neuer Züge, die das Bild des Heiligen vervollständigen, dar. Die Wichtigkeit, die dieses Buch für die bildende Kunst erlangt, steht einzig da. Bildhauer und Maler erzählen in ihrer Sprache genau nach, was der Dichter ihnen vorerzählt hat. Besonders der Drachenkampf Georgs, der im Mittelpunkte der Legende steht, geht in den bildlichen Darstellungen auf die Aurea legenda zurück. Die Grundzüge der Erzählung sind folgende : Der hl. Georg, Tribun aus Cappadocien, kommt nach Silena in Libyen. Nahe bei der Stadt befindet sich ein Sumpf und in diesem haust ein wilder Drache. Um ihn zu besänftigen, daß er Stadt und Menschen schone, mußten ihm als Tribut Schafe geopfert wer­den. Doch bei der Gier des Ungeheuers nach immer neuen Opfern trat bald Mangel an Schlachttieren ein. In der Not wußte man keinen anderen Rat, als das fehlende Opfer­lamm durch einen Menschen zu ersetzen. Dieser sollte durch das Los bestimmt werden. So geschieht es. Doch bald trifft das Los die Tochter des Königs. Ihr Vater will sie zurück­halten; aber nach acht Tagen muß er dem Drängen seines Volkes nachgeben und die Tochter dem Drachen ausliefern. Sie trifft nun der hl. Georg dort weinend an. Er beschließt sie zu befreien; doch die Prinzessin selbst will ihn davon ab­halten. Georg aber läßt sich nicht bewegen, stürmisch reitet er gegen den Drachen. Mit kräftigem Lanzenstoß bringt er ihm eine Wunde bei, die ihn kampfunfähig macht. Die Prinzessin löst nun ihren Gürtel und schlingt ihn um den Hals des noch lebenden Ungeheuers. An diesem leitet sie, neben Georg dahinschreitend, den Drachen zur Stadt. Beim Anblick des Tieres eilt alles in wilder Flucht davon, um sich zu retten. Erst auf die beruhigenden Worte des Ritters hin gewinnen die Leute Vertrauen. Zum Schlusse lassen sich alle mitsamt dem König taufen. Darauf tötet Georg den Drachen mit dem Schwert. Dessen toter Leib aber wird von vier Paar Ochsen aus der Stadt geschleift. Nach einer Ermahnung an den König scheidet Georg von ihm, um sein Martyrium zu erleiden, nachdem der König zu Ehren der Gottesmutter noch ein Münster hatte erbauen lassen, aus dessen Altar eine heil­bringende Quellehervorsprudelte.

 

 

Diese einzelnen Züge werden von den bildenden Künst­lern genau übertragen. Besonders von ca. 1470 ab ist die Anlehnung eine vollständige. Alle späteren Bearbeitungen der Legende sind in völliger Abhängigkeit von dem Text der Aurea legenda verfaßt. Bis in die spätesten Zeiten läßt sich der Einfluß verfolgen; selbst ein Georgsgedicht aus „Des Knaben Wunderhorn“ bezeugt dies noch. Der Anfang dieses Gedichtes „In einem See sehr groß und tief, — ein böser Drach sieh sehen ließ“, findet sich wörtlich wieder in einem Freiburger Passionsspiel.

 

Wie diese, so gibt es noch eine Anzahl von Georgsdichtungen, die alle auf die Legenda aurea zurückgehen, wie der „Ruff von dem hl. Ritter Georgio“; das katholische Ruefbüchel (1601) u. a. m. Als Prosaerzählung erscheint unsere Legende in dem bekannten „Heiligenleben“ des Petrus de Natalibus (ca. 1370). Hier schlägt Georg dem Drachen den Kopf mit dem Schwerte ab, nachdem er ihn vorher verwundet hat. In dieser Erzählung haben wir das Vorbild für den Schwert­kampf Georgs, während der Kampf mit der Lanze älter ist und auf ältere Vorlagen deutet. Außer dem genannten Hei­ligenleben gibt es auch verschiedene andere, wie das bei Zainer erschienene Passional oder Heiligenleben. Alle diese sind in Wirklichkeit eine genaue Uebertragung der Aurea legenda, von der sie nur in Nebensächlichkeiten abweichen. Diese Bücher verdrängen das Vorbild bald gänzlich und treten an seine Stelle. Von der Beliebtheit dieser Heiligenleben zeugt die große Anzahl von Neuauflagen aus allen größeren Druckereien Deutschlands. In den verschiedenen Städten entstehen Illustrationen zu seinem Text, die besonders durch ihr ausge­prägtes Lokalkolorit von größtem ikonographischem Interesse sind. Bis 1521 erscheinen in Deutschland ca. 50 solche Drucke.

 

3. GEORGSSPIELE

 

Im engsten Zusammenhang mit diesen literarischen Dar­stellungen und teilweise anhängig von ihnen, stehen die Mysterienspiele. Ihre Bedeutung für die bildende Kunst ist von verschiedenen Seiten schon überzeugend nach­gewiesen worden. Waren die Legendensammlungen für den Inhalt der Darstellungen bestimmend, so konnte der Künstler das Formale aus letzteren schöpfen.

 

Das erste Georgsspiel soll Rudolph von Montfort am Georgsfest in Montfort aufgeführt haben. Ueber dieses Spiel den, „Drachenstich“, wie man die Georgsspiele damals auch nannte, finden wir Näheres bei Leopold von Schröder. Dieser bringt die Georgsspiele in Zusammenhang mit ähnlichen Spie­len heute noch lebender Naturvölker und glaubt in ihnen ein Urschaubild arischen Ursprungs zu sehen. — Auf der Shetlandinsel Papa Store soll unser christlicher Heiliger für einen älteren, mythischen Drachentöter eingetreten sein (vgl. Perseus). Daß auch in den deutschen Georgsspielen noch heid­nische Elemente durchblicken, ist kein Zweifel. Darauf deutet z. B. die Auffassung Georgs als Frühlingsheld bei all diesen Spielen und Tänzen. Solche Darstellungen wurden an vielen Orten Deutschlands aufgeführt, so u. a. in Fürth (Bayerischer Wald); in Nürnberg dichtet Hans Sachs einen neuen Text. Die befreite Prinzessin Aja tritt hier als Kriemhilde auf; ein leiser Anklang an die alte Siegfriedssage. In Magdeburg wird 1466 den Schülern die Aufführung des «Ludus draconis», wohl eingeschlichener Mißbräuche wegen, verboten. Eines der inter­essantesten Spiele ist das Freiburger, ein anderes stammt aus Augsburg, ein späteres von B. Mollero (1473). In der Form herrscht der Dialog, Rede und Gegenrede der handeln­den Personen vor. Ein Gebet beschließt das Stück. Das Augsburger Spiel wurde wohl 1473 das erste Mal vor Fried­rich III. gespielt. In ihm scheint die Legende noch weiter ausgeschmückt. So reicht ein Engel dem Heiligen den Schild. Aus der Liebe, mit der viele solcher kleinen, intimen Züge in die Handlung eingeflochten sind, ersieht man, welcher Beliebt­heit sich dieser Stoff bei den Spielen erfreute, und welche An­regung die bildenden Künstler durch die häufigen Aufführungen daraus zogen. So verdankten sie wohl auch den Spielen den reizenden Zug der Ueberreichung des Schildes durch den Engel, wie wir es auf vielen Darstellungen (Avignon, Tübingen, Wien u. a. s. u.) sehen. Mit dem Schwinden der Georgsverehrung erlischt auch das Interesse an seinen Festspielen. 1557 hören wir aus Freiburg, daß die Schererknechte über die allzu großen Kosten klagen. Sie weigern sich, ferner beim Spiel mitzuwirken, mit der Begründung: „Es sei mehr Gespött als Andacht dabei“. Das Mysterienspiel hatte sich überlebt.

 

Den Spielen verwandt war die persönliche Dar­stellung Georgs oder sogar ganzer Szenen aus seiner Legende im Rahmen der Prozessionen und Umzüge. Es war die Aufgabe der Zünfte, bei solch feierlichen Gelegenheiten be­stimmte Gruppen zu stellen. Von einer solchen Darstellung Georgs erfahren wir aus mehreren Städten. Dürer beschreibt in seinem Tagebuch der niederländischen Reise solchen Um­gang in Antwerpen. Ueber die Georgsgruppe berichtet er: „Auf die Letzt kam ein großer Drach, den führet S. Margareth mit ihren Jungfrauen an einer Gürtel, die was forder hübsch. Der folget nach S. Georg mit seinen Knechten, gar ein hub­scher Kürisser.“ In München stellte sogar der Hof die Georgsgruppe. Margarethe führt den Drachen an rotseidener Binde. Eine Jungfrau trägt den Schweif des Drachens. Darauf Pagen und Knechte.

 

Die Rüstung des hl. Georgs ist noch vor­handen und befindet sich jetzt als Leihgabe des Georgsordens im Münchener Nationalmuseum. Sie besteht aus einem Brustpanzer mit Kreuz darauf, Waffenrock usw., wie wir es auf den damaligen Georgsdarstellungen (Cranach, Altdorfer) sehen. Auch die Panzerung des Pferdes mit dem Kreuz­abzeichen ist noch vorhanden. Interessant ist die Zusammen­stellung Georgs mit Margaretha, als befreiter Prin­zessin, eine Verbindung, die sich auch sonst häufig findet. Der Grund dafür mag wohl darin liegen, daß nach dem Hei­ligenleben Margaretha, wie Georg, eine Drachenüberwinderin ist, nur mit dem Unterschiede, daß sie das Untier, unter dessen Gestalt sich der Teufel verbirgt, nicht mit dem Schwerte besiegt, sondern durch die Macht des Kreuzes, das sie ihm ent­gegenhält.

 

Wir wiesen oben darauf hin, wie die bildlichen Dar­stellungen. — seien es nun künstlerische oder lebendige — ihren Stoff aus der Legende nahmen. Umgekehrt erhält aber auch letztere durch derartige Darstellungen reiche Anregungen zu weiterer Ausschmückung. Neue Züge werden hineinverwoben und die vorhandenen oft so verwischt, daß ein Er­kennen der alten Bestandteile der Georgslegende in vielen Fällen unmöglich wird.

 

Beispiele dafür trifft man in allen Ländern. Besonders die Einflechtung lokaler Elemente hat, wie Vetter mit Recht vermutet, ihren Ursprung in bildlichen Dar­stellungen der betreffenden Gegend. Man verlegt die Handlung gerne in die eigene Heimat und läßt den Drachenkampf, wie z. B. in Stein am Rhein, dort spielen. Einen ähnlichen Fall kennen wir aus Niederbeerbach in Hessen. An Stelle des hl. Georg befreit hier der Ritter Jörg von Frankenstein (Burg in der Nähe von Niederbeerbach) eine Jungfrau, seine Ge­liebte, aus der Gewalt eines Drachens. Diese Ausbildung der Lokalsage ist sicherlich von dem Grabsteine des Ritters Jörg in der Kirche zu Niederbeerbach angeregt worden. Der Ritter steht hier auf einem Drachen und schultert eine Streitaxt.

 

Die Verbreitung der Georgsdarstellungen in der bildenden Kunst steht im engsten Zusammenhange mit der Verbreitung seines Kults überhaupt. Wir müssen daher die Gründe für die zunehmende Verehrung Georgs und seiner Bilder zunächst untersuchen. Hierfür kommen in erster Linie einflußreiche Persönlich­keiten wie Heinrich II. und Maximilian I. in Betracht, die den Kult eifrigst fördern und pflegen. Von noch größerer Bedeutung sind die Genossenschaften, die ihrer Verehrung für den Heiligen durch den Bau von Georgskirchen und die An­schaffung von Kultbildern Ausdruck verleihen. In diesem Sinne wirken verschiedene Orden, wie die Benediktiner, die Mönche von St. Georgen im Schwarzwald und endlich Orden mit ausgesprochen kriegerischem Charakter, wie die Deutsch­herrn und vor allem natürlich die Georgsritterorden selbst. Während diese Vereinigungen alle mehr geistlichen Charakter aufweisen, tragen im Laienstande die Georgskongregationen und Georgsbruderschaften viel zur Verbreitung seines Ruhmes bei. Wir fanden schon, wie wir gesehen haben, in Köln gleich nach den Kreuzzügen eine solche Kongregation. Andere folgen ihr nach. Besonders lebhaft gestaltet sich die Verehrung dort, wo sich schon eine alte Kultstätte des Heiligen befand, wie in Limburg, wo die Georgsgenossenschaft ihr Kollegiatstift besaß; ebenso in Bamberg. Wie wichtig für die Verbreitung von Kultbildern eine solche Georgsbruderschaft werden konnte, sehen wir in Fried­berg in Oberhessen. In der ganzen Umgegend ist weit und breit nirgends eine Georgsdarstellung erhalten, während in der dortigen Kirche sich mehrere befinden. Ihr Entstehen ver­danken sie eben der angesehenen Georgsbruderschaft. Die Be­deutung dieser Genossenschaften, besonders für die Förderung kunstgewerblicher Darstellungen, läßt sich sehr gut aus der Bestätigungsurkunde Bertholds von Henneberg vom Jahre 1492 erkennen. Hier erfahren wir, daß die Friedberger Burggrafen, wie ihre Mannen, je nach ihrem Stande das Rechtbesaßen, eine goldene oder silberne Kette zu tragen. An dieser aber war das Bild des Patrons befestigt. Solche Anhänger sind uns in großer Menge erhalten geblieben.

 

Viele der Mitglieder tragen auch Ringe mit dem Bildnis Georgs. Die Geräte der Gesell­schaft aber sind häufig mit dem Abzeichen des Heiligen (Li­vree), dem roten Kreuze oder gar mit seinem Bilde ge­schmückt, wie z. B. auf einem Reliquiar in Elbing. Eine gleiche Verbindung besteht seit 1310 in Thorn unter dem Na­men „St. Georgi zum Arthushof“.

 

Auch von den Zünften führen verschiedene den hl. Georg als ihren Patron, so die Krämerzunft in Freiburg, welche 1293 das erste Mal erwähnt wird. Auch diese hatte im Münster das Bild ihres Schutzheiligen Georg (erwähnt 1536). Zuletzt widmen auch die Ringer und Fechter dem hl. Georg ihre be­sondere Verehrung.

 

 

4. GEORGSRITTERSCHAFTEN

 

Der hl. Georg entspricht durchaus dem Ideal des Ritter­tums, wie es das Mittelalter erstrebte. Kein anderer Heiliger wäre deshalb geeigneter gewesen, von Rittern sowohl, als von Rittergenossenschaften zum Patron erhoben zu werden. Es war daher nur natürlich, daß die zu seiner Ehre gegründeten ritterlichen Georgsorden sich allmählich über das ganze Abendland verbreiteten. Trotzdem wäre es zu weit gegangen, wollte man diese große Verbreitung — wie Bouchot es tut, als ausschlaggebend bezeichnen für eine entsprechend weite Verbreitung der Georgsbildwerke und ihrer ikonographischen Merkmale. Bouchot nimmt an, daß die Ritterschaften von Burgund herstammen und von dort nach Deutschland vorgedrungen sind. Würde dies zutreffen, so müßten wir also zunächst in Süddeutschland die meisten frühen Darstellungen finden. Das Gegenteil ist aber der Fall. Gerade in Süd­deutschland, besonders im Elsaß, ist die Zahl früher Georgs­bilder viel geringer in jener Zeit (etwa bis 1460), als im Nor­den von Deutschland und in Böhmen. Waren die Georgsritter auch nicht ausschlaggebend für die Ausbreitung des Kultes und die Verbreitung der Georgsbildwerke, so haben sie doch Anteil an ihrer Förderung. So läßt z. B. Georg von Ehingen, ein Mitglied der Gesellschaft von „St. Georgen Schilt“, durch Zeitblom den hl. Georg auf dem von ihm gestifteten Kilchberger Altäre darstellen.

 

Die Anfänge dieser Georgsritterschaften sind, wie wir sahen, in Spanien zu suchen. Der erste dieser Orden, der von Alfana, wurde 1201 gestiftet, 1363 vom Papst gebil­ligt und 1399 von Benedikt XIII. mit dem Orden von Montesa vereinigt, wodurch er seine Selbständigkeit verliert und ver­schwindet.

 

Der spanische Orden steht zu Deutschland in keiner Beziehung. Wichtiger für die spätere Ausbildung des Ordens in Deutschland ist die Gründung der ritterlichen Bruderschaft in Burgund. Philipp von Miolaus brachte 1390 Reliquien des hl. Georg aus dem Orient mit nach Rougemont. Dies gibt die Veranlassung zur Gründung einer adeligen Bruderschaft in dieser Stadt. Miolaus wird der erste Stabmeister (batonier) dieser Gesellschaft. Als Abzeichen trug jedes Mitglied an einem blauen Bande eine goldene Darstellung des hl. Georg zu Pferd mit Drachen. Das bedeutet zugleich eine Förderung kunstgewerblicher Werke.

 

Gegen Bouchots Hypothese spricht ferner auch die Tat­sache, daß wir in Deutschland und zwar in Franken schon vor Burgund eine ritterliche Bruderschaft besitzen. Diese wurde 1357 (oder 1378) von Mitgliedern des fränkischen Adels zu „gegenseitigem Schutz, brüderlicher Hilfe und gemeinschaft­lichem Kampfe gegen die Ungläubigen“ gegründet. Der Or­denscharakter tritt bei dieser deutschen Vereinigung viel schärfer hervor, als bei der burgundischen. Letztere erscheint mehr als eine gesellschaftliche Verbindung des dortigen Hofadels. Der fränkische Orden verliert 1422 seine selbständige Bedeutung durch seine Vereinigung mit dem schwäbischen „Orden des vereinigten Georgschilds“. Durch die Aufnahme der schwäbischen Reichsstädte in den Orden im Jahre 1488 wird sein ursprünglicher Charakter verdunkelt. Die Pflicht des Kampfes gegen die Ungläubigen tritt zurück; dafür aber übernimmt der Orden eine neue Ver­pflichtung, die Wahrung des Landfriedens.

 

Die oben erwähnte schwäbische Gesellschaft vom St. Georgenschilt kam durch einen rein äußerlichen Anlaß zustande. Die Deutschen hatten nämlich das Recht und die Ehre, die von Heinrich II. gestiftete Georgsfahne im Kampfe voranzu­tragen. Dieses Recht machten ihnen 1392 die Böhmen streitig und wollten es für sie in Anspruch nehmen. Es kam dann zu Streitigkeiten. An der Spitze der Deutschen stand Bodmann. Mit ihm verbanden sich 487 Ritter zu einer Ordensgesellschaft. Als Abzeichen sollten alle Mitglieder, — ausgenommen, „die nit edel sind“, — die Livree ihres Patrons, „St. Jürgens Schilt“, tragen. 1422 stellt Sigismund ein Pri­vileg für die Genossenschaft auf. 1468 geht der Herzog Sigismund von Oesterreich ein Bündnis mit ihr ein. — Auch in Oesterreich beginnt der Georgsorden langsam festen Fuß zu fassen. Kaiser Maximilian — und mit ihm Berthold von Mainz — ist es denn auch, der den Orden bestimmt, der allgemeinen Landfriedensvereinigung beizutreten. In Schwaben gehören dem Orden die vornehmsten adeligen Geschlechter an, was ihm eine besondere Bedeutung und Wichtigkeit verleiht. Welch großen Wert dies auch für die allgemeine Ausbreitung des Georgskults in Schwaben hatte, liegt auf der Hand.

 

Besonders ist es der ritterliche Maximilian I., der als Mit­glied des schwäbischen Ordens nicht nur in Schwaben die Verehrung Georgs fördert, sondern auch in seinen Stamm­landen naturgemäß einen großen Einfluß auf die Ausbreitung des Kults gewinnt. Man darf ihn wohl Heinrich II. hierin an die Seite stellen. Was dieser fast 500 Jahre vorher für die Verehrung des Heiligen in Deutschland getan, das wird von Maximilian fast noch übertroffen. In Georg, dem alle ritterlichen Tugenden im höchsten Maße eigen sind, der gegen die Ungläubigen kämpft und die Christen schirmt, der für seinen Glauben duldet und stirbt, erkennt der Kaiser ganz das hehre Ideal des Rittertums, dem er selbst nachzueifern sich bemüht. So weit ging seine Verehrung für Georg, daß er sich sogar selbst von Burgkmaier als Ritter Georg abbilden läßt. Ein Engel hält auf diesem Holzschnitte das Georgsschild, ein anderer das Banner mit dem roten Kreuze. Wie stark der Kaiser auf den Heiligen vertraut, zeigt klar sein folgendes Schreiben: „Ich, der ich von Jugend auf immer dem Märtyrer St. Jörg gefolgt bin, mit dessen Hilfe und Stimme ich häufig ruhm­volle Siege über meine Feinde erlangt habe, — ich bleibe in den Spuren meines Vaters und Vorgängers, aus Liebe zum Glauben und zur Frömmigkeit, die ich gegen Gott zeige und will, daß der Orden, des hl. Georg alle seine Rechte behält und füge neue hinzu.“ Diese Stelle diene zugleich als Zeugnis für das Bestehen des Georgsordens um diese Zeit in Oesterreich. Unter Maximilian beginnt der große Aufschwung des Ordens. Friedrich III. hatte auf die Aufforderung des Papstes (1436) hin den Orden in Kärnten ins Leben gerufen. Der Türken­krieg unter Matthias Corvinus wird jedoch für ihn verhängnis­voll und schwächt ihn sehr. Doch von neuem wird er gestärkt durch die 1493 gegründete Brüderschaft vom hl. Georg. Der Hauptzweck dieser Vereinigung war die Unterstützung der Christen im Kampfe gegen die Türken, teils durch Geld, teils durch Waffen. Als Abzeichen trugen die Ritter auf dem weißen Uebermantel auf der linken Brust ein rotes Kreuz. Der Mantel wurde offengetragen und ließ den geschlossenen, bis auf die Füße reichenden Rock sehen, der mit einer breiten Leibbinde zusammengehalten wurde. Als Abzeichen trugen die Mitglieder der Bruderschaft das rote Kreuz am linken Arm; erst später ein Schild an goldener Kette; jedoch ohne das Bild St. Georgs. Statt dessen ist nur das Kreuz mit Krone darüber auf dem Schild dargestellt. Das Ordensbrevier hat sich noch erhalten. Der erste Hochmeister ist Siebenhirter, der 1468 das Ordenskleid vom Papst selbst empfängt. Auf ihn folgt J. Geymann (starb 23. Dezember 1533)und als dritter Wolf­gang Prautner (starb 28. November 1541). Die Grabsteine dieser drei Männer befinden sich noch in der Ordenskirche zu Mühlstadt. Sie zeigen das Bild der unter ihnen Ruhenden in der oben beschriebenen Ordenstracht. 1598 wird das Ordensgebiet aufgelöst, und Mühlstadt kommt in Besitz der Jesuiten.

 

Maximilian ließ sich auf der Ehrenpforte im Kreise der Ritterabbilden. Zur Verherrlichung des Heiligen plante er auch ein Gegenstück zur Ehrenpforte. Es sollten drei Tor­bogen dargestellt werden. Als Motto das Wort „Andacht“, den Inhalt aber sollten die Taten Georgs bilden. Giehlow vermutet, daß das Moralitetbüchlein, das Maximilian aus politischen Gründen selbst zu Ehren Georgs verfaßte, mit der geplanten „Andacht“ zusammenhängt. Neben Georg finden sich noch verschiedene andere Heilige, die alle mit der Bekämpfung der Türken zusammenhängen. — Der Aufruf Maximilians erwähnt Georg nicht als Vorkämpfer der Christen, sondern als Nothelfer (1503), indem er ihn um Hufe gegen die „Mala francosia“ bittet. Die durch den Aufruf gegründete Bru­derschaft hatte den Hauptzweck, Gott um Abwendung dieser Seuche anzuflehen. Schon seit dem frühesten Mittelalter wurde Georg häufig und gerne zum Schutz gegen Pest und Aussatzangerufen. — So kommt es weiterhin auch, daß besonders in Norddeutschland viele Krankenhäuser seinen Namen tragen und ihn als Patron führen. — In demselben Jahre billigte ferner Maximilian auch den von Herzog Wilhelm von Jülich und Berg und Eitel Friedrich von Hohenzollern begründeten Georgs­orden, bei dem auch die Verpflichtung der Teilnahme am Türkenfeldzug in erster Linie steht.

 

Der jetzt noch in Bayern bestehende Orden soll nach Bindenfeld von Kärnthen herübergekommen sein. Aber nicht nur in diesen, dem Heiligen selbst geweihten und nach ihm benannten Orden ist Georg der Schutzpatron, sondern auch in anderen, wie in dem 1444 von Friedrich II. von Brandenburg gestifteten Schwanenorden.

 

Eine unklare Rolle dagegen spielt der Heilige in dem sogenannten Drachenorden. Dieser wurde 1387 vom Kaiser Sigismund zur Bekämpfung und Ausrottung der Ketzer und Ungläubigen gegründet. Nach Sigismunds Tod löste sich der Orden sofort auf. Als Abzeichen trugen die Bitter einen vierfüßigen Drachen, der sich im Kreise windend seinen Schwanz um den Hals ringelt. Auf dem Rücken trägt er ein Schild mit rotem Kreuz.

 

 

5. GEORG ALS NOTHELFER

 

Die Georgsorden nahmen ihre Mitglieder aus den oberen Ständen, die nicht viel zur Popularisierung des Heiligen bei­trugen. Das geschah mehr durch die Bruderschaften. Besonders aber ist die Zugehörigkeit Georgs zur Gruppe der 14 Nothelfer eine Eigenschaft, die seine Beliebtheit beim Volke steigert. Das Volk sah in Georg weniger den hl. Ritter, der hl. Nothelfer stand ihm näher. Als Helfer in der Not wird er schon sehr frühe angerufen, wie wir aus dem Wiener Palimpsest sehen, wo es heißt: „jeden, der in Not, vor Gericht, in Seegefahr, in Bedrängnis deinen Namen anruft, werde ich erretten“. Seine Aufnahme aber in die beson­dere Gruppe der „Nothelfer“ geschieht erst im 15.Jahrhundert.

 

Nun liegt die Frage nahe, wie ist Georg unter die Zahl der 14 Nothelfer gekommen? Uhrig hält die Nothelfer für Vertreter aller Heiligen. Ihren Ursprung aber sucht er in my­thischen Vorstellungen. Georg setzt er zu Mithras und Sieg­fried in Beziehung. Diese Hypothese entbehrt jedoch jeder Grundlage. Richtig dagegen erscheint mir Günters Meinung, der die Ausbildung des Nothelferkultes auf das den Vierzehn gemeinsame, besondere himmlische Hilfsprivileg zurückführt und den Ausgangspunkt in Franken und Vierzehnheiligen sieht. Da auch die Geistlichkeit dem neuen Kult sympathisch gegenüber­stand, so war ein schnelles Anschwellen der Nothelferver­ehrung nur natürlich. Bamberg erscheint als der Ort, an dem die Nothelferlegende zuerst Boden gewinnt. In der dortigen Diözese findet man auch die ersten Darstellungen dieser Hei­ligen, während Süddeutschland und Norddeutschland sich dann sehr spät anschließen. Dort finden sich die ersten Not­helfergruppen erst beim Beginne der Renaissance. Die Cha­rakterisierung Georgs als Nothelfer schließt die des Kämpfers meist aus. Beide Auffassungen erscheinen streng von einander geschieden. Zwar gibt man ihm auch als Nothelfer, um ihn als Georg zu kennzeichnen, den Drachen bei, aber fast stets ohne jede handelnde Beziehung.

 

Mit dem Tode Maximilians „des letzten Ritters“ nimmt auch bald die Verehrung unseres Heiligen ab. Die Reforma­tion drängt den Heiligenkult immer mehr in den Hintergrund. Als hl. Ritter hatte ja auch Georg seine Mission erfüllt. Das mittelalterliche Ritterideal, das er verkörpert, mußte anderen, neueren Anschauungen weichen. Das „unchristliche“ Schießen besonders hatte Schwert und Lanze verdrängt und damit den Wert des Einzelnen im Kampfe heruntergesetzt. Mit diesem Rückgange hört auch die Entwicklung der Darstellung des Heiligen von selbst auf. Einige Jahrhunderte lang war er der Ausdruck eines in der Zeit lebenden Ideals gewesen. Mit dem Verschwinden dieses mußte er selbst den Platz räumen. Er ist nicht mehr lebendig in dem Herzen des Volkes, er wird zum legendären Ritter in altertümlicher Tracht. So erscheint er in den Darstellungen der vorgeschrittenen Renaissance und des Barocks. Kaum ein Abglanz seiner einst so gefeierten Größe ist ihm geblieben.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0