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Wilhelm II. und Sankt Michael


von Benjamin Hasselhorn


Anfang 1917, während des Ersten Weltkrieges, schrieb Wilhelm II. in einem Brief an den Schriftsteller Houston Steward Chamberlain: „Jetzt wird es dem deutschen Michel mit einemmal klar, daß der Kampf für ihn zum Kreuzzug geworden und daß er jetzt St. Michael geworden ist“. Diese und andere Bezugnahmen Wilhelms II. auf den Erzengel Michael sind vielfach als Beleg dafür gedeutet worden, daß Wilhelm II. ein Kriegsbefürworter gewesen sei, der „dualistisch“ und „manichäisch“ geglaubt habe, das absolut Gute zu vertreten und es gegen das absolut Böse zu verteidigen. Dagegen sprechen allerdings die vielfältigen Friedensbemühungen des letzten deutschen Kaisers, der von seinen Zeitgenossen sogar als „Friedenskaiser“ verspottet wurde. Dagegen spricht aber auch die Art und Weise, in der Wilhelm II. den Erzengel Michael künstlerisch und symbolpolitisch einsetzte.

 

 

Das wichtigste Motiv war dabei für Wilhelm, dem „Heiligen Evangelischen Reich Deutscher Nation“ einen Nationalheiligen zu geben. Damit kopierte der Kaiser England, das Sankt Georg als seinen Schutzpatron verehrte. Mit der Propagierung Sankt Michaels konnte Wilhelm II. sich auf eine lange deutsche Tradition berufen: Seit Karl dem Großen und bis zu den Ottonen galt der Erzengel als Reichspatron. Und im 19. Jahrhundert hatte bereits Friedrich Wilhelm IV. im Zuge der Befreiungskriege einen christlichen Nationalheiligen gesucht und war in Sankt Michael fündig geworden.

 

 

Für Wilhelm II. bot sich ein Rekurs auf den Heiligen Michael im wesentlichen aus zwei Gründen an: Michael konnte die seit dem Vormärz verbreitete negative Allegorie des „deutschen Michel“ durch eine positive ersetzen und gleichzeitig Wilhelms II. Konzept einer geistigen Erneuerung aus der Verbindung von Deutschtum und Christentum entgegen kommen. In der religiösen Vorstellungswelt des Kaisers nahm der Heilige Michael eine zentrale Position ein, wahrscheinlich vermittelt durch die Michaelsikonographie der Nationalromantik und Wilhelms biblische Kenntnis. John Röhl hat außerdem wohl mit Recht vermutet, daß die Darstellung des Erzengels von Wilhelm Rottermondt auf dem Koblenzer Tor in Bonn dabei eine Rolle spielte. Während seiner Studienzeit ging Wilhelm täglich an dem Tor vorbei, auf dem der Erzengel selbst sowie Allegorien der Tugenden des katholischen Michaelsordens - Frömmigkeit, Treue, Tapferkeit und Beharrlichkeit - dargestellt sind. Fest steht jedenfalls, daß Wilhelm II. als Kaiser den Erzengel Michael immer wieder künstlerisch und symbolpolitisch einsetzte: Ein Teil der von ihm in Auftrag gegebenen und manchmal sogar selbst entworfenen Michaelsdenkmäler zeigte den Erzengel als Schirmherrn des Hauses Hohenzollern, wie etwa die Michaelsstatue für das Mausoleum in Charlottenburg und das Denkmal am Throtauer Felsen bei Giebichenstein-Halle. Wichtiger war aber das von Wilhelm II. selbst entworfene Denkmal zur Erinnerung an die Gefallenen des 1. Garderegiments zu Fuß in Saint Privat, die den Heiligen Michael sowohl als Heerführer als auch als „Seelengeleiter“ präsentierte. In seiner Rede zur Enthüllung des Denkmals am 18. August 1899 führte Wilhelm II. dazu aus: „Die gewählte Form des Denkmals ist abweichend von der sonst auf Schlachtfeldern üblichen. Der gepanzerte Engel stützt sich, friedlich ruhend, auf das Schwert (...). Ich will daher, daß dieser Figur auch eine allgemeine Bedeutung verliehen werde. Sie steht auf diesem blutgetränkten Felde gleichsam als Wächter für alle hier gefallenen braven Soldaten beider Heere (...).“ Inhaltlich in die gleiche Richtung ging ein Entwurf Wilhelms II. von 1912 für ein Gedenkblatt für Armeeangehörige. Das dann von Emil Doepler ausgeführte Blatt zeigt Michael, der auf Kriegsgerät einen Kranz niederlegt und damit seinem irdischen Mitstreiter, dem deutschen Soldaten, die Ehre erweist.

 

 

Das in den Entwürfen enthaltene Verständnis von Michael als einem – notfalls kämpferischen – Wächter des Friedens diente Wilhelm II. auch als Ausdruck des eigenen politischen Auftrags. Dafür spricht zunächst ein vom Kaiser selbstgemaltes Bild, das einen jungen Ritter in Deutschordenstracht mit dem preußischen Adler auf dem Waffenrock zeigt, der vor einem Tempel steht und die im Inneren versammelten Frauen und Kinder gegen vor dem Portal versammelte Teufelsgestalten verteidigt. Der Entwurf wurde von Hermann Knackfuß ausgeführt und im November 1896 mit dem Untertitel „Niemand zu Liebe, Niemand zu Leide!“ veröffentlicht. In einer Rede bei dem Festbankett am 10. Mai 1896 in Frankfurt äußerte der Kaiser die Hoffnung, „ (...) daß auch wie bisher der Erzengel Michael in goldener Wehr strahlend, vor dem Thore des Friedenstempels der Welt stehend, dafür sorgen wird, dass niemals böse Geister im stande sein werden, den Frieden unseres Landes ungerecht zu stören.“ Daß Wilhelm II. mit dem Ritter sich selbst meinte und sich damit als „deutscher Michael“ (Robert Stalla) inszenierte, liegt durch die Rede nahe und wird bestätigt durch eine Bronzestatue, die ihn selbst in Kreuzrittertracht zeigt und die er Hohenlohe 1898 zu Weihnachten schenkte. Zwei von Wilhelm II. autorisierte Bühnenstücke deuten ebenfalls in diese Richtung: Das allegorische Drama „Willehalm“ von Ernst von Widenbruch von 1897 und das pantomimische Festspiel „Der Deutsche St. Michael“ von Franz Büttner-Pfänner zu Thal aus demselben Jahr. Im ersten Stück geht es um die Befreiung der deutschen Seele durch den Königssohn Willehalm. Auf Wunsch Wilhelms II. war die Schlußszene geändert worden: Statt eines in Wallhalla einziehenden Willehalm beugte sich nun die Seele Deutschlands über den Toten und küßte ihm die Stirn. Das zweite Stück handelte in ganz ähnlicher Weise von der Befreiung Germanias aus den Fängen des germanischen Gottes Loki – durch Sankt Michael. Im zweiten Teil des Stückes verteidigt Michael den deutschen Friedenstempel gegen die von Loki angeführten Feinde und rettet damit Germania: die Parallelen zur Zeichnung Wilhelms II. von 1896 sowie zu Wildenbruchs Stück sind unübersehbar. Daß es nun aber explizit der Erzengel Michael ist, der Deutschland rettet, weist zusätzlich auf das Christentum als Kraftquelle für die deutsche Seele hin, zumal Michael Deutschland aus den Händen eines germanisch-heidnischen Gottes befreit.

 

 

Wilhelms II. Michaelsverehrung erschöpfte sich aber nicht darin, ihn zum christlichen Einheitssymbol der deutschen Nation zu erklären; der Erzengel war ein Schutzpatron des Deutschen Reiches in einem umfassenderen Sinn. Das wird bereits deutlich am dritten Teil des Festspiels, in dem Michael die europäischen Nationen im Kampf gegen Loki anführt. Dasselbe Motiv zeigt sich in der berühmtesten Darstellung des Erzengels durch Wilhelm II.: der 1895 von ihm entworfenen und dann von Hermann Knackfuß ausgeführten Zeichnung „Die gelbe Gefahr“, die Michael mit dem Flammenschwert vor den Personifikationen der europäischen Nationen zeigt und sie angesichts eines auf Wolken heranschwebenden Buddhas auffordert, ihre „heiligsten Güter“ zu wahren. Wilhelm II. schickte die Zeichnung an den russischen Zaren und erklärte dazu, das Bild zeige „die europäischen Mächte, jede durch ihren Genius vertreten, zusammengerufen durch den vom Himmel gesandten Erzengel Michael, wie sie sich im Widerstande gegen das Eingreifen des Buddhismus, des Heidentums und der Barbarei zur Verteidigung des Kreuzes vereinigen. Besonderer Nachdruck ist auf dem vereinigten Widerstand aller europäischen Mächte, der ebenso notwendig ist gegen unsere gemeinsamen inneren Feinde: Anarchismus, Republikanismus, Nihilismus.“ Sankt Michael war nach dieser Vorstellung der symbolische Garant einer wehrhaftchristlichen europäischen Friedensordnung – selbstverständlich unter deutscher Führung.

 

 

Tatsächlich entsprach dieses Bild genau dem außenpolitischen Konzept, das der Kaiser immer wieder vortrug. Schon 1892 hatte Wilhelm II. dieses Leitmotiv der Außenpolitik gegenüber Eulenburg prägnant zusammengefaßt: „Ich hoffe, daß Europa allmählich den Grundgedanken meiner Politik durchschauen wird: Die Führung im friedlichen Sinn - eine Art Napoleonischer Suprematie - Politik, die ihre Ideen mit Gewalt der Waffen zum Ausdruck brachte, - in friedlichem Sinn.“ An diesem Konzept hat Wilhelm II. während seiner gesamten Regierungszeit festgehalten. Das erklärt sowohl das stete Bemühen, den Frieden zu wahren, als auch die prinzipielle Bereitschaft, die eigenen Ideale notfalls mit Waffengewalt zu verteidigen. Der Erzengel Michael als christliche und friedliche, aber gleichzeitig kämpferische Figur brachte das außenpolitische Konzept des Kaisers symbolisch auf den Punkt. Dagegen sprechen weder die wechselhaften praktisch-politischen Koalitionsvorstellungen noch die dem ungestümen Gemüt geschuldeten „kriegerischen“ Momentsäußerungen des Kaisers, und auch nicht die Verwendung Michaels während des Ersten Weltkrieges als Schutzherr über die Koalition der Mittelmächte: Wilhelm II. verstand den ganzen Krieg als Verteidigungskampf und hoffte im Falle eines Sieges darauf, endlich seine Vorstellung einer tragfähigen europäischen Friedensordnung verwirklichen zu können.

 

 

Das alles stellt die Annahme in Frage, Wilhelm II. sei ein Kriegstreiber gewesen und der Erzengel Michael der dazu passende symbolische Ausdruck. Es gibt vielmehr der These des schottischen Historikers Niall Ferguson vom Ersten Weltkrieg als dem „falschen Krieg“ zusätzliche Plausibilität, der außerdem falsch ausgegangen sei, da er im Falle eines deutschen Sieges dazu geführt hätte, daß die „Deutschen wohl acht Jahrzehnte vor der Zeit eine Version der Europäischen Union“ (Niall Ferguson) geschaffen hätten.

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