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St. Georg in Cressac-Saint-Genis


von Hartmut Voelkel


Die Errichtung der Templerkapelle von Cressac-Saint-Genis geht zurück auf die zweite Hälfte des12. Jahrhunderts. Der Grundriß ist ein einfaches Rechteck, typisch für derartige Gebäude des Ordens. Die Architektur ist schlicht gehalten. Ein Sachverhalt, der in deutlichem Kontrast steht zur inneren Ausgestaltung der Kirche. Wandbilder waren in den mittelalterlichen Kirchen der Charente durchaus üblich, aber die von Cressac–Saint-Genis unterscheiden sich sowohl in bezug auf ihren Reichtum wie ihre Thematik von anderen erhaltenen.

 

 

Wegen der Abgelegenheit des Ortes entgingen die Bilder lange der Aufmerksamkeit der Kunstgeschichte. Ihr Erhaltungszustand verschlechterte sich rapide, erst zwischen 1950 und 1960 kam es zu umfassenden Restaurierungsmaßnahmen; trotzdem ist ein erheblicher Teil der Friese unwiederbringlich verloren. Die Feststellung gilt vor allem für die heute ganz schmucklose Südwand. Dagegen sind an der Wand im Osten drei Motive zu erkennen: im Giebelfeld ein Radkreuz mit Sonnen- und Mondmotiven sowie dem „Alpha“ (das Gegenstück mit dem „Omega“ fehlt) nach dem Vorbild eines entsprechenden Motivs in Santiago de Compostella, darunter ein segnender Bischof sowie Sankt Michael, der beim Jüngsten Gericht die Seelen wiegt.

 

 

Auf der Westwand sieht man einen gekrönten Herrscher zu Pferd auf lilienbestreutem Feld mit einer gleichfalls gekrönten Frau (die Interpretation ist schwierig; möglicherweise handelt es sich um eine Darstellung Konstantins oder Ludwigs VII. von Frankreich). Gegenüber erkennt man St. Georg im Kampf mit dem Drachen samt der geretteten Prinzessin. Daß dieser Heilige als Idealbild des miles christianus eine entscheidende Rolle für das Selbstverständnis der Templer spielte, liegt auf der Hand.Insofern kann man – obwohl ein zeitlicher Abstand von mehreren Jahrzehnten anzunehmen ist – einen inhaltlichen Bezug zum Hauptfries der Kirche auf der Nordwand herstellen, das den „Heiligen Krieg“ zwischen Gläubigen und Ungläubigen thematisiert.

 

 

Übereinander sieht man zwei Bänder, die die ganze Breite der Wand einnehmen. Im oberen findet man eine Darstellung des Auszugs mehrerer Kreuzritter aus einer Festung, dann einen Kreuzritter mit eingelegter Lanze, der offenbar einen Sarazenen verfolgt. Nach Überzeugung der Historiker handelt es sich nicht nur um eine der sehr seltenen Darstellungen militärischen Geschehens in einer Kirche des Mittelalters, sondern auch um eine Thematisierung konkreter Auseinandersetzungen im Gefolge des Zweiten Kreuzzugs. Sehr wahrscheinlich geht es um den Sieg der Christen über Nur ad-Din in der Ebene von Homs (1163). An dieser Schlacht nahmen auch Gottfried der Hammer (Bruder von Wilhelm Taillefert, Graf von Angoulême, zu dessen Herrschaftsbereich Cressac-Saint-Genis gehörte) und Hugo VIII. von Lusignan teil. Vielleicht ist mit dem verfolgenden Ritter der erwähnte Gottfried gemeint. Der untere Teil der Bänder ist kaum noch interpretierbar. Wahrscheinlich handelt es sich um die Darstellung eines Gefangenenaustauschs.

 

 

Die Kirche von Cressac-Saint-Genis fiel nach dem Verbot des Templerordens an die Johanniter. Während der Französischen Revolution wurde sie als Nationaleigentum verkauft und am Beginn des 20. Jahrhunderts der evangelischen Kirche Frankreichs übergeben, der sie bis heute gehört und die dort nach wie vor Gottesdienste abhält. Die Wandmalereien gelten als so bedeutend, daß man Kopien der Bilder auf der Nordseite für das Musée des Monuments français angefertigt und in Paris ausgestellt hat.

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