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Drachentöter - eine Einführung


von Hartmut Voelkel


Bezeichnenderweise tritt die Figur des Drachentöters im chinesischen Kulturraum, aus dem die mythische Figur des Drachen ursprünglich kam, nicht auf. Die frühesten bildlichen Darstellungen des Motivs gehen allerdings bis auf das dritte vorchristliche Jahrtausend zurück und stammen aus Mesopotamien. Wir besitzen zum Beispiel Rollsiegel aus Akkad, die einen Heros im Kampf mit dem siebenköpfigen Drachen zeigen, und aus dem Vorderen Orient stammen auch die frühesten literarischen Fixierungen des Drachenkampfs. Es haben sich außerdem erhalten – um nur eine kleine Auswahl zu nennen - die Überlieferungen von dem persischen Helden Rostam, der gegen ein echsenartiges Ungeheuer streitet, von Herakles, der schon als Kind in der Wiege die von Hera gesandten Schlangen erwürgt und später die Hydra besiegt und nicht zuletzt von Sigurd / Siegfried, der den Fafnir tötet. Man hat sehr früh die Parallelen zwischen diesen Mythen und jenen anderen gesehen, die vom Kampf zwischen einzelnen Göttern und Ungeheuern berichten: Indras Triumph über den Chaosdrachen, der Sieg des babylonischen Marduk über das Ungeheuer Tiamat, des ägyptischen Re über die Schlange Apep, des Apollon über den Python, des nordischen Thor über die Midgardschlange, desjapanischen Sturmgottes Susano über den Meeresdrachen.

 

 

Sehr alt scheint auch die Übertragung der Tötung eines Drachen durch einen Gott oder Heros aus dem mythischen in den politischen Zusammenhang zu sein. Hinweise auf die Identifizierung von Feinden mit dem Drachen finden sich im antiken Griechenland, etwa in dem Päan, dem Siegesgesang, der nach der Schlacht angestimmt wurde und der zuerst nach der Tötung des Python durch Apollon vorgetragen worden sein soll. Von den Parthern ist überliefert, daß sie den von ihnen gefangengenommenen römischen Statthalter Manius Aquilius töteten, indem sie ihm geschmolzenes Gold in den Rachen gossen. Hierin nur eine Reaktion auf die römische Besitz- und Beutegier zu sehen, bedeutet wohl eine Verkürzung. Nicht nur, daß mit Crassus ganz ähnlich verfahren wurde, die Szene erinnert überhaupt zu stark an den iranischen Mythos vom Helden Ardeschir, der einen Drachen tötete, indem er ihm geschmolzenes Erz in seine Nahrung gab.

 

 

Auch für die biblischen Schilderungen von Drachenkämpfen gibt es teilweise historische Hintergründe, wichtiger wurde für das Christentum aber die Schilderung des apokalyptischen Drachenkampfes zwischen Michael und dem Satan sowie die Übertragung dieses Geschehens auf Christus als den Sieger über den Tod. Der Kult des Drachentöters Michael war ursprünglich vor allem im Osten verbreitet, hat dann im 9. Jahrhundert aber auch im Westen Fuß gefaßt. Das nicht nur wegen des byzantinischen Vorbildes, sondern auch weil die Gestalt dieses Engels dem kriegerischen Geist der germanischen Völker besonders entgegenkam.

 

Im östlichen wie im westlichen Christentum war Michael niemals der einzige Drachentöter. Neben ihm wurden noch etwa fünfzig weitere Heilige als Drachentöter verehrt, darunter auch einige Frauen wie die Heilige Margarete. Aber die meisten Drachentöter gehörten der Kategorie der „Ritterheiligen“ zu. Der Ritterheilige schlechthin war der Heilige Georg. Die enge Verknüpfung des Drachenkampfmotivs mit der Gestalt des Heiligen geht ohne Zweifel auf die Kreuzfahrer zurück, die den Georgskult in Byzanz und im Vorderen Orient kennen gelernt hatten. Dort gab es zahlreiche Darstellungen des Heiligen, die diesen als „Überwinder“ zeigten, der eine Schlange oder einen Drachen tötete. Zwar waren diese Darstellungen ursprünglich allegorisch gemeint und wiesen auf die Standhaftigkeit Georgs unter der Folter hin, aber jetzt verknüpften sie sich mit einer Vorgeschichte des Martyriums, die ganz naturalistisch von einem Kampf gegen das Ungeheuer berichtete. Eine Rolle spielte dabei ohne Zweifel auch die in der Ostkirche verbreitete Verehrung von Kriegerheiligen wie dem Theodor Tiro und seiner „Verdoppelung“, dem Theodor Stratilates.

 

 

In der Verehrung Michaels wie Georgs gingen seit dem Ende des Mittelalters die kriegerischen Züge zurück. Beide erschienen nach dem Bedeutungsverlust der feudalen Eliten nur noch als bäuerliche Nothelfer. Allerdings hat das der Popularität des Drachenkampfbildes in Europa keinen Abbruch getan, das sich nicht nur in der religiösen Volkskultur, sondern auch in der politischen Propaganda bis in die Gegenwart erhielt.

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